Gott in der Großstadt

Am Anfang steht die „Geteilte Vision“ - Impulse von der „Summerschool 2017

Bericht zweier Teilnehmerinnen zu den Modulen „Partizipative Kirchenentwicklung“  und „Kreative Liturgien“

von Inge Lux und Uta Slotosch

Vorlauf im entstehenden Pastoralen Raum Lankwitz/ Marienfelde
Ein halbes Jahr vor der feierlichen Eröffnung unseres Pastoralen Raumes Lankwitz/ Marienfelde kommt da diese Einladung vom EBO für zwei mal drei Tage „Summerschool“ mit dem Team des Pastoralinstitutes aus Manila/ Philippinen.
Zwei Module locken zum ev. Johannis-Stift ins Hotel Christophorus:
07. - 09.07. „Partizipative Kirchenentwicklung“ - Wie können Wege der Beteiligung entdeckt und umgesetzt werden?
10. -12.07. „Kreative Liturgien“ - Wie kann Liturgie neu das Leben in den Blick nehmen?
Wenn seit  2015 Geistliche und pastorale Mitarbeiter/innen des Erzbistums nach den Philippinen geschickt wurden, um dort von der neuen Kirchenentwicklung in großen Pastoralen Räumen zu lernen, fragten Gemeindemitglieder nach dem Sinn dieser Reisen. Nun die Chance, sich selbst von dem Team aus Manila begeistern zu lassen!

(Im Kasten:  Von den Philippinen lernen? Die Philippinen, einst von den Spaniern missioniert, heute ein Land mit 90% Christen, 80,9 % Katholiken! Eine ganz andere Kultur! ~Das haben wir schon bei den Aktionen von Misereor, Weltgebetstag und Mission 2015 – 2016 erkannt. Wir, die Katholische Kirche  in Deutschland, soll von den Philippinen lernen?)

Es ist März, und ich treffe nach dem Misereor-Gottesdienst Uta S. mit ihrem Familienteam auf dem Kirchplatz. „Und, schon von der Summerschool gehört? Bist du dabei?“ Seit zwei Jahren arbeiten Uta und ich mit unterschiedlichen Teams in der Eine-Welt-Arbeit, beim Wel(l)come-In-Projekt, in der Ökumene und bei der Familienliturgie zusammen. Uta ist auch noch als Gottesdienstbeauftragte, Lektorin und in der Firmbegleitung aktiv, ich im Pfarrgemeinderat und im Kieznetzwerk „Rund um den Guten Hirten“. Auf geht’s! (Zitat von Papst Franziskus). Uta will sich für das zweite Modul „Liturgie“ anmelden, ich für das erste „Kirchenentwicklung“.
Ein Haken: Wir sollen zu jedem Modul je zu zweit aus einem Pastoralen Raum kommen.  Barbara S.-V., 2. Vorsitzende des Kirchenvorstandes unserer Schwestergemeinde Mater Dolorosa, hatte längst selbst die Idee, sich zum Thema „Kirchenentwicklung“ anzumelden. Und Uta kann Christiane R., aktiv als Lektorin und bei Familiengottesdiensten, begeistern. Wir wollen da hin.
 
Modul 1 „Partizipative Kirchenentwicklung“
Wie können Wege der Beteiligung entdeckt und umgesetzt werden?

Schon beim  Ankommen beim Tagungsort wird klar, dass uns die zahlreich anwesenden Mitglieder der Steuerungsgruppe und Stabsstelle zum Prozess „Wo Glaube Raum gewinnt“ als Lernende auf Augenhöhe begegnen. Zusammen mit Pfarrer Dybowski werden sie mit uns in Teams zusammenarbeiten. Die Leitung aber hat das Team des Pastoralinstitutes aus Manila auf den Philippinen.

Ein „Missionsland“ soll uns in Deutschland missionieren? Vor meinen inneren Augen  ziehen das „Nick-Negerlein“ der 50er Jahre in Salvator-Lichtenrade vorbei,  dann die ersten Fastenaktionen von Misereor in den 70er Jahren, die uns die Kultur der Missionsländer nahebrachten. Dann unsere Peru-Partnerschaften in Mater Dolorosa und Vom Guten Hirten. Wir sahen uns als die großen Unterstützer der armen Campesinos. Bis dann die Campesinos in ihren Briefen fragten: „ Lest ihr auch gemeinsam in der Bibel – arbeitet ihr auch gemeinschaftlich in euren Gemeinden – wie haltet ihr es mit den Alten...?“ Die Beziehung änderte sich. Wir wurden zu Lernenden, begannen mit dem Bibel Teilen, gründeten Gruppen und Arbeitsteams. Wir wandten uns den Alten und Behinderten zu. - Warum nicht 2017 von den Philippinen lernen?

