Ein Jahr mehr Leben

Juliane Link, Foto: Steffen Herbrechtsmeier-Kauffmann

P. Sebastian Maly SJ, Foto: Christian Ender

Sr. Regina Stallbaumer sa, Foto: Christian Ender

Im Sommer 2018 saßen einige mehr oder weniger junge Erwachsene in Berlin zusammen, um über ein Thema zu sprechen, das sie alle bewegte: Wo können junge Erwachsene in Berlin ihren Glauben gemeinsam erleben und vertiefen? Für Jugendliche, Studierende und junge Familien gibt es viele Angebote, sei es in den Gemeinden, in der Jugendkirche SAM oder in der Katholischen Studierendengemeinde Edith Stein. Aber was ist mit jungen Erwachsenen, die ihr Studium beendet haben, aus der Jugendarbeit herausgewachsen sind oder die es nach dem Studienabschluss beruflich nach Berlin verschlägt? Wir waren der Meinung, dass für diese Menschen in Berlin ein passendes Angebot fehlt und wollten etwas Neues ausprobieren.

Aus den Überlegungen entstand das Projekt „Ein Jahr MEHR leben“ (EJML) als Kooperation zwischen zwei jungen Ordenleuten mit ignatianischer Spiritualtiät und der KSG Berlin: eine Gruppe, die ein Jahr lang gemeinsam unterwegs ist, um dieses „MEHR“ zu entdecken. Das „MEHR“ sollte ganz im Sinne des „Magis“ bei Ignatius von Loyola darauf hindeuten, dass es viel bewirken kann, an einigen, wenigen Stellen im alltäglichen Leben in die Tiefe zu gehen, um Gott zu finden.

Die Werbung für das Projekt versuchten wir möglichst breit zu streuen und legten unsere Flyer nicht nur in Einrichtungen des Erzbistums aus, sondern z.B. auch beim freikirchlichen „Berlin-Projekt“. Und so kam es, dass EJML auch ein echtes ökumenisches Projekt wurde mit Teilnehmer/*-innen aus verschiedenen Kirchen.

Unter der Begleitung von Juliane Link (Referentin in der KSG Edith Stein), Sr. Regina Stallbaumer sa (Geflüchtetenseelsorgerin beim JRS) und P. Sebastian Maly SJ (Schulseelsorger am Canisius-Kolleg) brachen im Januar 2019 16 junge Erwachsene zwischen 23 und 35 Jahren aus Berlin auf, um dieses MEHR zu entdecken. Aufgrund der hohen Anmeldezahlen konnten Sr. Melanie Kluth sa und Br. Bernd Ruffing SVD noch eine weitere Gruppe anbieten.

Die Treffen hatten alle einen ähnlichen Ablauf: Nach einem Imbiss begann das Treffen mit einer Ankommrunde. Daran schloss sich der inhaltliche Teil des Programms an, der oft aus einem Impuls bestand, gefolgt von Austausch oder Vertiefung in Kleingruppen oder in der Großgruppe. Der Abend schloss mit einer Gebetszeit und einer Schlussrunde. Die monatlichen Treffen wurden ergänzt durch ein gemeinsames Wochenende am Beginn des Jahres sowie einen Tag mit Straßenexerzitien, der von P. Christian Herwartz SJ begleitet wurde. Entlang der vier wesentlichen Elemente von EJML: Gemeinschaft, Reflexion, Glauben im Alltag und Gebet/Spiritualität wollen wir die Erfahrungen mit diesem Projekt reflektieren:

1. Gemeinschaft

Für uns drei Begleiter/-*innen war wichtig, dass die Gruppe verbindlich für ein Jahr gemeinsam unterwegs ist. Deswegen fragten wir im Vorbereitungsgespräch ausdrücklich nach der Bereitschaft, sich auf eine solche Art von Gruppe einzulassen, die ähnlich einem Hauskreis auch von einem starken Gemeinschaftsgefühl lebt. Das hat sich bewährt und scheinbar  auchscheinbar auch der Sehnsucht vieler Teilnehmer/-*innen entsprochen. Bei einer Zwischenauswertung schrieb ein(e) Teilnehmer/-*in dazu: „EJML bietet im Gegensatz zu anderen, teilweise einmalig stattfindenden Veranstaltungen die Möglichkeit, sich auf einen Prozess einzulassen. Die wiederkehrenden Treffen mit den selben Menschen, im geschützten Rahmen der Gruppe ermöglicht eine Offenheit und eine Vertrautheit, die in offenen Veranstaltungen kaum möglich ist.“ Die Teilnehmer/-innen schätzten es zudem sehr, dass sie alle in einer ähnlichen Lebensphase waren und sie sich in vielen ihrer Fragen gegenseitig wiederfinden konnten.

