Montag, 3. Dezember 2018

Gott kommt - mitten ins Leben

Zukunftsmusik

Die vierköpfige Familie fuhr im Zug von Berlin nach Binz. Ursprünglich wollten die Eltern zu Weihnachten und über den Jahreswechsel an der Ostsee sein. Aber die beiden Söhne, Jakob und Jonathan, 16 und 18 Jahre, hatten protestiert: sie wollten Weihnachten zu Hause feiern, alles sollte so sein wie immer mit Weihnachtsbaum und Mitternachtsmesse. Und natürlich wollten sie während der Ferien- und Feiertage mit Freunden zusammen sein.

Sie hatten die Eltern umgestimmt und freuten sich jetzt auf die Tage in Binz. Von der Landschaft, durch die der Zug fuhr, sahen sie wenig. Sie waren mit ihren Smartphons beschäftigt; lachten gelegentlich, zeigten einander verrückte Bilder und schrieben ihren Freunden vergnügte, alberne Nachrichten.
Je mehr sie sich von Berlin entfernten, umso unsicherer wurde der Empfang. Auf den Displays erschien immer wieder die Meldung „Kein Netz“. Das schien aber nicht zuzutreffen; denn irgendetwas empfingen sie: rhythmische Musik, einiges hörte sich wie Rap an. Anfangs verstanden sie den Text nicht und meinten, es sei Türkisch oder eine arabische Sprache. Dann erkannten sie doch einige Wortfetzen: Kein Krieg, über andere kein Sieg ... Auf der Flucht, er hat auch dich gesucht ...

Dann war wieder nichts zu verstehen, und es erschienen Bilder auf den Displays: Immer wieder Kinder, die vor einer Gefahr weg- und auf eine Person zu rannten. Ob es sich dabei um eine Frau oder einen Mann handelte, war nicht zu erkennen. Zu sehen war lediglich, dass es eine helle, fast strahlende Person war, deren Arme so lang waren, dass sie alle Kinder umfassen konnte. Freilich wurden es immer mehr Kinder, und die beiden Jungen fragten sich, ob die Arme ausreichen würden, alle aufzunehmen.
Das konnten sie nicht mehr sehen. Der Zug fuhr in Binz ein, die Handys zeigten wieder ihre normalen Displays. Auf dem Weg vom Gleis zum Ausgang entnahmen Jakob und Jonathan den Unterhaltungen um sie herum, dass sie nicht die Einzigen waren, deren Geräte „verrückt“ gespielt hatten. Andere Jugendliche sprachen von ähnlichen Bildern und von dieser seltsamen Musik.