Sonntag, 23. Dezember 2018 - 4. Advent

Gott kommt - mitten ins Leben

Ent-Bindung

Die Hebamme erzählt:

Als die beiden in die Klinik kamen, dachten wir: Ach du liebe Zeit! Wieder so ein alter Mann mit einer jungen Frau, die seine Tochter sein könnte! Das ist bestimmt die zweite Frau. Die Kinder aus erster Ehe haben wahrscheinlich selbst schon Kinder. Nun wollte es sich der Alte noch einmal beweisen und nahm sich eine junge Frau. Das arme Kind, das bei einem Vater aufwächst, der sein Großvater sein könnte. Der wird uns hier auf der Entbindungsstation alle verrückt machen. Natürlich wollte er bei der Entbindung dabei sein. Ich habe zu Beate gesagt, sie solle ihn im Blick behalten, er werde gewiss umfallen, wenn die Geburt beginnt, wenn er Blut sieht.

So gehässig können wir Hebammen sein. Wir haben aber auch schon genug erlebt mit so alten Gockeln.
Dann kam alles, aber wirklich alles, ganz anders: Als wir die Personalien aufnahmen, stellte sich heraus, dass es seine erste Ehe war, dass er noch keine Kinder hatte, dass also dieser Junge sein erster Sohn sein würde. Dass es ein Junge würde, wusste das Paar bereits. Es würde vermutlich auch ihr einziges Kind bleiben. Josef, so heißt der Mann, meinte, in seinem Alter müsse man es sich überlegen, ob man noch mehr Kinder in die Welt setze. Schließlich trüge man ja Verantwortung für Frau und Kind. Was mich für ihn einnahm, war, dass er damit nicht Geld und Versorgung meinte, sondern das Zusammenleben mit dem Kind. Er hat das Wort "Werte" nicht gebraucht. Aber er hat es so gemeint. Dass er dem Kind vorleben wollte, wie es "anständig" leben könne, freundlich, hilfsbereit, ehrlich. Auch ein wenig die Zähne zusammenbeißen lerne. Als ich ihn ansah, dachte ich: Zähne habe er gewiss schon oft zusammenbeißen müssen.

Die Frau sagte wenig. Sie hörte genau zu. Und obwohl die Wehen in immer kürzeren Abständen kamen, schien sie sich darüber zu freuen, was ihr Mann sagte. Ihr Gesicht wirkte zwar angespannt, aber auch ruhig, fast zufrieden. Das erlebe ich immer wieder bei werdenden Müttern: Sie sind froh, wenn es endlich „losgeht“.