Sonntag, 2. Dezember 2018 - 1. Advent

Gott kommt - mitten ins Leben

Engel auf Rädern

Ein Freund erinnert sich: In der Großen Hamburger Straße in Berlin liegt das katholische St. Hedwigs-Krankenhaus. Bis zu seinem Tod wohnte in unmittelbarer Nähe Uwe Wulsche, Priester und Krankenhausseelsorger.

Uwe Wulsche hatte beide Beine verloren und war an den Rollstuhl gebunden. Aber er wollte nicht „der Priester ohne Beine“ sein. Er wollte so normal wie möglich Priester sein, belastbar, anrufbar, verletzbar. Er wollte dem dienen, der sich uns vom Altar herab zuwendet. Und er wollte denen dienen, die vor dem Altar sitzen, stehen und knien. Und nicht nur denen, sondern auch denen, die gar nicht wissen, dass es in Berlin Altäre gibt, die gar nicht wissen, was ein Altar ist.

Priester sollen Diener unserer Freude sein. Und das ist Uwe Wulsche ganz bestimmt gewesen. Er konnte mürrische, eingeengte, ängstliche und verklemmte Menschen zur Freude bringen. Ich habe Uwe nie unfroh verlassen. Ich war betrübt und besorgt über seine Krankheit; ich hatte Sorgen, die mit ihm nichts zu tun hatten – aber ich bin immer freudig zur S-Bahn gegangen.
Es kam oft vor, dass einer von außen an sein Fenster klopfte und ein Gespräch begann. Dem konnte Uwe Wulsche nach Kurzem sagen: „Komm rein, draußen wird´s zu warm.“ Und das Gespräch ging weiter oder begann erst richtig.

Uwe konnte ruppig und zart sein.
Ich will nicht Heiligsprechung betreiben. Aber wenn ich gefragt werde, wie ich mir einen Engel vorstelle, dann denke ich immer auch an Uwe Wulsche: stets auf Christus verweisend, nie auf sich selbst; offen, neugierig, gelegentlich wütend und verzagt, aber immer einladend, nicht rechthaberisch, sondern ein aufmerksamer Zuhörer, ein großzügiger Schenker: er verschenkte seinen Besitz, seine Zeit. Er verschenkte sich selbst.

Ein Engel rollt die Große Hamburger Straße entlang, sieht die vielen gehetzten, mürrischen Gesichter, bleibt unvermittelt mit seinem Rollstuhl stehen, fasst einen jungen Mann, der verbissen auf sein Handy starrt, am Ärmel und fragt: „He, freust du dich gar nicht, dass bald Weihnachten ist?“ Der Angesprochene grinst, antwortet: „Recht haste, Alter“ – ist nicht mehr verbissen, sondern überlegt, was er zu Weihnachten verschenken könnte.