Einladend Kirche zu sein, ist eine Haltung

Gemeinden beschreiten facettenreich Wege, um sich offen zu zeigen.

 „Wir wollen in unserer Zeit mit den Menschen, die mit uns leben, unterwegs sein und die Menschen mit Gott in Berührung bringen, offene Türen haben und einladend sein.“ Schon im Vorwort seines Pastoralkonzeptes setzt der Pastorale Raum im Nordosten Berlins ein Ausrufezeichen. Die vier Pfarreien – St. Georg in Pankow, Corpus Christi in Prenzlauer Berg, St. Josef in Weißensee und Heilig Kreuz in Hohenschönhausen – schreiben für ihre gemeinsame Zukunft fest, sich als einladende Kirche zu verstehen.

Als spezifisches pastorales Ziel definieren sie in ihrem Pastoralkonzept: „Wir möchten jeder und jedem auf dem Territorium unserer künftigen Pfarrei die Begegnung mit Glauben, Gemeinde und Kirche ermöglichen. Deshalb verstehen sich die Gemeinden und die künftige Pfarrei als ,einladende Kirche‘. Sie stehen auch für bisher der Kirche fernstehende Menschen offen und laden diese zur Mitwirkung ein.“ Die Gemeinden sollen in der Öffentlichkeit präsent sein, wird das Pastoralkonzept konkret, und regelmäßige Begegnungsmöglichkeiten für neue Gemeindemitglieder und bisher kirchenferne Menschen schaffen.

Das Bemühen, eine einladende Kultur zu entwickeln, haben viele Gemeinden, Pfarreien und Pastorale Räume im Erzbistum Berlin auf ihre Agenda gesetzt. Auf die Frage, was es heißt, einladend Kirche zu sein, geben sie facettenreiche Antworten, wie ein unsystematischer Blick in die Kirche vor Ort zeigt. Viele gehen zunächst die äußeren Umstände an, andere stellen die inhaltlichen Herausforderungen in den Vordergrund. 

Eine Haltung 

„Einladend Kirche zu sein, das ist eine Haltung, eine Einstellung, die durch das Leben in das Leben weitergegeben wird“, betont Pfarrer Bernd Krause, Leiter der Entwicklungsphase im Pastoralen Raum im Nordosten Berlins. Während die neue Pfarrei in seinem Pastoralkonzept die Haltung festschreibe, bleibe es vor allem Aufgabe der Gemeinden vor Ort, dies Haltung im Konkreten umzusetzen, betont der Pfarrer von St. Josef, da sich die spezifischen Lebenssituationen von Ort zu Ort unterschieden. „Es kommt dabei auf die Kreativität der Gemeinden an.“ Zudem gelte es, die Orte kirchlichen Lebens nicht zu vergessen. „Gerade für Menschen, die der Kirche nicht mehr so nah stehen sind die Orte kirchlichen Lebens der erste Begegnungsort mit Kirche, die Beratungsstellen der Caritas, die Kindergärten, die Franziskaner mit ihrer Suppenküche, die Franziskanerinnen von Münster-Mauritz mit ihrem Aids-Hospizdienst.“

Was aber die einladende Haltung der Kirche im Allgemeinen betrifft, bliebe allerdings noch einiges zu tun, ist sich Pfarrer Krause bewusst. „Jeder, der gerne zu uns kommt, muss auch dabei sein dürfen. Wir dürfen nicht Menschen ausschließen, weder wegen ihrer Herkunft noch wegen ihrer Konfession, Religion oder Nichtkirchlichkeit, weder weil sie homosexuell noch weil sie geschieden und wiederverheiratet sind.“ Er empfinde es als fragwürdig, dass ein Priester Panzer und Kaninchen jederzeit segnen dürfe, gleichgeschlechtliche Paare allerdings nicht. Und er fragt: „Ja, es gibt auch katholische Ehen, die kaputt gehen. Das passiert. Aber warum werden sie, wenn sie einen zweiten lieben Menschen für ihr Leben finden, von den Sakramenten ausgeschlossen?“ Gemeinde und Pastoralteam lebe stets in einem Spagat, vor Ort den Menschen gegenüber einladend zu sein, während gesamtkirchlich Menschen ausgegrenzt werden, umreißt er eine der größten Herausforderungen auf dem Weg, eine einladende Kirche zu sein.