Am Anfang steht der Kampf Jakobs mit dem Engel  Gen 32, 23 – 31
Ein Aufbruch - ein Weg ins Ungewisse – eine Begegnung mit Gott – ein Ringen – ein Segen – ein neuer Name.....der für das Volk Gottes steht....Israel.

Das Team aus Manila stellt sich vor:

Father Mark Lesage CICM aus Belgien arbeitet seit 1961 auf den Philippinen, davon 30 Jahre in der riesigen Pfarrei Las Pinas (14.000 Gemeindemitglieder) nahe der Metropole Manila. Nach zehn Jahren fühlte er sich müde. Seinen Traum von Kirche, wie er ihn aus den Niederlanden mitgebracht hatte, ließ sich nicht verwirklichen.
Father Mark nahm eine Auszeit und ging nach Süd-Afrika. Dort lernte er die spirituelle Kraft des Bibel Teilens und der kleinen Gemeinschaften kennen.
Auf die Philippinen zurückgekehrt, wusste er, was er falsch gemacht hatte.
„Ich habe für die Leute geträumt – statt mit ihnen!“
> Das Volk Gottes muss seine eigene Vision, sein eigenes Kirchenbild finden!
Er begann mit seiner Gemeinde den langen Prozess zu einer Partizipativen Gemeinde, einer Gemeinschaft vieler kreativer Leute, in der alle „professionell“ durch ihre Erfahrungen mit Gott und mit einer gemeinsamen Vision zusammenarbeiten.
Dieser Prozess der Kirchenentwicklung in Las Pinas war später die Grunderfahrung für das Pastoralinstitut in Manila „Pukal ng Tipan“ (Quelle und Bund).

Aleli Gutierrez war 35 Jahre im Dienst der Gemeinde Las Pinas und ist 16 Jahre im Team des Pastoralinstitutes. Heute ist sie Trainerin in 14 Diözesen, darunter mehrere im deutschsprachigen Raum. Ihr Thema: Die Umsetzung der partizipativen Kirche!

Joseph Guevarra arbeitet seit 27 Jahren in der Gemeinde Las Pinas mit. Sein Schwerpunkt :
Die jungen Leute . 60% der Katholiken auf den Philippinen sind jung. Joseph vertritt die Arbeit des Pastoralinstitutes in der Philippinischen und Asiatischen Bischofskonferenz.
„Ich habe nicht die Antworten – die philippinische Kirche hat ihre eigenen Antworten!“  Erfahrungen mit Kirche machen – gemeinsam auf den Weg mit Jesus gehen – sich gegenseitig inspirieren – eine Vision teilen.

Dr. Estela Padilla aus der ehemaligen Jugendgruppe von Father Mark arbeitet seit 20 Jahren in Las Pinas mit, gehört als Theologin und Journalistin dem Team des Pastoralinstitutes und dem „Ressource-Team“ der Asiatischen Bischofskonferenz an.
Sie bietet Kurse zum Thema „Kirchenentwicklung“ an.

(Kasten!) Jetzt haben wir diese eindrucksvollen Persönlichkeiten aus dem Team aus den Philippinen kennengelernt, die ihrem Ruf gefolgt sind. Aber wer bin denn ich, bin ich auch gerufen, berufen?

Jesaja 43,1: „ Ich habe dich beim Namen genannt – du bist mein!“
In Kleingruppen tauschen wir uns aus:

  • Wie bin ich zu meinem Namen gekommen?
  • Mit welchen anderen Namen wurde ich genannt?

Ich spreche dreimal meinen „anderen“ Namen. Die Gruppe spricht mir zu:
„Ich habe dich beim Namen genannt – du bist mein!“

Welchen Namen hat unsere Kirche?
Die Namen der Kirche ändern sich.
Das II. Vatikanische Konzil spricht vom „Volk Gottes“.   

