Ein freudiges Beispiel für einen genügsamen, die Schöpfung respektierenden Lebensstil

Interview mit Professor Dr. Wolfgang Plehn zur Klima- und Umweltkrise

Foto: Prof. Dr. Wolfgang Plehn

Lieber Wolfgang Plehn, der Diözesanrat hat einen eigenen Sachausschuss zu Umwelt- und Schöpfungsfragen gegründet. Er trägt den Namen "Laudato Si". Warum hast du die Leitung dieses Ausschusses übernommen und welche Agenda hat er?

Bereits im Chemiestudium habe ich mich für Umweltschutz interessiert und das Thema in die kirchliche Jugendarbeit eingebracht. Als ich dann 1986 im Umweltbundesamt angefangen habe zu arbeiten, ist der Umweltschutz zum Beruf geworden. Meine Erfahrungen möchte ich auch in den Diözesanrat einbringen. Folgende Projekte sind mir in der Arbeit des Sachausschuss besonders wichtig: Laudato Si' als Richtschnur des Handels im Erzbistum etablieren, Umsetzung der Handlungsempfehlungen der Deutschen Bischofskonferenz zur Bewahrung der Schöpfung, Faire Gemeinde als Mainstream etablieren, Einsatz für eine weltweit gerechtere Verteilung von Chancen und Gütern, Anstöße geben für eine Theologie und eine religiöse Bildung für eine nachhaltige Entwicklung. 

Im Mai 2020 war es fünf Jahre her, dass Papst Franziskus die Enzyklika Laudato Si‘ veröffentlichte. Wir befinden uns bis Mai 2021 im sogenannten Laudato Si‘ Jahr. Was will dieses Schreiben, was hat dich besonders beeindruckt?

Mich hat besonders beeindruckt, dass Papst Franziskus die Zusammenhänge von Ökologie, Wirtschaft, Übernutzung der Erde und deren Folgen so umfassend beschreibt. Laudato Si‘ bleibt aber nicht bei der Beschreibung stehen, sondern benennt ganz klar die zwingenden Handlungsnotwendigkeiten besonders in der Wirtschaft, die zur Bewahrung der Schöpfung erforderlich sind. Er benennt auch ganz deutlich, dass wir als entwickelte Länder, die wirtschaftlich von der seit mehr als einem Jahrhundert erfolgten Verbrennung fossiler Energieträger profitiert haben, in der Pflicht sind , konsequent unsere CO2-Emissionen zu reduzieren. 

Können wir schon etwas feststellen, was durch Laudato Si‘ bewirkt wurde, kann die Enzyklika in Zukunft ihre Wirkung noch stärker zeigen?

Laudato Si‘ hat ganz klar ein Nachdenken bewirkt. Einzelne Bistümer in Deutschland haben sich auch auf den Weg gemacht klimaneutral zu werden. Angesichts der Klimaziele von Paris, die ja auch im Jahr 2015 beschlossen wurden, geht es viel zu langsam voran. Als katholische Christen sind wir gefordert, nicht nur über die Bewahrung der Schöpfung zu reden, sondern konkret zu handeln. Die evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) hat auf ihrer Synode im November diesen Jahres ein Klimagesetz beschlossen, das konkrete Maßnahmen beinhaltet und eine Klimaneutralität bis zum Jahr 2050 vorsieht. Im Erzbistum Berlin gibt es nichts vergleichbares, obwohl auch die Deutsche Bischofskonferenz allen Bistümern empfiehlt, die Klimaneutralität anzustreben.  

Wie können sich das Erzbistum, die Gemeinden und die kirchlichen Einrichtungen engagieren, wo muss die Kirche zu einem schöpfungsgerechten Verhalten beitragen?

Wir als Kirche müssen mit gutem Beispiel vorangehen, wenn wir unsere Glaubwürdigkeit nicht verlieren wollen. Das heißt, jede Kirchengemeinde sollte sich mit dem Ziel der Klimaneutralität beschäftigen und bei jeder größeren Beschaffung oder baulichen Veränderung prüfen, ob und wie durch die Investitionen in den Erhalt und die Sanierung CO2-Emissionen eingespart werden können. Viele Investitionen zum Energiesparen rechnen sich in wenigen Jahren. Aber auch Investitionen, die sich vielleicht heute noch nicht rechnen, können bei kluger Planung in der Zukunft Geld sparen. Die Kosten für die fossilen Energieträger Öl und Gas werden auch in Zukunft steigen. 

