»All die Fülle ist in dir, o Herr«

Geistliche Begleitung als mögliche Hilfe, mit Gott in Berührung zu kommen

Foto: Daniel Vandré

Paula von Loë

Es gibt Momente, in denen Menschen Erfahrungen machen, die tiefer, weiter, höher greifen und die nach Reflexion verlangen, weil man spürt, dass darin etwas Größeres verborgen liegt. Wie wir es auch aus anderen Zusammenhängen kennen, brauchen wir Menschen einander, um solche Dinge, die uns im Leben begegnen und beschäftigen, besprechen zu können.

Das Bedürfnis nach Austausch greift die Geistliche Einzelbegleitung auf. Sie ist ein Fachdienst der Kirche und stellt dem Menschen, der es wünscht, eine Person seiner Wahl zur Seite, die ihn auf seinen Wegen mit oder hin zu Gott begleitet.

Da sind viele verschiedene Anlässe, die Menschen dazu bewegen, sich in Begleitung zu begeben: Einige spüren eine Sehnsucht nach einem „Mehr“ an Leben. Andere sind schon mit dem Glauben in Berührung gekommen und möchten jetzt z.B. Impulse aus den Exerzitien im Alltag vertiefen. Einige wollen ihr Leben mit all seinen Facetten im Licht Gottes sehen und deuten lernen. Wieder andere möchten in ihrer Beziehungsfähigkeit zu Gott und den Menschen wachsen. Manche stehen an einem Wendepunkt und suchen Hilfen zur geistlichen Entscheidungsfindung. Besonders Menschen, die neu zum Glauben gekommen sind, haben einen hohen Gesprächsbedarf.

Geistliche Begleitung will Räume eröffnen, in denen in vertraulichem Kontext alle Lebens- und Glaubensthemen angesprochen werden dürfen und Beachtung finden, Räume, in denen innere Bewegungen authentisch da sein können, Widerstände und Hindernisse wahrgenommen werden dürfen ohne Bewertung, - Räume, die offen sind für Ohnmacht, Verletzung und Trauer sowie für Freude und Hoffnung.

Da, wo „Freiraum“ geschaffen wird, kann sich ein Weg bahnen zu Neuem, zu mehr Klarheit und innerer Freiheit. Hier kann sich das Wirken des Hl. Geistes entfalten.

Ziel ist ein „Mehr“ an Leben in Fülle.

Wer begleitet - und wie?

Menschen, die sich zur Begleitung zur Verfügung stellen, sind Christinnen und Christen, die selbst auf einem geistlichen Weg sind und sich ebenfalls begleiten lassen. Sie wissen darum, dass in diesem Geschehen eigentlich Gott selbst derjenige ist, der begleitet. Sie haben sich entschieden, an ihren wertvollen Erfahrungen auch andere teilhaben zu lassen und deshalb eine Qualifikation für die Geistliche Begleitung erworben.

Geistliche Begleiterinnen und Begleiter schenken dem zu Begleitenden in einem einvernehmlich verabredeten Rahmen ihre ganze Aufmerksamkeit. Unvoreingenommen schauen sie gemeinsam das Leben an: Dabei werden alle eingebrachten Themen ernst genommen. Die begleitende Person hört intensiv zu, versucht zu verstehen, fragt nach und versucht das Gehörte zu vertiefen. Sie achtet auf die inneren und äußeren Stimmen und hilft, sie zu unterscheiden. Ein Ziel ist es, dem zu Begleitenden zu ermöglichen, in seiner Wahrnehmung zu wachsen und sehen zu lernen, wo Gott sich im Alltag zeigt.

Mit Impulsen aus der Bibel oder der christlichen Tradition unterstützt der/die Begleitende eine tiefere geistliche Auseinandersetzung. Es werden passende Weisen des Übens und Betens gesucht, die helfen können, sich Gottes Gegenwart und seinem Willen zu nähern und von Ihm her Leben zu gestalten.
All dies geschieht natürlich in Verschwiegenheit und Diskretion. Das ist die Voraussetzung einer vertrauensvollen Atmosphäre.