2. Reflexion von Glauben und Leben

Inhaltlich gingen wir an den Abenden sowohl auf ausdrücklich glaubensbezogene Themen (Glaubenskrisen, Berufung, Leben in und mit der Kirche) wie auch auf Lebensthemen wie „Mein Lebensfluss“, „Beziehungen“ oder „Umgang mit Scheitern“ ein. Die Teilnehmer/-innen hatten am Beginn des Jahres die Möglichkeit, Themen und Fragen vorzuschlagen. Uns war wichtig, dass nicht wir als Leitung bestimmen, welche Themen die Gruppentreffen prägen, denn es sollte um die Fragen der Teilnehmer/-innen gehen. Mithilfe der Rückmeldungen konnten wir im Verlauf des Jahres eine große Bandbreite von Lebens- und Glaubensthemen junger Erwachsener ansprechen. Neben der Vielseitigkeit der Themen war für die Teilnehmer/-innen wichtig, dass sie in einen echten Austausch kommen und sagen können, was sie wirklich denken. Eine Teilnehmerin schrieb im Rückblick „In meinem Leben habe ich sonst im Freundeskreis wenig Kontakt mit Christen. Bei EJML erfahre ich es zum ersten Mal überhaupt, mich über Glaube auszutauschen und einen Platz zu finden darüber zu reden, ohne dass es 'superficial' [oberflächlich] ist.“ Und eine weitere Teilnehmerin schrieb: „Ich lerne hier, Worte für meinen Glauben zu finden. (Work in progress...)“. Die intellektuelle wie erfahrungsbezogene Reflexion des eigenen Glaubens bricht bei vielen jungen Erwachsenen nach der Schul- und Jugendzeit ab. Es gibt einen ‚Hunger‘ danach, neue Worte für den eigenen Glauben zu finden, sich kritisch und zugleich konstruktiv mit der Kirche und ihrem Anspruch auseinanderzusetzen. Dafür braucht es Gleichgesinnte, die einander aussprechen lassen, was sie bewegt, ohne den anderen zu bewerten.

3. Glauben im Alltag

Schon die Mischung von Lebens- und Glaubensthemen ließ die Teilnehmer/-innen eine wichtige Verbindung von Glauben und Alltag entdecken: Ganz im Sinne der ignatianischen Spiritualität sind alle Fragen, Themen, Ereignisse und Begegnungen dazu geeignet, mein Leben mit Gott zu vertiefen. Für junge Erwachsene ist wichtig, dass ihre Werte und ihr Glaube im Alltag für sie einen spürbaren Unterschied machen. Dies wurde auch im Wunsch der Teilnehmer/-innen deutlich, dass wir einige Abende Themen wie „Lebensstil“, „Glaube und Politik“ oder „Christsein in Aktion“ widmen.

4. Gebet und Spiritualität

Schließlich übten wir an den Abenden jeweils verschiedene Weisen christlichen Betens ein: vom Tagesrückblick über die Schriftbetrachtung hin zum stillen, kontemplativen Verweilen in der Gegenwart Gottes. Diese Vielfalt von Gebetsweisen wurde von den Teilnehmer/-innen positiv aufgenommen. Wir wiesen auf die Möglichkeit geistlicher Begleitung hin und stellten Exerzitienangebote vor. Beides wurde von einigen Teilnehmer/-innen gerne genutzt.

Die Erfahrungen mit der Gruppe waren sehr positiv und so war von mehreren Seiten der Wunsch nach einer Fortsetzung zu hören. So begleiten Sebastian Maly SJ und Regina Stallbaumer sa nun eine GCL-Gruppe (Gemeinschaft Christlichen Lebens) für Junge Erwachsene, in der die Teilnehmer/-innen von EJML weitergehen und auch neue Gruppenmitglieder dazukommen können. Wenn wir uns heute fragen, wie wir gerade junge Erwachsene in ihrem Glauben stärken können, ist Präsenz von Kirche ‚auf allen Kanälen‘ erforderlich. Neben den sozialen Medien, Weltjugendtagen und anderem kann Kirche junge Menschen aber auch immer noch auf einem anderen Weg erreichen: durch die Initiierung von geistlicher Gemeinschaft in einer kleinen Gruppe. Mit einem solchen Angebot wie EJML erreicht man wenige, doch diejenigen dafür umso intensiver. Es fordert einen vergleichsweise hohen Personaleinsatz, da es persönliche Begegnung und konkrete Präsenz vor Ort bedeutet. Dafür dürfen die Begleiter/-innen die Erfahrung machen, dass sich die Teilnehmer/-innen der Gruppe gegenseitig begleiten und es oft schon genügt einen Raum zu schaffen, in dem Menschen miteinander über ihren Glauben ins Gespräch kommen können. Hier entstehen Beziehungen und echter Dialog. Wir von EJML sind der Überzeugung, dass sich dieses Engagement von Kirche lohnt.