Aber wie sehen unsere Gemeinden heute aus? Welchem Kirchenbild entspricht unsere Gemeinde? Wohin wollen wir uns als Großpfarrei entwickeln?

Die  Wachstumsphasen einer Gemeinde

Die versorgte Kirche
Der Priester steht im Zentrum, erhöht über der Gemeinde. Er hat die volle Verantwortung. Die Gemeindemitglieder kommen zu den Gottesdiensten alleine oder als Paare. Sie nehmen passiv am Gemeindeleben teil.  Gemeinschaft haben Verbände, die den Pfarrer unterstützen. Der Priester „auf dem Podest“ ist einsam, oft brennt er vor Erschöpfung aus.

Die Gemeinderatskirche
Der Priester (und seine Mitarbeiter/innen) teilen sich die Arbeit mit Gremien, Gruppen. Diese arbeiten mit dem Pfarrer zusammen, für den Pfarrer. Die Gruppen haben untereinander kaum Kontakt.  Gemeinsam ist nur die Eucharistiefeier.

Die erwachende Kirche
Die Gremien, Gruppen fragen selbst nach ihren Aufgaben, nach der Rolle in der Kirche, nach der Rolle des Priesters, der pastoralen Mitarbeiter/innen, der Mitglieder. Es kommt zu Auseinandersetzungen. Ein Pfarrer, der sich nicht darauf einlässt, fragt sich vielleicht: „Wozu bin ich hier noch Priester?“

Die Arbeitsgruppenkirche
Die Gremien und Gruppen sehen ihren Platz in der Gemeinde durch verschiedene Aktivitäten. Sie arbeiten eigenständig und mit dem Pfarrer zusammen. Untereinander haben die Gruppen wenig Berührung. Doch sie gehen auch auf andere Gemeinden und Institutionen zu. Und die Sonntagseucharistie vereint sie.

Die Gemeinschaft der Gemeinschaften
In diesem Kirchenmodell leben und handeln die Gruppen aus dem Gebet und aus der Bibel (Kleine Gemeinschaften, Bibel Teilen). Sie sind in den Gremien vertreten und bringen die Anliegen der Gemeinde zurück in die kleinen Gemeinschaften. Jede Gemeinschaft empfindet sich als „Wir sind Kirche“ und zugleich Teil der großen Pfarrei im Pastoralen Raum. Sie sind offen und wirken über den Pastoralen Raum hinaus in die Gesellschaft. Ihr Zentrum bleibt die Eucharistie mit allen kleinen Gemeinschaften.
Sie alle verbindet eine geteilte Vision!

Welche Aufgabe hat da noch der Leiter der Gemeinde?
Papst Franziskus in Uganda: „Verwandelt Mauern in Horizonte!“
Der Leiter blickt auf den Horizont – Er schafft Raum für die Visionen der Gemeinde.
Der Leiter hat die Verantwortung, dass die Vision existiert - dass die Vision verstanden wird - dass die Vision mit vielen geteilt und von vielen  besessen wird.
Wie entsteht eine geteilte Vision?

Nach innen hören: „Eine Vision ist nicht, was du im Schlaf siehst, sondern was dich nicht mehr schlafen lässt!“

Trainingsphasen
Alles, was wir in diesen drei Tagen  lernen, probieren wir in Gruppen exemplarisch aus, vom „Bibel Wandern“, über Entwicklung eigener Kirchenbilder, Interviewtechniken und Analysen bis hin zur konkreten Planung einer Gemeindeveranstaltung.
Vom Was zum Wie! Erst darüber reden, wen und was wir erreichen wollen (statt „alles wie gehabt“) und dann erst über das Wie sprechen. Wenn bei einem Gemeindefest das Was vorgibt, Kennenlernen und Gemeinschaft im Pastoralen Raum zu erleben, dann reicht als Wie ein „Wir laden euch mal zu unserem traditionellen Patronatsfest ein“ nicht aus. Ein Ausflug mit  Gottesdienst und Picknick auf einer Wiese ist dann als Wie eher angesagt.
Abschluss und Segnung
So wie die Tagung spirituell begonnen hat, so endete sie spirituell mit einem Gruppengottesdienst um den Altar der Kirche. Wir sind zur Gemeinschaft geworden. Statt einer Predigt kommen die Teilnehmer/innen in Gruppen zu Wort.
Die Vertreter/innen eines Pastoralen Raumes schreiben einen spontanen Namen für den Prozess in ihrem Gemeindeverbund auf. „Gott mit uns“ steht bei Barbara und mir auf unserem Schild. Mit diesem werden wir zum Abschluss gesegnet, ausgesandt. Danke!

