Gott im Internet – Inter Mirifica

Das Ziel ist im Weg?! Die Entdeckung des digitalen Raums in Zeiten von Corona

„Unter den erstaunlichen Erfindungen der Technik, welche die menschliche Geisteskraft gerade in unserer Zeit mit Gottes Hilfe aus der Schöpfung entwickelt hat, richtet sich die besondere Aufmerksamkeit der Kirche auf jene, die sich unmittelbar an den Menschen selbst wenden und neue Wege erschlossen haben, um Nachrichten jeder Art, Gedanken und Weisungen mitzuteilen. […] Der Kirche ist sehr wohl bekannt, dass die sozialen Kommunikationsmittel bei rechtem Gebrauch den Menschen wirksame Hilfe bieten, denn sie leisten einen wichtigen Beitrag zur Erholung und Bildung des Geistes; sie dienen ebenso auch der Ausbreitung und Festigung des Gottesreiches. […]“ (Inter Mirifica, Vorwort, Art. 1 und 2)

Irgendwie klingt dieses Zitat so, als wären es im März 2020 verfasst worden, während immer mehr Gottesdienste – insbesondere Eucharistiefeiern – über soziale Medien übertragen wurden. Doch dieses wie auch die weiteren Zitate stammen aus dem Dekret „Inter Mirifica“ von 1963. Es gehört zum Text-Kanon des Zweiten Vatikanische Konzils. Was für ein Weitblick!

Und einen ähnlichen Weitblick hatte auch die Öffentlichkeitsarbeit des Erzbistums Berlin, als sie mit dem Beginn der sogenannten Corona-Welle in Deutschland, Ehrenamtliche und Hauptamtliche des Bistums und der Caritas zusammentrommelte, um der ungewohnten Situation zu trotzen.

Kurzfristig wurde zur ersten von vielen Video-Konferenzen eingeladen, die sich mit dem Social-Media-Auftritt des Erzbistums beschäftigten. Wir mussten schnell sein, um Ideen zu Formaten weiterzuentwickeln. Die Gemeinschaft in der Kirche sollte auch in dieser Zeit erlebbar sein und spirituelle Inputs sollten nicht durch die fehlende Möglichkeit des Kirchenbesuchs ausfallen müssen.

In diesem Moment hätte sich kaum einer von uns vorstellen können, welche Auswirkungen dieser Tsunami noch nach sich ziehen würde. Gemeindliche Gottesdienste in gewohnter Form waren bereits nicht mehr möglich und es war (und ist) nicht absehbar, wann wieder ohne Einschränkungen gemeinsam gefeiert werden kann.

Die Kirche hält „es für ihre Pflicht, die Heilsbotschaft auch mit Hilfe der sozialen Kommunikationsmittel zu verkünden […].“ (Inter Mirifica, Erstes Kapitel, Art. 3)

Nach dem ersten Wochenende der Live-Stream-Gottesdienste war für uns allerdings auch klar: allein vor dem Bildschirm zu sitzen und mit Distanz zuzusehen, war nicht die Spiritualität, die für viele von uns und damit auch viele von den anderen Gläubigen ansprechbar ist. Konsumieren anstatt wirklich zu partizipieren entspricht eben zurecht nicht der tätigen Teilnahme, die das Zweite Vatikanische Konzil so nachdrücklich fordert.
Zwar kann ein votum sacramenti – das geistige Verlangen, ein Sakrament zu empfangen – eine Form von Teilhabe schaffen, jedoch ersetzt es nicht die eigentliche Verwirklichung von Gemeinschaft und Teilnahme. Um Menschen nicht mit der Sehnsucht nach einer spürbar anwesenden Gemeinschaft allein zu lassen, wurden (nicht nur) im Erzbistum Berlin neue Wege beschritten.
In der ersten Video-Konferenz wurden drei Hauptbereiche ausgearbeitet: konkrete Hilfsangebote bzw. Solidarität, spirituelle Impulse und interaktive Formate. Diese drei Bereiche wurden dann in neu gegründeten Teams für die verschiedenen Social-Media-Kanäle des Erzbistums adaptiert. Die Website, die Facebook- und die Instagramseite wurden bereits eine halbe Woche später mit entsprechendem Inhalt versorgt. Egal ob Morgenimpuls oder Aufforderungen zur guten Tat des Tages, egal ob Live-Abendgebet oder sich den ganzen Tag von einer Person in der Instagram-Story begleiten lassen, die jederzeit #ansprechbar ist: die Mühlen mahlten. Wir hatten uns mehr oder weniger professionell auf den Weg gemacht und lernten durch die von Anfang an vor allem positiven Rückmeldungen immer mehr dazu.

