Samstag, 22. Dezember 2018

Gott kommt - mitten ins Leben

Drei Männer, fünf Kamele und ein Baby

Wir Berliner sind viel gewohnt. Heute habe ich aber doch gezweifelt, ob ich noch normal im Kopf bin: Am späten Nachmittag standen an der unübersichtlichen Kreuzung in Berlin-Mitte am Hackeschen Markt drei Männer mit fünf Kamelen. Das ist ja erst einmal nichts Aufregendes.

Die drei Männer benahmen sich nicht wie Hinterwäldler, aber auch nicht wie Artisten, die überall und nirgends zu Hause sind. Sie wirkten auch nicht wie Flüchtlinge, denn wie hätten sie die Kamele übers Mittelmeer transportieren sollen. Die Balkanroute war so gut wie gesperrt, auf ihr war schon lang niemand mehr gekommen.

Natürlich war die sonderbare Gruppe sofort umlagert, wurde ausgefragt, woher sie kämen, was sie hier wollten und wo sie übernachteten. Anfangs schienen die Kamelhirten überhaupt nichts zu verstehen. Und die Frager wurden aus den Antworten ebenfalls nicht klug.
Das alles war ja noch normal. Normal fand ich auch, dass sich sofort viele Flüchtlinge um die Fremden scharten. Es waren vor allem junge Männer aus Syrien. Aber auch sie wurden aus den Fragen der Fremden nach Charity oder Hospital nicht klug, obwohl sie sich fließend unterhielten, die Sprache also verstanden.

Die Berliner begannen bereits sich zu zerstreuen. Da kam ein junger Mann aus Eritrea aus dem S-Bahnhof, sah die Kamele und ging geradewegs auf sie zu. Dabei wurde sein ernstes Gesicht immer heller. Als er schließlich vor den Kamelen und ihren Begleitern stand, verbeugte er sich auf altmodische Weise vor ihnen. Wie selbstverständlich griff er einen Riemen des ersten Kamels und führte es weg. Die drei Männer hörten auf zu fragen und folgten ihm. Der junge Eritreer drehte sich zu ihnen um, strahlte übers ganze Gesicht, wies mit der freien Hand nach vorn und sagte: „Baby.“ Die Kamelhirten nickten und folgten ihm.