Der liebe Gott und ich

Wie die Katechese des Guten Hirten kindgerechte Beziehungsarbeit leistet

Stille. Absolute Stille herrscht im Innern. Ab und zu sind Stimmen von Passanten vor der Tür oder ein vorbeifahrendes Auto zu hören. Drinnen, in dem Raum, in dem sonst die Schwestern der Mutter Teresa fast täglich Essen an Obdachlose ausgeben, sitzen an diesem späten Mittwochnachmittag acht Erwachsene, die sich haupt- oder ehrenamtlich als Katecheten engagieren, und schauen gebannt auf den einfachen weißen Tisch vor ihnen. Darauf: Ein grün gestrichenes rundes Holzpodest, dessen Rand mit einem Zaun aus groben Garn umspannt ist. Nach und nach stellt Schwester Laura mit bedächtigen Bewegungen den aus Holz geschnitzten Hirten und seine Schafe dazu. Daneben die Kerze. Nachdem die Ordensfrau sie entzündet hat, beginnt sie mit leiser Stimme das Gleichnis vom Guten Hirten vorzulesen. Immer wieder hält sie inne, um das gerade Gelesene mit den Holzfiguren vor ihr schweigend nachzustellen.

Eine Mischung aus Faszination und Anspannung scheint in der Situation greifbar. Schließlich platzt es aus einem Teilnehmer hinein in die Stille: „Bleiben die Kinder dabei die ganze Zeit ruhig?“ Eine Frage, die die Übrigen genauso beschäftigte. Schwester Laura muss schmunzeln. „Ja“, sagt sie. Die Kinder würden sich darauf einlassen.

In der Stille und im Handeln Gott erspüren und sich an seiner Nähe erfreuen, ist die Intention der Katechese des Guten Hirten. Die Methode haben die Italienerinnen Sofia Cavaletti und Gianna Gobbi auf der Grundlage der Montessori-Pädagogik 1954 entwickelt. Schwester Laura stellt sie auf Einladung des Erzbischöflichen Ordinariats im Rahmen einer Fortbildung vor. Sie selbst leitet zwei Gruppen in den Räumlichkeiten des Ordens in der Kreuzberger Wrangelstraße. Zudem bereitet sie Kinder in der Gemeinde St. Elisabeth auf die Erstkommunion vor. Maria Montessori habe erkannt, dass in jedem Kind eine natürliche Beziehung zu Gott verankert sei, erklärt Schwester Laura. Ziel der Katechese des Guten Hirten sei es, diese zu verfestigen. „Einziger Lehrer ist dabei Christus“, betont Schwester Laura. Der Katechet habe nur die Aufgabe, die Bedingungen zu schaffen, dass sich die Beziehung entfalten könne.
Zentrale Bedeutung kommt hier dem Atrium zu, dem Raum, in dem die Katechese stattfinden soll.

Schwester Laura führt die Gruppe hinauf in den zweiten Stock, wo das Atrium für ihre Gruppen liegt: Zwei kleine, offene Räume. Der eine mit Gebetsecke und blauem Teppich. Im anderen steht mittig ein runder Tisch mit Stühlchen, an der Wand entlang reihen sich Regal und Materialien. Aus Gips geformte Kännchen und ein goldener Kelch im Puppenformat stehen bereit, um die Dinge kennenzulernen, die zur Eucharistiefeier auf den Altar getragen werden. Daneben ein selbstgezimmerter Tabernakel und ein Ambo. Auf einem weiteren Tisch stehen Stifte, Scheren und Pinsel bereit – ordentlich sortiert in Gläsern und Bechern. Das sei wichtig, erklärt Schwester Laura und hat seinen Ursprung in der Montessori-Pädagogik.

Die Kinder sollen immer wissen, wo die Dinge sind und sie jederzeit nutzen können. Zur Katechese des Guten Hirten gehört es, dass sich die Kinder nach einer gelesenen Bibelstelle damit praktisch auseinandersetzen. Sie können Malen, Schneiden oder Kleben. Sie entscheiden und handeln selbst. „Bei den Kindern geht viel vor, wenn sie mit den Materialien arbeiten“, weiß Schwester Laura. Deshalb versuche sie so wenig wie möglich zu reden.

Auch die Katecheten selbst müssen kreativ werden. Denn alle Gegenstände, die sie für ihren Unterricht benutzen – wie beispielsweise Schafgehege samt Hirte und seinen Tieren – müssen von Hand gefertigt sein.
Die Katechese des Guten Hirten ist in drei Altersstufen geteilt. Bei den Jüngsten, den 3- bis 6-Jährigen steht das Gleichnis des Guten Hirten im Mittelpunkt. Es geht darum zu erkennen, dass die Kinder selbst die Schafe sind, die Gott behütet. In Stufe II beschäftigen sich die 6- bis 9-Jährigen auch mit der Frage nach der Moral. Das Gleichnis des Weinstocks spielt hier eine zentrale Rolle. Für die 9- bis 12-Jährigen drehen sich die Einheiten vor allem darum, wie sie selbst am Reich Gottes mitarbeiten können.
Natürlich funktioniere in der Praxis nicht immer alles, gibt Schwester Laura zu. Es hänge viel von den Kindern ab. „Aber es ist eine Methode, die Freude bringt.“

Die Teilnehmer der Fortbildung sind nach den drei Stunden beeindruckt. So fühlt sich Monika Koch aus Biesdorf inspiriert, Elemente in die Erstkommunionvorbereitung zu übernehmen. Vor allem Materialen und die besondere Form der Entspannung faszinieren die gebürtige Italienerin, die an einem Gymnasium unterrichtet. „Ich kann mir gut vorstellen, selbst etwas herzustellen dafür, aber das braucht Zeit. Ich engagiere mich in unserer Pfarrei St. Martin ja in meiner Freizeit.“

Claudia Höfig überzeugt das „Haptische“ dieser Methode. Auch wenn sie als Leiterin des Internationalen Pastoralen Zentrums nicht konkret diese Methode anwenden kann, ist sie froh, sie kennengelernt zu haben. Auch als Erwachsener könne man davon profitieren, ist sie sich sicher.

Gisèle Nubuhoro hat bereits selbst einen Ausbildungskurs zur Katechese des Guten Hirten in London absolviert. Sie ist nochmals zu der Fortbildungsveranstaltung des Erzbistums gekommen, weil sie sich neue Impulse erhofft, vor allem um den Gemeindepfarrer zu überzeugen, endlich einen  geeigenten Ort für das Atrium zu finden. „Ich unterrichte bei uns in St. Elisabeth in der englisch-sprachigen Mission 15 bis 20 Kinder“, erzählt sie. „Aber uns fehlt so sehr die Möglichkeit, ein Atrium einzurichten.“

In über 30 Ländern arbeiten mittlerweile Katecheten mit dieser Methode. Der Leiter des Dezernats für Kategoriale Seelsorge im Erzbischöflichen Ordinariat, Hermann Fränkert-Fechter, hat die Fortbildung initiiert und kann sich nach der positiven Resonanz gut vorstellen, einen Ausbildungskurs in Berlin zu organisieren. „Wir haben in unserem Erzbistum so viele verschiedene Kulturen. Da geht es darum, uns kennenzulernen und voneinander zulernen.“ Im Juni wird deshalb auch ein Seminar zur interkulturellen Katechese stattfinden, in dem noch weitere Formen aus aller Welt vorgestellt werden.

 

Christina Bustorf