Mittwoch, 5. Dezember 2018

Gott kommt - mitten ins Leben

Spuren des Lichts

Nun hatte es doch geschneit, allen Wettervorhersagen zum Trotz. Der Weg zum Friedhof in Alexanderdorf war nicht gekehrt. Das war auch nicht nötig, denn so viel Schnee war nicht gefallen, dass Vero hätte ausrutschen können. Aber Spuren waren zu sehen, viele Spuren. Vero wunderte sich, dass am frühen Vormittag so viele Menschen auf den Friedhof gegangen waren. Von einer Beerdigung, die hätte sein sollen, wusste sie nichts. Sie wollte am Hochzeitstag der Eltern eine Kerze aufs Grab stellen. Das hatte Vater nach Mutters Tod alljährlich getan, und sie hatte den Brauch nach seinem Tod beibehalten.

Als sie den Friedhof betrat, wurde ihr klar, was die vielen Spuren zu bedeuten hatten: Auf jedem Grab brannte ein Licht. Dass auf den Gräbern der Schwestern vom nahen Kloster oft Kerzen brannten, war sie gewohnt. Aber jetzt leuchtete es von allen Gräbern. Die Nonnen konnten es nicht allein gewesen sein, denn Vero hatte Männer-, Frauen- und Kinderspuren unterschieden. Beim Näherkommen sah sie, dass es nicht Kerzen waren, wie sie sie in der Drogerie kaufte, vielmehr schien es, als ob die Lichter ohne Wachs oder Stearin und ohne Docht brannten. Auch auf dem Grab der Eltern leuchtete es.
Einen Augenblick zögerte Vero, ob sie ihre Kerze, die ihr mit einem Mal dürftig vorkam, trotzdem aufs Grab stellen sollte. Sie tat es dann doch, denn es war ja ihr Geschenk für die Eltern, was durch nichts zu ersetzen war.

Das Bild des strahlenden Friedhofs verließ Vero den ganzen Tag über nicht. Sie traute sich nicht, davon zu reden. Lediglich ihrem Mann erzählte sie es, als er am Abend nach Hause kam. Er sagte gar nichts. Erst Stunden später, nachdem sie schon längst über anderes gesprochen hatten, sagte er: „Vielleicht waren es die Seelen der Toten, die sich über ihre Erlösung freuen, die an Weihnachten begonnen hat.“ Aber dazu hätten die vielen Spuren auf dem Weg nicht gepasst.