Du arbeitest als Direktor und Professor im Umweltbundesamt in Dessau. Welche Themen werden in dieser Bundesbehörde gerade vorangetrieben?

Klimaschutz aber auch Klimaanpassung stehen ganz oben auf der Agenda. Weitere Themen sind beispielweise Biodiversität, nachhaltiges Bauen, Kreislaufwirtschaft einschließlich Abfallvermeidung, Decarbonisierung der Wirtschaft, grüne Mobilität und nachhaltiger Konsum. Aber auch die klassischen Themen wie Luftreinhaltung sowie Wasser- und Bodenschutz sind natürlich weiterhin wichtig.  

Wird die Gesellschaft der Zukunft asketisch werden müssen, d.h. viel weniger Auto fahren, weniger fliegen, weniger Fleisch essen und im Winter die Heizung herunterstellen? Oder lassen sich Ökologie und Ökonomie miteinander versöhnen?

Die Versöhnung von Ökologie und Ökonomie ist so eine Sache. Ich möchte dies gerne erklären. Die Umwelt stellt uns viele Dienstleitungen kostenlos zur Verfügung. Beispielweise befruchten die Bienen die Nutzpflanzen, die Bauern für unsere Ernährung anbauen. Ohne Bienen müssten wir einen hohen (finanziellen) Aufwand betreiben, um zum gleichen Ergebnis zu kommen. Ähnlich ist es mit allen Ressourcen einschließlich Luft und Wasser. Wenn die Verschmutzung der Luft und des Wassers einen Preis hätte, dann hätten wir schon heute eine ganz andere Situation. Im ersten Schritt müssen wir von dem immer mehr, immer weiter und immer größer ablassen, weil dies unsere Welt zerstört.

Wo muss sich der Einzelne in Zukunft auf erhebliche Veränderungen einstellen? Was ist bereits heute absehbar?

Klar ist, unser Lebensstil muss sich ändern. Gerne wird von Gegnern jeglicher Veränderung vom Verzicht gesprochen. Unser Lebensstil und unser Konsum führen vielfach aber auch zu Hektik, Stress und Überlastung. Unser Ziel muss sein, einen Lebensstil anzustreben, der Lebensqualität und ein mehr an zeitlicher Souveränität mit Klimaneutralität verbindet. Was heißt dies aber konkret? Der erste Schritt muss sein, wo immer möglich, CO2-Eissionen zu vermeiden beispielweise durch bessere Wärmedämmung an unseren Gebäuden oder die Umstellung von fossilen Heizungen auf Wärmepumpen, durch die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel oder das Smartphone noch ein drittes oder viertes Jahr nutzen. Es gibt viele Möglichkeiten, im ersten Schritt können allerdings wir noch nicht alles erreichen. Hier gibt es als zweiten Schritt die Möglichkeit, die verbleibenden Emissionen z. B. bei der Klimakollekte zu kompensieren. So können wir uns als Kirchengemeinde und als Einzelner oder Familie auf den Weg zur Klimaneutralität machen. Untersuchungen unter anderem des Umweltbundesamtes sagen, es ist technisch machbar. Die überwiegende Mehrheit der Wirtschaftswissenschaftler sagt inzwischen auch, dass Klimaschutz zwar nicht billig ist, aber langfristig immer billiger sein wird als nichts zu tun und mit den Folgen des Klimawandels wie steigenden Temperaturen und steigendem Meeresspiegel umzugehen.

Was gewinnen wir bei der Umstellung auf ein emissionsfreies Leben? Gibt es einen Mehrwert für einen klimaneutralen Lebensstil?

Wir gewinnen die Zukunft für unsere Enkel und für deren Enkel. Und wir können als Christinnen und Christen ein freudiges Beispiel für einen genügsamen, die Schöpfung respektierenden Lebensstil geben. 

Vielen Dank für das Interview.

Das Interview führte Hermann Fränkert-Fechter