Alter Schwede!

Carla Böhnstedt

Kardinal Arborelius und Erzbischof Koch

Eindrücke von der Pastoralreise nach Schweden

„In jedermanns Herzen ist eine Kirche, aber nicht immer hält Gott die Predigt“, heißt ein Sprichwort aus Schweden – und gewährt damit Ein(en)Blick in die Seele des Landes. Denn tatsächlich ist Schweden das säkularste Land der Welt. 85% der Menschen sind nicht Mitglied einer Kirche. Gerade einmal zwischen ein und zwei Prozent der Bevölkerung bekennen sich zum katholischen Glauben. Konkret heißt das: Es gibt derzeit ca. 120 000 registrierte Katholiken in 44 Pfarrgemeinden. Da ist eine einzelne Pfarrgemeinde flächenmäßig gerne mal so groß wie Portugal, ein Dekanat umfasst 200.000 km² und damit fast die Hälfte des Landes. 200 bis 300 km lange Fahr-Strecken zum nächsten Gottesdienst-Ort? Für einen gläubigen Katholiken in Schweden ein völlig normaler Umstand. Ab in den Volvo – und los!

Grund genug für 44 haupt-und ehrenamtlich Engagierte aus dem Erzbistum Berlin, für 5 Tage das nördliche „Nachbarbistum“ zu besuchen und außerhalb der eigenen Komfort-Zone und fern unserer Landes- und Denk-Grenzen den Horizont zu weiten. Türöffner dabei ist das Bonifatiuswerk, ohne dass das katholische Schweden genauso unvorstellbar wäre, wie das säkulare Schweden ohne IKEA: denn es leistet unverzichtbare Unterstützung beim Errichten/ Einrichten / Ausstatten kirchlicher Gebäude und Institutionen und ermöglicht so überhaupt erst das katholische Leben in diesem extremen Diaspora-Land. „Wohnst du noch oder lebst du schon?“ Mit Hilfe des Bonifatiuswerks lebt dort tatsächlich katholische Kirche auf. Doch diese hat eine schwierige Vergangenheit hinter sich: Im Zuge der Reformation wird die katholische Kirche verboten, 1617 sogar unter König Gustav II. Adolf die Todesstrafe für Katholiken eingeführt. Erst 1951 beschließt das schwedische Parlament, die Religionsfreiheit einzuführen. Bis dahin muss jeder Schwede einer vom Staat zugelassenen Kirche angehören. Erst mit der Einführung der Religionsfreiheit können die Schweden wirklich selbst entscheiden, ob und welcher Kirche sie angehören wollen. „Das hier geltende Verständnis von Religionsfreiheit meint somit nicht Freiheit für Religion, sondern Freiheit von Religion“, erläutert uns P. Dominik Terstriep SJ, Pfarrer in der Innenstadt-Kirche St. Eugenia in Stockholm. Erst im Januar 2000 tritt die Trennung von Kirche und Staat in Kraft; seitdem ist die Schwedische Kirche nicht mehr Staatskirche. Das neue Kirchensteuersystem, im Jahr 2000 eingeführt, besagt, dass jeder registrierte Katholik 1 % seines Arbeits- und Pensionseinkommens an die katholische Kirche bezahlt.

„Liebst du die Kirche? Willst du die katholische Kirche in Schweden nach vorne bringen?“ (P. Philip Geister)

Das Beeindruckendste an all unseren Gesprächspartnern: Spürbare Leidenschaft für ihre Arbeit in der Kirche, allen Schwierigkeiten zum Trotz. Dankbarkeit für die unverzichtbare finanzielle Unterstützung durch das Bonifatiuswerk und echte Freude darüber, ihre Erfahrungen mit uns teilen zu dürfen. Stolz auf das, was schon erreicht wurde und der entschiedene Wille, der katholischen Kirche weiter inmitten eines so säkularen Umfelds ein einladendes, gewinnendes Gesicht zu geben. So sind bei der Auswahl von Bewerbern vor allen Zeugnissen und fachlichen Qualifikationen zwei Aspekte ausschlaggebend: Liebst du die Kirche? Willst du die katholische Kirche in Schweden nach vorne bringen? Diese Leidenschaft wird sich dann auch wie ein roter Faden durch alle Stationen und Begegnungen unserer Pastoralreise ziehen, ergänzt durch eine nachahmenswerte Willkommenskultur und geradezu überbordende Gastfreundschaft.

