Samstag, 15. Dezember 2018

Gott kommt - mitten ins Leben

Unter dem Schnee

Ich muss noch klein gewesen sein; denn seit ich sieben oder acht Jahre alt war, haben mich die Eltern abends allein zu Hause gelassen. Bis dahin kümmerten sie sich immer darum, dass jemand bei mir blieb.
An diesem Abend war eine Verwandte meines Vater bei mir und las mir zum Einschlafen eine süßliche Geschichte vor, die ich längst vergessen hätte, wenn darin nicht eine Strophe vorgekommen wäre, die ich mir gemerkt habe. Ich weiß nicht, warum. Vermutlich hat die Vorleserin sie mehrmals wiederholt: Neben stolzen Eisengrüften / steht ein armes Reihengrab. / Und zu allen aus den Lüften / fällt der weiße Schnee herab.

Es muss darum gegangen sein, dass sich ein armes, ungepflegtes Grab gegenüber so genannten Erbbegräbnissen benachteiligt gefühlt habe; und nun falle weißer Schnee, der alle Gräber gleich schmücke.

Warum mir diese Strophe jetzt einfällt? Wahrscheinlich weil es heute zum ersten Mal geschneit hat und der Dreck im Nachbargarten zugedeckt ist. Das Haus steht seit dem Frühjahr leer, und jetzt ist bald Weihnachten. Vorbeigehende werfen oft Abfall über den Zaun. Wie das so ist, wenn erst einmal drei Getränkedosen auf der Wiese liegen, liegen bald zehn dort. Anderer Abfall fliegt hinterher. Nun liegt also erst einmal Schnee darüber. Wie in dem kitschigen Märchen macht der Schnee alle Vorgärten in unserer Straße erst einmal weiß. Andere Unterschiede bleiben, die Größe zum Beispiel, ob Bäume und Sträucher darin stehen oder nicht. Aber in einem sind sie alle gleich: sie sind weiß.

Morgen oder übermorgen wird der Schnee wegtauen, und alle Unterschiede sind wieder sichtbar. Aber dass für eine kleine Weile alle Gärten in einer Hinsicht gleich sind, nämlich weiß, dieser Gedanke lässt mich nicht los. Ich weiß gar nicht, warum. Und ich will ihn auch nicht weiter ausspinnen, sonst verrenne ich mich noch.

Heute sind alle Gärten weiß. Das beruhigt mich auf unerklärliche Weise.