750 Jahrfeier der Heiligsprechung der hl. Hedwig

Uta Raabe

Von der Fahrt nach Breslau für Verantwortungsträger in den Pastoralen Räumen  

Vom 20. bis 22. Oktober 2017 fuhren über 70 ehrenamtlich und hauptamtlich engagierte Katholiken aus dem Erzbistum Berlin mit ihrem Erzbischof Dr. Heiner Koch nach Breslau/Wrocław, zum Grab der Heiligen Hedwig nach Trebnitz/Trzebnica und nach Kreisau/Krzyżowa. Ein Höhepunkt war die Begegnung mit dem Alt-Erzbischof von Oppeln, Prof. Dr. Alfons Nossol. Der Leiter der KAs Brandenburg, Stephan Raabe, begleitete die vom Dezernat Seelsorge organisierte Fahrt als ehrenamtlicher Fachreferent mit Vorträgen zur Geschichte und Politik, Kirche und Gesellschaft in Polen. »Partizipative Kirchenentwicklung« und »Kreative Liturgien«. 

Die vom Dezernat Seelsorge organisierte Fahrt für kirchliche Verantwortungsträger/-innen im Haupt- und Ehrenamt führte über Liegnitz/Legnica nach Breslau.

Am folgenden Tag gedachten die Teilnehmer und Teilnehmerinnen in einer Messfeier mit dem Berliner Erzbischof Heiner Koch und dem Breslauer Generalvikar Andrzej Siemieniewski der Heiligen Hedwig an ihrem Grab in Trebnitz in besonderer Weise. Zum Ende der Eucharistiefeier zogen alle Gläubigen zum Grab der Heiligen Hedwig, an dem der Erzbushof den Segen spendete. An diesem Ort bekam das Abschlusslied zur Heiligen Hedwig eine vertiefte Bedeutung. Nach der Besichtigung von Breslau referierte der Alt-Erzbischof von Oppeln Alfons Nossol im herrlichen Oratorium Marianum der Universität Breslau in beeindruckender Weise über »Schlesien als Brückenland« in Vergangenheit und Gegenwart.

Ausgehend von der Heiligen Hedwig, als der Brückenbauerin und »Schutzpatronin der deutsch-polnischen Versöhnung schlechthin«, zeigte Erzbischof Alfons Nossol die Bedeutung Schlesiens für die Zukunft Europas auf. Er zeichnete eine Vision eines Landes mit »denkendem Herzen und liebendem Verstand.«

«Man könnte im Sinne unseres polnischen Goethe, Adam Mickiewicz, sagen: Schlesien, mein geliebtes Vaterland – aber es darf nicht im politisierenden Sinne irgendeiner besonderen Autonomie gedeutet werden, sondern in einer integralen Vision. In der Vision von einem Land des denkenden Herzens und des liebenden Verstandes, das wie eine Mehrzahl oder einer Minderheit angehören.«

In dem bewegenden Vortrag ließ er uns teilhaben an seinem Leben, das durch die Heilige Hedwig stark geprägt wurde. Er sah und sieht in der Heiligen Hedwig die Gestalt, mit deren Hilfe Versöhnung möglich ist. So erzählte Erzbischof Nossol auch die eine oder andere Geschichte aus seinem Leben. »Die heilige Hedwig ist Schutzpatronin unseres Priesterseminars und der Universitätskirche in Oppeln. Als ich damals mit dem Vorschlag kam, es möge die schlesische Landesmutter, die heilige Hedwig sein, haben sich etliche Kollegen empört. Was? Die Schutzpatronin der Seminarkirche und der Universitätskirche eine Frau? Ich sagte nur: Frauen haben es bei Jesus schon weiter gebracht, als nur Schutzpatronin einer Seminarkirche zu sein. Ich habe es durchboxen müssen und es hat sich positiv weiter entwickelt.«

Rückblickend auf seine 85 Lebensjahre, seine 60 Priester- und 40 Bischofsjahre sagte Erzbischof Nossol: »Wir blicken zuversichtlich in die europäische Zukunft, indem wir nicht ›bonjour tristesse‹ rufen, sondern ›gaudium et spes‹, weil die Hoffnung bedeutend lauter zu rufen pflegt als die Angst.« Erzbischof Nossol ist ein bekennender Europäer, der sich sein ganzes Leben lang für die Versöhnung insbesondere zwischen Polen und Deutschen eingesetzt hat, und – das erzählte er anhand einiger Beispiele – mal von der einen, mal von der anderen Seite dafür gescholten wurde. Dennoch sieht er nur im vereinten Europa die Zukunft Europas: »Das vereinte Europa ist ein ganz besonderer Schutz gegen jedwede nationalistische Einengung. Und wir wissen es doch: der Nationalismus kann ohne weiteres in Chauvinismus umschlagen. Und der Chauvinismus war immer schon Hauptursache aller Kriege Europas. Und deshalb sollten wir uns davor schützen.«

Der bewegende Vortrag von Erzbischof Alfons Nossol war zweifelsohne einer der Höhepunkte der Fahrt.

Auf der Rückfahrt nach Berlin standen nach der Mitfeier der Heiligen Messe (in polnischer Sprache) in der Kathedrale von Breslau noch zwei Besichtigungen auf dem Programm: zunächst wurde die evangelische Friedenskirche in Schweidnitz besucht, ein Weltkulturerbe aus dem 17. Jahrhundert. Das zum Abschluss gesungene »Te Deum« fasste die Bewunderung für diesen großartigen Ort zusammen.

Weiter ging es nach Kreisau, und damit in die jüngere Vergangenheit. Kreisau steht einerseits für den Widerstandskreis gegen den Nationalsozialismus, andererseits auch für die Versöhnung zwischen Polen und Deutschen. 1989 umarmten sich hier bei der Versöhnungsmesse der polnische Ministerpräsident Tadeusz Mazowieki und der deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl beim Friedensgruß. Erzbischof Nossol hatte diesen Versöhnungsgottesdienst angeregt und in seinem Vortrag am Vortag einige Hintergründe dazu erläutert.

Während der Hin- und Rückfahrt wurden in Vorträgen Aspekte von Geschichte, Politik und Gesellschaft in Polen und das deutsch-polnische Verhältnis behandelt, aber auch Lieder gesungen und etwas die polnische Sprache eingeübt.

Erzbischof Alfons Nossol, geboren 1932, war von 1977 bis 2009 Bischof des Bistums Oppeln. 1999 verlieh ihm Papst Johannes Paul II. aufgrund seiner großen Verdienste den Titel Erzbischof ad personam. Bei seinem Eintritt in den Ruhestand war er mit 32 Amtsjahren Polens dienstältester Diözesanbischof.

Erzbischof Nossol ist der Brückenbauer zwischen Polen und Deutschland par excellence. Im Jahr 2010 wurde ihm – zusammen mit dem Gründer des Deutschen Polen-Instituts Karl Dedecius – der Deutsche Nationalpreis verliehen, der Personen der Zeitgeschichte würdigt, die sich für das Zusammenwachsen, die Einheit und Vereinigung Deutschlands und Europas einsetzen. In der Begründung heißt es, Nossol »verkörpert mit seinem Lebenswerk die deutschpolnische Versöhnungsaufgabe, die für das Zusammenleben in Europa beispielhafte Integration von Minderheiten, die Rolle der katholischen Kirche in Polen bei der Unterstützung der Freiheitsbewegung und die auf Verständigung gerichtete Ökumene der Religionen.«