„Wir haben die ganze Welt in jeder Gemeinde!“ (Kardinal Anders Arborelius)

Doch Leidenschaft ist nur die eine Seite der Medaille. Immer wieder hören wir auch von unseren Gesprächspartnern, vor welchen Herausforderungen die katholische Kirche in Schweden steht: Die meisten Gläubigen sind Einwanderer oder Konvertiten. Das repräsentiert auch die Bistumsspitze: Kardinal Anders Arborelius ist Konvertit; Generalvikar Pascal Lung gebürtiger Franzose. Doch die verschiedenen Einwanderungswellen der vergangenen Jahrzehnte bescheren der Kirche nicht nur eine Buntheit und Vielfalt, sondern ebenso Konfliktpotential und die Schwierigkeit, den Glauben von Generation zu Generation weiterzugeben. Genau hier setzt beispielsweise die Arbeit des KPN (Katolska Pedagogiska Nämnden) in Stockholm an, das den Haupt- und Ehrenamtlichen mittels vielfältiger Arbeitsmaterialien und Medien sowie durch Fortbildungskurse Unterstützung in der katechetischen Arbeit bieten will, um so etwas von der katholischen Identität und dem Reichtum des Glaubens vermitteln zu können. Weniger als Ausbildungs- dafür mehr als apostolisches Werkzeug in der säkularen Gesellschaft versteht sich hingegen das Newman-Institut in Uppsala. Ein Kulturinstitut, das 2010 zur philosophisch-theologischen Hochschule der Jesuiten erhoben wird.

„Niemand hat die Absicht, eine Hochschule zu gründen“

Allerdings ist die Gründung des Instituts anfangs eher Zufall: „Niemand hatte die Absicht eine Hochschule zu gründen“, betont dessen Rektor Pater Philip Geister SJ. Denn das scheint politisch nicht denkbar, so dass ein Behördenmitarbeiter über etwaige Pläne mal gleich motivationstechnisch mit der Dampfwalze rollt und die Empfehlung gibt: „Schmeißen Sie Ihren Antrag lieber in den Fluss hier, dann hören Sie es wenigstens noch plumpsen.“ Das war’s dann wohl. Aus der Traum. Doch dann geht’s Schlag auf Schlag: zum einen eine Anfrage an die Jesuiten, ob sie sich nicht vorstellen könnten, ein kleines Institut aufzumachen. Zum anderen die Erfahrung, dass immer mehr Menschen Kurse und geistliche Angebote der Jesuiten besuchen und um Zugang zu Materialien und Medien bitten. Und als dann auch noch gegenüber der katholischen Gemeinde St. Lars ein Haus zum Verkauf steht, ist plötzlich die Vision zum Greifen nah. Fehlt nur noch eines: 7 Mio €. Binnen Wochenfrist! Und weil Wunder sich gerne von hinten anschleichen, wenn man sie am wenigsten erwartet, gelingt das Unglaubliche: 7 Tage später ist das Geld da. Fundraising sei Dank! Doch die Sektkorken sind noch nicht ganz aus der Flasche gehüpft, da nimmt das Elend seinen Lauf: Der Besitzer des Hauses entscheidet sich, seine Immobilie doch anderweitig zu verkaufen und ein mit sich, der Welt im Allgemeinen und der Gerechtigkeit im Speziellen hardernder Pater Geister entfleucht erst mal niedergeschmettert in den Urlaub, um seine Hiob-Erfahrung zu verdauen.

Ums kurz zu machen: wenige Tage später klingelt das Telefon und der Neubesitzer des Hauses stammelt kleinlaut etwas von „Geldproblemen“ in den Hörer. 7 Mio € und ein herrschaftliches Haus wechseln nochmals die Besitzer und was wie ein Wirtschaftskrimi angefangen hat, endet mit der Gründung des Newman-Instituts. Als einziger katholischer Hochschule in den nordischen Ländern kommt ihr eine herausragende Bedeutung zu. „Katholische Kirche ist anspruchsvolles, durchdachtes Christentum, das intellektuell verantwortet wird“, fasst dann auch Pater Philip Geister SJ die Assoziationen der Leute zur katholischen Kirche zusammen.

Babylonische Sprachvielfalt in Södertälje

Kirche als Zufluchtsort hingegen begegnet uns tags darauf in Södertälje. Hier befindet sich die größte chaldäische Gemeinde der Welt außerhalb des Irak, gefolgt von Deutschland und Frankreich auf den Plätzen 2 und 3. Um den Integrationsprozess der chaldäischen Flüchtlinge zu fördern und ein Symbol für die Einheit aller Katholiken zu schaffen, ist hier im vergangenen Jahr eine neue Kirche mitsamt Gemeindezentrum eingeweiht worden, großzügig unterstützt durch das Bonifatiuswerk und das Diaspora-Kommissariat. Doch bei dem Gottesdienst, den unsere Reisegruppe mit der chaldäischen Gemeinde feiert, wähnen wir uns fast im biblischen Babylon: Sprache der Messe: aramäisch. Predigt unseres Erzbischofs: deutsch. Übersetzung selbiger: schwedisch. Vater unser: aramäisch-deutsch.

