10 Gebote gegen Wohnungslosigkeit

Jeder Mensch braucht ein Dach über dem Kopf

Ulrike Kostka

An vielen Ecken und Plätzen sieht man obdachlose Menschen in Berlin. Im Tiergarten sind Zelte aufgestellt, auch manche Gemeinden erleben in ihrem Umfeld obdachlose Menschen. In Berlin gibt es ca. 3000 bis 6000 obdachlose Personen, vielleicht sind es noch viel mehr. Es gibt keine Statistik. Jedoch sind dies nicht die einzigen, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind. Denn über 20.000 Menschen leben in der Hauptstadt in Notunterkünften, Übergangseinrichtungen oder finden nur vorübergehend eine Unterkunft bei Bekannten. Der Sozialdienst katholischer Frauen erlebt in seinen Einrichtungen Eva’s Haltestelle und Eva’s Obdach (an der Hedwigskathedrale), dass immer mehr Frauen von Wohnungslosigkeit betroffen sind. Die Gründe sind dabei vielfältig und reichen von Gewalterfahrungen in der Partnerschaft, psychischen Erkrankungen bis zu Schulden und Zwangsräumung.

In den 400 Caritas-Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe erleben wir deutschlandweit: Immer mehr Menschen sind von Wohnungslosigkeit betroffen. Wir können ihre Zahl nur schätzen. Denn es gibt auch keine bundesweite Statistik. Nach Berechnungen der Bundesarbeitsgemeinschaft der Wohnungslosenhilfe (BAGW) waren im Jahr 2014 ca. 335.000 Menschen ohne Wohnung. Die BAGW  geht davon aus, dass es 2018 ungefähr eine halbe Million Menschen sein werden. Es wird immer schwerer, Wohnungen für Menschen mit sozialen Problemen zu finden. Sie sind bei der Wohnungssuche meist chancenlos. Doch im Bundestagswahlkampf spielten wohnungslose Menschen keine Rolle. Sie haben keine starke Lobby.

Wohnungsnot wird ein immer drängenderes Problem und zwar nicht nur in Großstädten wie hier in Berlin. Denn in Deutschland fehlen über eine Million Wohnungen. Wenn sich selbst manche aus der Mittelschicht ihre Wohnung aufgrund steigender Mieten nicht mehr leisten können, wie sieht es dann erst bei Menschen in schwierigen Lebensumständen aus – bei Schulden, Sucht oder psychischen Problemen?

Wohnungslosigkeit ist auch ein Spiegel der Armut in zahlreichen EU-Staaten. Viele Menschen sind aus ärmeren EU-Ländern nach Deutschland gekommen, um ein besseres Leben  zu finden. Oft werden sie auf dem Arbeitsmarkt ausgebeutet. Manche sind hier gestrandet. Durch die neuen Bundesgesetze zum Leistungsausschluss für EU-Bürger fallen sie durch sämtliche Netze. Oft ist ihnen die Rückkehr in die Heimat nicht möglich. Sie leben am Rande unserer Gesellschaft und führen ein Leben im Schatten, oft nur aufgefangen durch spendenfinanzierte und freiwillige Angebote wie kirchliche Suppenküchen oder unsere Caritas-Ambulanz am Bahnhof Zoo. Aus unserer Sicht verschiebt hier die Politik Verantwortung auf Ehrenamtliche und freiwillige Initiativen!

10 Gebote gegen Wohnungslosigkeit
Seit Januar bin ich Vorsitzende der Katholischen Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (KAG W). Die KAG W will die Situation von wohnungslosen Menschen aus dem Schatten herausholen. Denn wohnungslose Menschen gehören in die Mitte unserer Gesellschaft. Die Politik kann sich nicht länger leisten, dieses Thema zu verdrängen. Es geht um Grundfragen von Solidarität und Menschenwürde. Es geht auch um das Zusammenleben in vielen Städten und ländlichen Regionen. Denn auch auf dem Land  und in Mittelstädten wächst zum Teil die Wohnungsnot.

Deshalb hat die KAG W „10 Gebote gegen Wohnungslosigkeit“ formuliert (www.kagw.de). Sie fassen zusammen, was getan werden muss gegen Wohnungslosigkeit und wie Lösungen aussehen können.