Offene Kirchen

Nur wenige Kilometer weiter westlich, in Berlin-Wedding, hat sich die Gemeinde St. Joseph entschieden, ihre Kirche zu einer „Offenen Kirche mittendrin“ zu entwickeln. So hat es der Pastoralausschuss im Pastoralkonzept der neuen Pfarrei St. Elisabeth festgeschrieben. „Unsere Kirche steht zentral in der Müllerstraße. An ihr laufen täglich hunderte Passanten vorbei“, erklärt Martin Kodritzki, stellvertretender Vorsitzender des alten Pfarrgemeinderates von St. Joseph. „Viele sehen oft nur die geschlossenen Tore, nun sollen sie die Chance bekommen, zu sehen, was sich hinter den großen Türen befindet.“ Denn diese ist kunstvoll ausgestaltet im Stil der Beuroner Schule, einmalig in Berlin. Ziel bleibt daher, das Gotteshaus täglich ab 15 Uhr zu öffnen, immer drei Stunden vor dem Werktagsgottesdienst. „Wir wollen, dass die Türen offenstehen, mit Banner davor, das die Menschen einlädt, reinzukommen und sich die Kirche anzuschauen.“

Während der Öffnungszeiten wird ein ehrenamtlicher Ansprechpartner vor Ort sein, so Kodritzki. Zudem soll auf die Angebote der Pfarrei St. Elisabeth verwiesen werden, zu der unter anderem mit dem Dominikanerkloster in Moabit auch ein geistliches Zentrum und zahlreiche Beratungsstellen der Caritas zählen. „Wir sind für viele hier in der Müllerstraße eine Kirche auf dem Weg und können für diejenigen Orientierung bieten, die ihren Weg im Leben suchen“, meint Kodritzki.

St. Elisabeth mit ihrer Kirche St. Joseph verhält sich damit ganz im Sinne der auch heute noch sehr aktuellen Arbeitshilfe der Deutschen Bischofskonferenz „Missionarisch Kirche sein. Offene Kirchen – Brennende Kerzen – Deutende Worte“ aus dem Jahr 2003, die sich gegen geschlossene Kirchen wendet und offene Gotteshäuser als ersten Schritt einer einladenden Kultur definiert: „Geöffnete Kirchen vermitteln eine besondere Botschaft: Sie sind eine Einladung an Vorbeikommende und heißen diese  willkommen. Die Gestaltung des Kirchenraumes, die Bilder und Glaubenssymbole, die brennenden  Kerzen und betenden Mitmenschen ermöglichen auch dem Außenstehenden eine Berührung mit dem Glauben“, heißt es in dem Dokument, und: „Sie sind Hinweise auf die Einladung Gottes an jeden Menschen. Sie sollen Orte der Einkehr und des Gebetes für die bleiben, die diese Kirche besuchen. […] Die Kirchenräume sind Helfer bei der Aufgabe, Menschen mit der Botschaft des Evangeliums in Berührung zu bringen.“ 

Ereignisse und Veranstaltungen

Eine offene Kirche, das ist bereits St. Bonifatius in der Yorkstraße 88c in Berlin-Kreuzberg. Immer mittwochs und donnerstags öffnet die Gemeinde von 15 bis 18 Uhr die Pforten ihrer Kirche, damit Passanten zu Stille und Gebet, zu Betrachtung von Kunst und Architektur eintreten können. Darüber hinaus zeigt sich St. Bonifatius bereits zum dritten Mal an Pfingsten in besonderer Weise einladend. Denn dann strömt der Umzug des „Karnevals der Kulturen“ wieder direkt an der Kirche vorbei. Mit der multisensualen Installation „Lux2“ lädt der Pastorale Raum Berlin-Mitte in diesem Jahr die tanzenden und singenden Besucher des Berliner Großereignisses ein, eine eigene Erfahrung zu machen. Allerdings nicht nur am Pfingstwochenende. Bereits zum bundesweiten „Tag der Nachbarn“ am 24. Mai und der sich anschließenden „Nacht der offenen Kirchen“ soll die Installation inspirieren.

„Wenn Menschen unterschiedlicher Sprachen und Nationen fröhlich feiern und sich verstehen, geben sie eine Ahnung davon, wie es damals in Jerusalem gewesen sein muss, als Menschenmassen zusammenkamen, um miteinander das Pfingstfest zu begehen: ein kunterbunt gemischter Haufen aus allen Ecken der Welt. Auch damals schon ein ,Karneval der Kulturen‘ gewissermaßen“, zieht Carla Böhnstedt, Pastoralreferentin in der Citypastoral, eine Analogie zwischen den beiden Ereignissen. Um eine möglichst große Zielgruppe anzusprechen, unabhängig von deren religiöser Einstellung, versucht die Installation „Lux2“ das Pfingstgeschehen in Form einer eindrücklichen, urbanen Ästhetik zu versinnbildlichen: ein Mobile aus 2.019 Plexiglasquadraten im Kirchenraum korrespondiert mit einem grob verpixelten Christusportrait im hinteren Bereich des Altarraums, dazu ein eigener Duft sowie zeitgenössische Musik, um alle Sinne der Besucher anzusprechen. „Mit unserem Angebot wollen wir neugierig machen, positiv irritieren – und überraschende Sichtweisen anbieten. So wird ein spannender Austausch mit Menschen in unserem Lebensumfeld möglich, für die die Frage nach Gott kein Thema mehr ist oder noch nie war“, so Böhnstedt.