Powerfrauen damals und heute in Vadstena

Eher kontemplativ geht es eigentlich in Vadstena zu, wo die Birgitten zu Hause sind und sich vorrangig dem Chorgebet widmen. Doch kaum ist der letzte Ton der Komplet verhallt, steht uns gewissermaßen der Ausbruch eines Vulkans bevor, denn Sr. Monika Clara lässt uns sehr lebhaft an ihrer persönlichen Berufungsgeschichte sowie der Entwicklung des Birgittenordens teilhaben. Birgitta, aus wohlhabendem Hause, verheiratet und Mutter von acht Kindern, legt nach dem Tod ihres Mannes und angeregt durch eine Vision 1346 in Vadstena den Grundstein für den „Orden des Allerheiligsten Erlösers“, auch „Birgittenorden“ genannt.

Mit gerade mal insgesamt 500 Mitgliedern weltweit ist dieser verschwindend klein, zudem gliedert er sich in fünf verschiedene Zweige, von denen Vadstena zum monastischen Zweig gehört und mit seinem angegliederten Gästehaus vor allem Menschen anzieht, die geistig-geistliche Nahrung suchen. Doch meine persönliche Vorliebe gilt offen gestanden dem 4. Zweig, der in Oregon/USA angesiedelt ist. Sichern sich die dortigen monastisch lebenden Brüder doch ihren Lebensunterhalt durch die Herstellung von Schokolade!

Auch wenn der Orden heutzutage keinen Nachwuchs mehr generieren kann, ist es bei Sr. Monika Clara vor mehreren Jahrzehnten schlichtweg eine lovestory der besonderen Art. Geboren in Coesfeld im katholischen Münsterland, ist sie schon früh von Schweden als Land fasziniert. Mit Kirche, Gott und Glaube hingegen hat sie so gar nichts am Hut. Schließlich ist sie mit Leib und Seele Fan des 1. FC Kaiserslautern und bis über beide Ohren in den schwedischen Torwart Ronnie Hellström verliebt, der damals Profi des deutschen Bundesligisten ist.

Ein Studium der Geschichte und Völkerkunde mit Schwerpunkt nordische Länder sowie diverse Schwedisch-Sprachkurse später, jobbt sie mal wieder im Gästehaus der Birgitten, wo sich unweigerlich der Glaube wieder auf Zehenspitzen in ihr Leben schleicht. Zu ihrem 25-jährigen Ordensjubiläum wollen ihre Mitschwestern ihr eine besondere Freude machen und ein Autogramm von Ronnie Hellström auftreiben, doch der gibt sich nicht mit einer schnöden Unterschrift zufrieden und bietet an, persönlich als Überraschungsgast am Jubiläums-Gottesdienst teilzunehmen. Erst auf die kryptische Anmoderation des zelebrierenden Priesters hin „Manchmal geht eine Berufung auch durch den Strafraum“, entdeckt sie ihr Fußball-Idol unter den Gottesdienstbesuchern. "Da habe ich gespürt, welche Liebe mir meine Mitschwestern entgegen bringen. Deshalb ist mir der Ronnie so wichtig.“

„Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung“ (Johann Baptist Metz)

Und in eine Unterbrechung, die in Schweden geradezu eine soziale Institution und zentraler Bestandteil der schwedischen Kultur ist, werden wir so ganz nebenbei dann auch noch eingeführt: die Fika, eine ca. 15-45 minütige Pause, um mit Familie, Freunden oder Kollegen Kaffee oder -seltener- ein anderes Getränk und ein Süßgebäck zu sich zu nehmen. Eine Fika schwänzen? Undenkbar! Käme quasi einem Sakrileg gleich!

Und auch mit einer weiteren schwedischen Gegebenheit müssen wir uns vertraut machen: Schweden ist zu 90% bargeldlos; selbst Kleinstbeträge werden mit mobilen Kartenlesegeräten abgerechnet. Kollekte im Gottesdienst: mittels eines entsprechenden Automaten im Eingangsbereich. Bettler in der Fußgängerzone: strecken spendierfreudigen Passanten ein mobiles Mini-Maschinchen zwecks Überweisung entgegen. So einfach ist das.

Doch Geld hin, Überweisung her: Die Eindrücke und Erfahrungen, Begegnungen und Gespräche, die wir im Land der Elche erleben dürfen, sind ohnehin nicht mit Geld aufzuwiegen, sondern schlichtweg unbezahlbar!