Die Zehn Gebote der Bibel sind auch noch nach mehreren tausend Jahren ein Orientierungspunkt für menschliches Zusammenleben. Bei Wohnungslosigkeit geht es genau darum: Um Menschenwürde, Solidarität und soziale Gerechtigkeit. Darum haben wir mit den „10 Geboten gegen Wohnungslosigkeit“ bewusst einen ethischen Ansatz gewählt und uns bei unserer Aktion assoziativ auf die grundlegenden Gebote des Christentums bezogen. Damit wollen wir ausdrücken, dass es nicht nur um Sozialpolitik geht, sondern um unsere Haltung als Gesellschaft. Mit den 10 Geboten gegen Wohnungslosigkeit fordern wir dazu auf, endlich entschlossen zu handeln und zeigen Wege, die aus unserer Sicht beschritten werden müssen.

In den letzten Monaten gab es große Probleme in der Automobilindustrie. In kürzester Zeit wurden deshalb „Dieselgipfel“ im Kanzleramt organisiert. Sicherlich sind sie wichtig. Bei der Wohnungsnot geht es aber um elementare Grundbedürfnisse von Menschen. „Du sollst Verantwortung nicht hin- und herschieben“ heißt unser 10. Gebot. Die Politik gegen Wohnungslosigkeit gehört ebenso ins Kanzleramt - spätestens jetzt, wo es sich um ein wachsendes Phänomen in vielen Regionen Deutschlands handelt. Bund, Länder und Kommunen müssen das Problem endlich gemeinsam anpacken. Denn es ist ein politisches Querschnittsthema, was sich auf keiner Ebene alleine lösen lässt. Wenn die Themen Wohnungslosigkeit und die zunehmende Wohnungsnot nicht von der Politik aufgegriffen werden, gefährdet dies den sozialen Frieden an vielen Orten.

Manche fragen sich vielleicht, warum wir gerade ein Kind auf das Plakat genommen haben. Dieses Foto stammt von der Berliner Fotografin Jule Halsinger. Sie hat Mittelschichtskinder an Orten, wo normalerweise wohnungslose Menschen angetroffen werden, fotografiert. Sie wollte dadurch ausdrücken, dass erwachsene Wohnungslose auch mal Kinder waren – vielleicht werden wir dadurch angeregt, Wohnungslose, denen wir begegnen, einmal anders zu betrachten. Die Kinder sollen zeigen, dass es eine wesentliche Zukunftsaufgabe ist, heute Ursachen der Wohnungslosigkeit zu bekämpfen. Deshalb lautet das 9. Gebot auch: „Du sollst den Tatsachen ins Auge schauen“. Denn wer etwas verändern will, braucht Fakten. Darum fordern wir die Einführung einer bundesweiten Wohnungsnotfallstatistik, damit wir überhaupt wissen, wie sich die Wohnungsnot in den nächsten Jahren weiterentwickelt.

Wo Glauben Raum gewinnt … sind wohnungslose Menschen im Blick der Gemeinden und Orte kirchlichen Lebens
Die 10 Gebote gegen Wohnungslosigkeit sind nicht urheberrechtlich geschützt. Im Gegenteil. Jeder kann sie aufgreifen und sie sich zu eigen machen. Dazu gehören auch Gemeinden und kirchliche Gruppen. Wie steht es um das Thema Wohnungsnot in Ihrem pastoralen Raum? Bestimmt gibt es dazu bei Ihrem Bezirk und anderen Stellen Informationen. Wie entwickeln sich die Mieten in Ihrem Umfeld? Es lohnt sich, die 10 Gebote gegen Wohnungslosigkeit einmal in der Gemeinde zu diskutieren. Welches spricht Sie besonders an oder regt Sie besonders auf? Wo sehen Sie Handlungsmöglichkeiten? Gibt es in der Gemeinde vielleicht Wohnraum, der zur Verfügung gestellt werden kann? Der Caritasverband und seine Fachverbände suchen immer Wohnungen für Familien, Frauen mit Kindern und alleinstehende Personen. Denn mittlerweile ist es für jeden schwer, bezahlbare Wohnungen zu finden – auch in Potsdam, Fürstenwalde und Greifswald und an manchen anderen Orten in unserem Erzbistum.