„Im übrigen [sic!] gehört es vor allem zur Aufgabe der Laien, die sozialen Kommunikationsmittel mit echt humanen und christlichem Geist zu beseelen, um sie den großen Erwartungen der Menschheit und dem Plane Gottes voll zu entsprechen.“ (Inter Mirifica, Erstes Kapitel, Art. 3)

Die verschiedenen Teams wurden noch erweitert und bald trafen wir uns jeden Tag in einer anderen Videokonferenz-Gruppe zur Vorbereitung der unterschiedlichsten Projekten. Ostern rückte näher und es war absehbar, dass auch unser höchstes Fest außerhalb des Kirchengebäudes gefeiert werden würde. Ein neues Feld bekam unsere Aufmerksamkeit: Wort-Gottes-Feiern in Form von Messenger- und Online-Gottesdiensten, um allen die Möglichkeit zu geben, selbst in der Feier der Liturgie aktiv werden zu können. 

Online-Gottesdienste klingen zunächst etwas befremdlich, aber sie schaffen tatsächlich den Sprung zu einer echten Gemeinschaft. Der digitale Raum ist eben mehr als eine Form der elektronischen Informationsfläche, weil er reale Erlebnisse schafft.

Mit dem Blick auf die Kar- und Osterliturgie stellten wir uns viele Fragen: Wie funktioniert ein Gründonnerstag ohne Fußwaschung und Eucharistie? Kann es eine Osternacht ohne Osterfeuer geben und was ist überhaupt das Wichtigste am Karfreitagsgottesdienst?

Schnell war für uns klar, dass diese Gottesdienste erst zur Erfahrung werden können, wenn die einzelnen Rituale durch angeleitete Aktionen ins Reale, also nach Hause verlagert werden. Der digitale Raum eröffnete sich live ins Analoge. Ebenso feierten wir die Osternacht. Mit allen Lesungen, einem real-digitalen Osterfeuer (übertragen von der Terrasse), einem Ritus zur Segnung der Osterkerzen daheim, dem Lumen Christi, einem Wasserritus, der an die Taufe erinnerte und dem risus paschalis – dem Osterlachen. Durch das aktive Tun daheim, konnten die Teilnehmer/innen die Osterliturgie nachvollziehen, Gemeinschaft spüren und konkrete Teilhabe am Geheimnis der Osternacht erfahren. Die Karfreitags-Liturgie fand bei WhatsApp statt. Für uns zeichnete der Messenger treffend die Spannung dieser Liturgie ab - ein Dazwischen ohne wirklichen Anfang und ohne Ende. Am Beispiel eines Bildes, das immer mehr von seiner Farbe verliert, bis letztlich alles schwarz ist, haben wir 120 Personen in der Gruppe den Karfreitag nachempfunden - in unserer kleinen und doch so weiten digitalen Kirche.

Immer dabei: der Fürbitten-Chat und aktivierende Aktionen für daheim. Auch gemeinsames Singen ist hier - garantiert unter Einhaltung der Hygienevorschriften - möglich. Es hat sich zudem gezeigt, dass der Chat im Nachgang der digitalen Gottesdienste zu einer Art Kirchen-Café geworden ist.