Ihr Weg zu einer einladenden Kirche ist es, sich als Kirche stärker für die zentralen Ereignisse der Stadtkultur zu sensibilisieren und dorthin zu gehen, wo die Menschen sind. „Wir nutzen bewusst Ereignisse der Stadt als Andockpunkt für ein spirituelles Angebot“, betont die Pastoralreferentin für Citypastoral, „weil wir Kirche als einen unverzichtbaren Mitspieler der Stadtkultur sehen, ohne den eine wichtige Grundmelodie im Sound der Stadt fehlen würde.“ Bei solchen Anlässen gelte es punktuelle Begegnungen mit Kirche und eine vorurteilsfreie Kontaktaufnahme zu ermöglichen. Schließlich sei die Kirche keine geschlossene Gesellschaft in einer Parallelwelt, sondern ereigne sich dort, wo die Menschen sind: mitten im Leben.

Besondere Ereignisse und in der breiten Bevölkerung tradierte Tage zu nutzen, um über die Gemeinde hinaus Menschen einzuladen, diesen Weg beschreitet auch der noch junge Pastorale Raum Charlottenburg-Wilmersdorf. So lud dieser zum Valentinstag zu einem Segnungsgottesdienst ein, unter dem Motto: „Für dich soll’s rote Rosen regnen“. „Aufgebaut mit Elementen aus Vesper und Eucharistiefeier sang die Opernsängerin Alexandra Boulanger begleitet von Trompete, Klavier und Orgel. Es gab eine Predigt über die Liebe, dem Thema des Tages. Paare und Einzelpersonen konnten sich segnen lassen. Und am Ende regnete es Rosenblätter passend zum Lied von Hildegard Knef“, berichtet Trystan Stahl, der den Gottesdienst mit vorbereitet hat. Im Anschluss öffnete das Gemeindehaus, um bei einem Glas Sekt und Musik sowie zahlreichen Liebesgedichten, die im Raum aushingen, auszutauschen und auf die Liebe anzustoßen.

Den Zuspruch bezeichnet Stahl als außergewöhnlich: „Die Kirche war voll, und zwar nicht nur mit denen, die wir regelmäßig sonntags in der Kirche sehen.“ Ein Grund war sicherlich die Werbung über die sozialen Medien und mit zahlreichen Plakaten, die in Bahnhöfen, Bars und Cafés im Pastoralen Raum aushingen. Offen formuliert hieß es darauf: „Einladung an alle glücklich und unglücklich Verliebte“ und: „Alle, Christen und Nichtchristen, sind herzlich eingeladen.“ „Mit dem Valentinstag kann jeder etwas anfangen, egal ob kirchlich oder nicht, deswegen haben wir diesen Tag gewählt“, erläutert Stahl das Vorgehen. Nach dem positiven Feedback entstanden bereits Ideen, weitere Tage im Jahr zu nutzen, mit denen beide, Gesellschaft und Kirche etwas anfangen können, um Menschen aller Couleur einzuladen: „Warum nicht zum St. Patricks-Day eine Prozession zu den Pubs im Pastoralen Raum?“, meint das Mitglied im Pastoralausschuss des Pastoralen Raums. Was einladende Kirche in Berlin ausmacht, beschreibt Stahl so: „Wir brauchen die Offenheit in den Gemeinden, die unendlich vielen verschiedenen Lebensentwürfe, die es in dieser säkularisierten Stadt gibt, zu akzeptieren und anzunehmen, und den Menschen zu signalisieren: ihr seid bei uns willkommen!“