Gibt es in Ihrem Umfeld wohnungslose oder obdachlose Menschen? Oft stellt sich die Frage, wie man helfen kann oder ob man es gerade lassen sollte. Eine Erfahrung ist, dass es für obdachlose Menschen gut sein kann, einfach mal angesprochen zu werden und ganz normal über Alltagsthemen ins Gespräch zu kommen. Denn neben fehlendem Obdach ist für viele das Problem, nirgendwo dazuzugehören.

Sehr froh sind wir über das Engagement vieler Gemeinden und Bürgerinnen und Bürger in der Berliner Kältehilfe. Wohnungslosigkeit ist aber ein ganzjähriges Thema und jeder kann sich in vielfältiger Weise dafür engagieren, z.B. auch durch Interesse für die Wohnungsbauentwicklung im eigenen Umfeld. Berlin und auch andere Städte in unserem Bistum brauchen eine soziale Stadtentwicklung mit entsprechendem Wohnungsbau. Gemeinden können Politiker und Bezirksvertreter zu Diskussionen einladen oder man geht einfach mal in die Bürgersprechstunde von Abgeordneten. Man kann auch einmal einen Gottesdienst zu dem Thema gestalten. Gerne stehen wir mit der Caritas und unseren Fachverbänden als Ansprechpartner zur Verfügung.

Im Johannesevangelium heißt es „In meinem Haus gibt es viele Wohnungen“ (Joh 14,2). Diese Worte Jesu sind keine wohnungspolitische Positionierung. Aber sie sagen, dass bei Gott jeder seinen Platz hat – auch wohnungslose und obdachlose Menschen. Als wir die Pressekonferenz vor der Bundestagswahl mit den 10 Geboten gemacht haben, waren auch wohnungslose Frauen dabei und haben über ihre Situation berichtet. Wir haben die Pressekonferenz im Hofdurchgang zur Caritas-Ambulanz für Wohnungslose am Bahnhof Zoo durchgeführt. Tag für Tag gehen zahlreiche Wohnungslose, die sonst keine medizinische Versorgung finden, diesen Weg. Und wir haben die Pressekonferenz live im Internet übertragen, weil wir so dieses Thema aus dem Schatten holen und für jeden sichtbar machen konnten.

Es wäre gut, wenn wir als Kirche in unserem Erzbistum dazu beitragen, diese Menschen aus dem Schatten zu holen. Machen wir uns gemeinsam stark für wohnungslose Menschen und gegen Wohnungsnot!

Ansprechpartner beim Caritasverband:

Kai-Gerrit Venske
Fachreferent Wohnungslosen-u. Straffälligenhilfe
Caritasverband für das Erzbistum Berlin e.V.
Residenzstraße 90, 13409 Berlin
Telefon: +49 30 6 66 33-1146
Mobil: 0163 56 96 840
k.venske(ät)caritas-berlin.de

Zeit & Arbeitskraft schenken: Die Kältehilfe lebt von der Unterstützung durch Ehrenamt und Engagement. Essen kochen, Essen ausgeben, abwaschen und ab und zu ein offenes Ohr. Die Bahnhofsmissionen Ost und am Hauptbahnhof brauchen auch Unterstützung. Interessierte können sich bei Katja Eichhorn (k.eichhorn@caritas-berlin.de, 030-666 33 1279) für ein Beratungsgespräch melden.
Berlins größte Suppenküche wird von den Franziskanern in Pankow betrieben. Hier sind freundliche Gesichter und helfende Hände herzlich willkommen. Bei Fragen zur Suppenküche oder für Spenden wenden Sie sich bitte an Br. Andreas Brands (suppenkueche@franziskaner.de, 030/488396-60)

Wohnungslosen Raum geben: Der Caritasverband sucht Trägerwohnungen für Klienten, die von Wohnungslosigkeit betroffen sind. Regelmäßige Mieteinnahmen werden durch die Caritas garantiert, die die Wohnungen anmieten und den Betroffenen zur Nutzung überlassen und diese in den Wohnungen dann betreuen und begleiten würde. Rückfragen beantwortet Kai-Gerrit Venske (k.venske@caritas-berlin.de, 0163/5696840).

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