Mittwoch, 12. Dezember 2018

Gott kommt - mitten ins Leben

In der Ferne

Seit über zwei Jahren gehe ich jede Woche einmal in die Flüchtlingsunterkunft und gebe Deutschunterricht. Ich bin kein Lehrer. Viel lieber ginge ich mit den jungen Leuten in den Zoo, zu einem Konzert, meinetwegen auch zum Fußball. Aber ich denke, das sollen Gleichaltrige machen, die verstehen sich viel unkomplizierter. Deutsch kann ich ganz gut. Wir sind zwölf ehrenamtliche Deutschlehrer. Die Absprachen, wer wann kann, funktionieren problemlos. Alle vier Wochen treffen wir uns.

Heute kam es zum ersten Mal zu einem richtigen Streit zwischen uns: Im Augenblick sind vor allem Syrer in der Unterkunft, und freitagvormittags kommen nur wenige zum Unterricht. Sie fahren nach Berlin in die Moschee. "Müssen sie denn unbedingt am Vormittag hinfahren? Ich kann mir gar nicht denken, dass sie so fromm sind, dass sie jede Woche zum Freitagsgebet gehen wollen. Das machen sie zu Hause gewiss auch nicht." So ging es hin und her.

Ich bin nicht der große Redner vor einer Gruppe. Aber da habe ich doch etwas gesagt: "Also Leute, ob sie fromm sind oder nicht, können wir gar nicht beurteilen. Und es interessiert mich auch nicht. Aber ich denke, die wöchentlichen Moscheebesuche sind für die Gläubigen wichtig. Und für die anderen ist es bestimmt tröstlich, identitätsstärkend (ich weiß nicht, ob ich dieses Wort vorher schon einmal benutzt habe) und einfach schön, die von daheim bekannten Riten zu wiederholen, sich an die Heimat und an vertraute Personen zu erinnern. Sie hören und sprechen ihre Muttersprache ganz selbstverständlich und treffen mit Menschen zusammen, die sie in der Unterkunft nicht sehen."
"Und lassen uns hier warten!"
"Na", sagte ich, "wir können doch ausprobieren, freitags den Unterricht auf Nachmittag zu verlegen."
Darauf haben wir uns geeinigt. Wir haben der Sozialarbeiterin Bescheid gesagt. Mal sehen, wie es am Freitag wird.

Auf dem Heimweg habe ich mich gefragt, wie "identitätsstärkend" wäre für uns die regelmäßige Teilnahme am Sonntagsgottesdienst, wenn wir fremd in einer muslimisch geprägten Kleinstadt leben müssten.