Eine Zielgruppe im Blick

Der Pastorale Raum Treptow-Köpenick öffnet sich einer bestimmten Zielgruppe und nimmt die zahlreichen Studierenden aus seinem Gebiet in den Blick. So engagiert sich Pastoralassistentin Theresia Härtel bereits an den Hochschulstandorten in Adlershof. „Was gut funktioniert, ist eine Form von Einzelseelsorge“, erklärt Härtel. Mit einfachen Aushängen macht sie auf ihr Angebot aufmerksam, sich in problematischen Lebenssituationen an sie zu wenden. Mit Erfolg. Vier bis 14 Gespräche führt sie pro Woche. „Häufig geht es darum, wie man in dieser riesigen Stadt ankommen und die Einsamkeit überwinden kann, es geht um Probleme in der Liebesbeziehung, um Prüfungsangst, ob es das richtige Studium ist, um Leistungs- und Konkurrenzdruck“, berichtet Härtel. Sie bietet ein offenes Ohr, kann auf andere Hilfsangebote verweisen, eventuell die Angst vor einem Psychologen nehmen. Getroffen werde sich in Cafés. Die Räume der Kirchengemeinde seien zu weit entfernt. „Die meisten wissen gar nicht, dass es dort eine katholische Kirche gibt.“

Am Fronleichnamswochenende plant sie erstmals nun einen Workshop-Tag mit Gesprächsrunden zu Glaube und Wissenschaft und spirituellen Angeboten. Die katholischen jungen Erwachsenen lädt der Pastorale Raum gezielt per Post zu diesem Tag ein. Außerdem soll eine Campus-Aktion jenseits konfessioneller Grenzen auf das Angebot aufmerksam machen. „Wir wollen die erreichen, die sich nicht vom klassischen Programm der Katholischen Studierenden Gemeinde ansprechen lassen und sich auch nicht auf unser Kirchengelände trauen würden.“

Eingeladen und nicht ausgesperrt fühlt sich ein jeder, der die Möglichkeit bekommt, seine Kirche barrierefrei zu betreten. Das dachte sich auch die Pfarrei St. Peter und Paul in Eberswalde und baute eine Rampe für alle, denen es schwerfällt, die Treppe zur Kirche zu nutzen. „Wir wurden auf das Problem aufmerksam, als wir sahen, dass es einem an MS erkrankten Gemeindemitglied immer schwerer fiel, über die Stufen in die Kirche zu gelangen“, erklärt Pfarrer Bernhard Kohnke. Seit letztem Jahr können nun Gehbehinderte, Rollstuhlfahrer, Menschen mit Rollator und Kinderwagen über eine beleuchtete Rampe aus Schlesischen Granit in die Kirche gelangen. „Die Reaktionen sind durchweg positiv“, freut sich Pfarrer Kohnke. Dennoch sei es eine finanzielle Kraftanstrengung für die Gemeinde gewesen. Man baute nachhaltig und investierte knapp 45.000 Euro. Noch immer ist die Rücklage mit zirka 20.000 Euro belastet, für die die Gemeinde um Spenden bittet. 

Raus aus den eigenen Räumen

Für alle gut zugänglich als Ort der Begegnung plant die Pfarrei St. Hedwig Buckow-Müncheberg ihr neues Gemeindehaus in Müncheberg. Nach dem Motto „Offene Türen, offene Räume, offene Herzen“ soll das katholische Gemeinde- und Begegnungszentrum ein fester Platz im Leben der Kleinstadt werden, mit einem Kindergarten eines freien christliche Trägers, dem Katholischen Elternkreis Strausberg, mit Räumen für Senioren und mit Büros für zeitlich begrenzte Beratungsangebote. Doch bis alles fertiggestellt ist, dauert es noch. Zunächst wurde das alte Pfarrhaus abgerissen und das obdachlos gewordene Pfarrbüro samt Pfarrsaal brauchte ein Ausweichquartier. Und so machte die Kirchengemeinde aus ihrer Not eine Tugend und mietete einen leerstehenden Laden, ein ehemaliges Gardinengeschäft mitten im Ort. Der große Ladenraum mit Nebenzimmer und Toilette ist durch bodentiefe Schaufenster an zwei Seiten sehr gut einzusehen. Außenstehende können hineinblicken, wenn die Gremien tagen, die Ministranten sich treffen, Religionsunterricht gehalten wird.

Zudem richtete die Gemeinde im Laden eine „Offene Tür“ ein, eine Gesprächszeit, eine Stunde Montagvormittag und eine am Donnerstagnachmittag. Kaffee und Tee stehen bereit. „Wir sind hier in einem Bereich der Stadt mit Geschäften, einem Baumarkt und eine Kita. So laufen immer Leute an unseren Schaufenstern vorbei, ältere Menschen, Eltern mit ihren Kindern“, weiß Gundula Morcinek. Die Mitarbeiterin der Gemeinde stellt bei schönem Wetter einen Stuhl mit Flyern vor die geöffnete Tür. „Es kommen Leute rein, die Fragen zur Kirche haben oder zu unserem Bauprojekt.“