Viele weitere dieser Wort-Gottes-Feiern folgten und folgen, obwohl der Aufwand im Nach-Lockdown-Alltag eine zusätzliche Zeitkomponente darstellt. Von den Menschen als sehr wertvoll empfundene Angebote, wie zum Beispiel das Live-Abendgebet, wurden bereits wieder eingestellt. Sie sollten vor allem in der schwierigen Zeit Struktur und Halt geben und waren mit einem hohen Aufwand verbunden. Es ist dennoch schade und das nicht nur, weil noch längst kein richtiger Alltag zurück ist.

Um es deutlich zu sagen: diese Formen der Verkündigung und Wort-Gottes-Feiern sind eine Erweiterung zu bestehenden Liturgie-Formen. Auf kreative Art und Weise schaffen sie eine neue, aber zeitgemäße Facette, Gottesdienste zu feiern.

Aber ist es überhaupt ratsam, weiterhin einen starken digitalen Auftritt zu gestalten? Bleiben die Kirchen dann leer(-er) oder ist das Ziel der digitalen Angebote sogar im Weg, weil die Gläubigen der Messe fernbleiben könnten?

Nein! Digitale pastorale Angebote sind ausdrücklich keine Konkurrenz zu etwas anderem. Vielmehr eröffnen sie Menschen zusätzlich einen Weg, Gott für sich und in der Welt zu entdecken. „Wo Glaube Raum gewinnt“ - bis ins Digitale hinein. Ein bisher kaum liturgisch erschlossener Raum wurde gefunden und mit Spiritualität und Solidarität gefüllt. Das Ziel der digitalen Gottesdienste ist für manche vielleicht im Weg, aber weg ist es nicht…
Oder wie es in den Rückmeldungen nach den Gottesdiensten heißt: „Vielen Dank für dieses Angebot! Ich bin nicht gläubig und finde halt im Glauben meines Mannes und in den Ritualen der Feiertage. Euer Angebot ist dabei eine weitere Stütze!“ (05.04.2020)

Aus Rückmeldungen wie dieser wird deutlich: Was möglich ist, sollte auch genutzt werden, um den Glauben in die Welt zu tragen. Es geht um mehr als ein Lockdown-Programm und anders als gewohnt heißt eben nicht gleich schlecht. Seelsorge über Instagram ist nicht weniger Wert als vor Ort. Sie erreicht nur andere Leute, zum Beispiel welche die sich (schon lange) nicht (mehr) in eine Kirche trauen.

Um den neu aufgeschlossenen Raum konsequent zu erobern und Begegnungen zu ermöglichen, muss sich die Ernsthaftigkeit des Bestrebens auch in Ressourcen widerspiegeln. Das bedeutet auch, dass eine zeitgemäße Technik zum selbstverständlichen Arbeitswerkzeug der Aktiven wird. Oftmals wird vorausgesetzt, auf private Laptops und Handys zurückzugreifen. Für ein professionelles Vorantreiben der Digitalisierung kann das kaum ein Dauerzustand sein. Verkündigung ist neu zu denken, wenn sie zukunftsfähig sein will. Um Menschen anzutreffen, müssen wir auch ihre alltäglichen Kommunikationsmittel und -wege (z. B. verbreitete Messengerdienste etc.) nutzen.

Wir werden herausfinden, welche Teile des Social-Media-Programms nur Ersatz waren und welche bleiben werden. Die Rückmeldungen zeigen aber eins: Verbundenheit im Gottesdienst braucht keinen gemeinsam geteilten Kirchenraum.

Theresia Härtel

Pastoralreferentin im Erzbistum Berlin
Pastoraler Raum Berlin-Mitte

Sebastian Schwertfeger

Geschäftsführer
Jugendpastorales Zentrum vom
Bereich Pastoral - Jugendseelsorge im Erzbischöflichen Ordinariat
und dem BDKJ Diözesanverband Berlin