Wichtig ist es, die Geistliche Begleitung von anderen Formen des helfenden Gesprächs abzugrenzen. Sie ist keine Therapie, auch wenn sie vom äußeren Erscheinen zunächst Ähnlichkeiten aufweist und durchaus heilende Wirkung haben kann.

Auch gibt es deutliche Unterschiede beispielsweise zur Lebensberatung oder zur Supervision, bei denen für eine bestimmte (Lebens)Situation eine Lösung gesucht, diese aber erst einmal nicht aus dem Blickwinkel des Glaubens betrachtet wird. Schließlich möchte die Geistliche Begleitung nicht das Sakrament der Versöhnung ersetzen; dies sind zwei verschiedene Dienste der Kirche, die jeweils die Folge voneinander sein können, aber nicht müssen.

"Wie geschieht Geistliche Begleitung im Erzbistum Berlin?"

Seit nun drei Jahren kommt man auf unserer Erzbistums - Website über den Link („gläubig>Geistliches Leben>Einzelbegleitung“) auf eine Seite, auf der eine Liste mit einer Reihe Geistlicher Begleiterinnen und Begleiter zu entdecken ist. Interessierte können mit den einzelnen direkt in Mailkontakt gehen; viele bringen sich aber auch zunächst mit ihrem Anliegen mit mir in Kontakt und wir schauen gemeinsam nach einer passenden Begleitung.

Neben der Koordination Geistlich Begleitender und deren Vermittlung besteht meine Aufgabe darin, die Begleitenden zu einem Netzwerk zusammen zu führen: Es hilft, voneinander zu wissen, um ggf. aufeinander zu verweisen. Im Frühjahr und Herbst jeden Jahres gibt es Austauschtreffen neben den organisatorischen Dingen auch zu inhaltlichen Themen. Eines der Treffen ist als Fortbildung gestaltet mit externen Referenten, in diesem März z.B. zum sensiblen Thema „Geistlicher Missbrauch“ mit Frau Doris Reisinger und Dr. Peter Hundertmark.

Die Geistliche Begleitung ist ein Fachdienst der deutschen Diözesen. (s. „… und Jesus ging mit ihnen“ Lk 24,15 Der kirchliche Dienst der Geistlichen Begleitung; hrsg. vom Sekretariat der Dt. Bischofskonferenz. Bonn 2014) Wer begleitet, dem wächst eine hoch verantwortungsvolle Aufgabe zu. Deshalb ist eine Qualifizierung Voraussetzung für diesen Dienst. Menschen, die die Ausbildung zur Geistlichen Begleitung anstreben, unterstützte ich bei der Suche nach Ausbildungsorten, aber auch bei Notwendigkeiten im Rahmen der Ausbildung.
Ich würde mich freuen, wenn es einmal Zeit und Budget erlauben, den diversen Anfragen entgegenzukommen und wieder eine Ausbildung hier im Erzbistum Berlin anzubieten. Von dem Bedarf bin ich überzeugt: Die Gruppe der Begleitenden darf größer werden, damit bei steigender Bekanntheit des Dienstes auch genügend Menschen zur Verfügung stehen. Ich sehe in dieser Aufgabe eine Art neuen „Grunddienst“, der allerdings auf den sehr alten Fundamenten der Wüstenväter und -mütter basiert. Es ist eine Individualseelsorge, die den Menschen dieser Tage entspricht.

Am Ende kann sie für viele (wieder) zu einer Brücke werden, um in der christlichen Gemeinschaft eine spirituelle Beheimatung zu finden.


Einer fragt den Abbas Paision: „Was soll ich mit meiner Seele tun: Sie ist gefühllos und fürchtet Gott nicht!“ Er sagte zu ihm:  „Geh und schließe dich einem gottesfürchtigen Menschen an. Indem du dich ihm nahst, lehrt er auch dich, Gott zu fürchten.“ (Apo 639)

Geistliche Begleitung bei den Wüstenvätern/Anselm Grün/Vier-Türme-Verlag S. 40)