An verschiedenen Stellen setzt die Pfarrei Heilige Dreifaltigkeit in Brandenburg an der Havel an, um ihre Gemeinde einladend zu gestalten. Seit 2018 bringt sie zweimal im Jahr einen Alpha-Kurs auf den Weg. Der erste in diesem Jahr, schloss gerade ab. Er fand ganz gezielt in der katholischen Kita statt, um 17 Uhr, mit Kinderbetreuung. Er sprach vor allem die Eltern der Kita-Kinder an und zwar überkonfessionell. Der zweite Kurs ist für den Herbst geplant, um 19 Uhr in Gemeinderäumen der Pfarrei vordringlich für die katholischen Gläubigen. Für das kommende Jahr gibt es bereits Überlegungen, einen Kurs mitten in der Stadt, zum Beispiel in einem Restaurant durchzuführen, um die geschlossene Atmosphäre der Kirchenräumlichkeiten zu verlassen.

Auf einer Klausur 2017 entschied sich der Pfarrgemeinderat, neu auf junge katholische Christen zwischen 20 und 35 Jahren zuzugehen, die kaum Orte in der Gemeinde vorfinden, an denen sie andocken können. Es entwickelte sich ein offenes Format, das heute rege angenommen wird. Einmal im Monat wird im Gemeindehaus gemeinsam gekocht. Wer Zeit und Lust hat, kommt. „Es ist eine lockere Gruppe von jungen Leuten, alleinstehend, noch kinderlos, zum Teil erst zugezogen, für die es sonst in der Gemeinde kaum etwas gibt, die aber eigentlich Halt suchen“, berichtet Carina Donner vom Pfarrgemeinderat, die sich um den Rahmen kümmert. Wichtig sei die offene, lockere Ausrichtung, die keine große Verbindlichkeit verlange. In einer WhatsApp-Gruppe vernetzt, werden Termine, Zu- und Absagen kommuniziert.

Der Sonntag im Mittelpunkt

Ebenfalls bei der Klausur des Pfarrgemeinderats entstand die Idee, die Begrüßungsbriefe der Pfarrei nicht mehr mit der Post zu verschicken, sondern sie persönlich neu zugezogenen Katholiken zu überbringen. „Wir dachten, der persönliche Kontakt kann helfen, dass mehr Leute zu uns finden“, erklärt Donner die Initiative. Anfangs gingen die Mitglieder des Pfarrgemeinderats nach Feierabend von Tür zu Tür, um die rund 30 bis 40 Begrüßungsbriefe pro Quartal persönlich abzugeben. Heute übernehmen dies Gemeindemitglieder, die sich am Ende der Sonntagsmessen die Briefe holen, um sie zu verteilen. So soll eine Kultur des ersten Schritts in der gesamten Gemeinde wachsen.

Auf Initiative von Pfarrer Matthias Patzelt nehmen in Brandenburg an der Havel Pfarrkonvent und Gremien im Rahmen eines Zweijahresthemas den Sonntagsgottesdienst in den Blick. Inspiriert von Pfarrer James Mallon, von der Pfarrei St. Benedict in Halifax in Kanada, und dessen Buch „Wenn Gott sein Haus saniert“ wird der Ablauf und das Drumherum des Sonntagmorgens überdacht. „Father Mallon macht drei Bereiche aus, die zentral sind für eine einladende Sonntagsmesse: die Begrüßungskultur, die Musik und die Predigt“, weist Pfarrer Patzelt auf die drei Ansatzpunkte hin, die nun auch in Heilige Dreifaltigkeit auf der Agenda stehen.

So möchte sich die Pfarrei zum Beispiel in der schönen Jahreszeit testweise an einem Begrüßungsdienst versuchen. „Im Sommer kommen immer auch Touristen und Ausflügler, die zum ersten Mal mit uns Gottesdienst feiern. Sie sollen diesmal durch ein Begrüßungsteam willkommen geheißen werden.“ Allerdings brauche es dazu Ehrenamtliche, die einen Blick für Menschen haben, die fragend und suchend vor und in der Kirche stehen, denkt Pfarrer Patzelt über eine Schulung nach: wie gelingt es, Kontakt herzustellen, Hallo zu sagen, etwas anzubieten. Außerdem habe sich eine Gruppe für Lobpreismusik gebildet und im Pastoralteam stehe das Thema Predigt auf der Agenda. Auch überlegt Pfarrer Patzelt, das Pfarrbüro sonntags nach der Messe zu öffnen, parallel zum Kirchencafé. Er ist davon überzeugt: „Sonntags kommt die Gemeinde zusammen, darauf sollten wir unseren Fokus legen. Diese Zeit entsprechend einladend zu gestalten, das ist der Königsweg.“

Alfred Herrmann