Montag, 24. Dezember 2018

Heiligabend: Gott kommt - mitten ins Leben

Geburtstag

Wir waren drei Frauen, die fast zur gleichen Zeit entbunden haben.

Links neben mir lag eine Frau aus Kamerun, rechts neben mir eine ganz junge Frau, die so sprach, als habe sie ihr ganzes Leben in Berlin zugebracht. Obwohl ich sie nicht sah, erkannte ich an der Stimme, dass sie noch sehr jung sein musste. Begleitet wurde sie von einem Mann, den ich natürlich auch nicht sehen konnte. Der Stimme nach war er schon älter. Erst dachte ich, es sei ihr Vater. Aber die Hebamme sagte, es sei ihr Mann. „Aber sehr freundlich und verständig“, fügte sie hinzu. Wahrscheinlich hatte sie sich über den Altersunterschied ebenso gewundert wie ich. Viel zum Wundern kam ich freilich nicht. Ich hatte ja mit der Geburt zu tun.

Ich habe mir erst danach, als ich hier im Zimmer lag, alles zusammengereimt und mit Sylvie darüber gesprochen. Das ist die Frau aus Kamerun. Unsere Verständigung war zwar etwas holprig. Sie spricht ein wenig deutsch und ausgezeichnet französisch, viel besser als ich.

Aber wir sind uns beide darin einig, dass wir etwas Besonderes erlebt haben: Als die junge Berlinerin hereingefahren wurde, überkam uns beide eine große Zuversicht. Du denkst ja immer, hoffentlich geht alles gut, hoffentlich ist das Kind gesund, hoffentlich überstehst du selbst die Geburt. Dann wirst du durch die Wehen hin- und hergeschleudert und kannst gar nichts denken. Diese körperlichen Schmerzen blieben natürlich. Aber die Sorge, dem Kind und mir selbst könnte etwas passieren, waren plötzlich weg. Wir dachten, genauer wir fühlten: Es wird schon alles gut gehen – und überließen uns ganz ruhig allem, was in und mit unseren Körpern geschah. Dann waren die beiden Mädchen geboren, die junge Berlinerin hatte einen Jungen entbunden. Wir waren überglücklich, erleichtert und erschöpft.

Als ich wieder aufwachte, schien es mir, als ob vom Bett der Berlinerin ein Lichtschein käme. Wenn Sylvie nicht genau dasselbe berichtet hätte, dächte ich, vor lauter Glück und Erschöpfung hätte ich mir etwas eingebildet. Aber da wir beide es gesehen haben, muss doch etwas dran sein.

Und jetzt kommt´s: Max und Sylvies Mann, dessen Doppelnamen ich mir nicht gemerkt habe, waren zwar zuerst skeptisch und überrascht, meinten dann aber, es sei doch vorhergesagt, dass der Erlöser unter ganz normalen Menschen unter ganz normalen Umständen geboren werde. Sylvies Mann ging sogar so weit zu sagen, vielleicht bestehe nun endlich eine realistische Aussicht auf ein Ende der Kriege und auf Hilfe für Flüchtlinge. Und Max fügte hinzu, auch in Berlin und Deutschland gebe es viel Not. Der könne nun auch abgeholfen werden.

Ich habe Max noch nie so begeistert reden gehört. Überhaupt wusste ich nicht, dass er solche Überlegungen anstellt. Sylvies Mann kannte ich ja nicht. Aber mein Max?!

Und das soll alles mit diesem kleinen Jungen zusammenhängen, der in einer ganz normalen Berliner Klinik gemeinsam mit zwei ganz normalen Kindern auf die Welt gekommen ist?