Modul 2 „Kreative Liturgie“

Was ist das eigentlich, das mich seit Jahren antreibt, Gottesdienste mitzugestalten? Immer wieder seufze ich ein bisschen über die viele Arbeit, die es macht, die Vorbereitungstermine zu organisieren, die Musiker zu überzeugen, neue und bekannte Gesichter anzusprechen…. Wenn wir dann zu viert, mal zu sechst oder noch mehr zusammen die Texte des kommenden Sonntags lesen und uns austauschen, was uns berührt, wenn wir manchmal ganz deutlich spüren, dass Jesus mit uns am Tisch sitzt und immer ein Ergebnis zustande kommt … wenn wir dann noch am Sonntag in der vollen Kirche Kyrie, die Katechese, Fürbitten und Meditation gemeinsam verwirklichen, möglichst viele Gläubige mit einbeziehen und spüren, wie tatsächlich unsere Impulse bei vielen in der vollen, großen Kirche ankommen … ja dann weiß ich es wieder! Wir sind Kirche! Wir alle sind wichtig, wir sind die Menschen, die Gott berührt hat und die sein Wort leben und sagen sollen! Kreativ wollen wir sein im Altarraum ohne alberne Schauspielerei, immer nah am Text des Sonntags, ohne zu predigen und ganz besonders wollen wir weitergeben, was uns berührt. Vielleicht sitzt heute jemand in der Kirche, der sich einmal „mitschleppen“ ließ, weil er Sehnsucht hat, Sehnsucht nach Das-weiß-er-auch-nicht…. Auf diesen einen Menschen kommt es an! Geht er weg und schüttelt den Kopf ob der Verstaubtheit von Ritualen, an denen er nicht teilnehmen kann, weil er sie nicht versteht und hat es immer schon gewusst? Oder ist er ganz erstaunt, dass Kirche so echt und verständlich sein kann und fühlt sich berührt, schnuppert noch ein weiteres Mal rein in die eine oder andere Gemeinde?

(Kasten) Ich habe ja den Aufbruch nach dem II.Vaticanum miterlebt. Die Pyramide der kirchlichen Hierarchie wurde  in die Horizontale verlegt. Das Volk Gottes gemeinsam auf dem Weg mit Jesus, der Priester in der Mitte! –

Kreative Liturgie – diese Workshop-Ausschreibung traf natürlich bei mir ins Schwarze. Christiane, die eigentlich bei jedem Gottesdienst mitgestaltet, und ich wollten viel lernen, wollten mit Menschen zusammen sein, denen die selben Sachen wichtig sind, hofften auf Tips und Tricks für GottesdienstgestalterInnen und freuten uns auch ein bisschen auf die Auszeit aus dem Alltag. Und es war ein voller Erfolg!
Das Team aus Manila nahm uns mit, Laien und Hauptamtliche, Frauen und Männer, Pfarrer, Theologinnen, Gemeindereferentinnen und einfach nur Engagierte wie uns – Father Mark und sein Team sorgten dafür, dass wir seine Vision von Kirche verstehen und vielleicht sogar ab jetzt zu leben versuchen! Wir arbeiteten mit Impulsen (Abbildung 1) zu „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ – wie oft habe ich dies schon gehört? Aber noch nie die Fülle erlebt, die zusammenkommt, wenn viele Menschen ihre Assoziation hierzu sagen! Wir bekamen die Aufgabe, in Kleingruppen Gottesdienste, Andachten vorzubereiten, erhielten Leitfäden dazu und ganz pragmatische Checklisten und stellten uns dann den anderen GruppenteilnehmerInnen mit unseren Entwürfen – dann wurde ergänzt, korrigiert und liebevoll kritisiert (Abbildung 2) Ich als Laie war dankbar für die Hinweise, die uns die Profis  und Erfahrenen gaben – stellte aber auch ganz zufrieden fest, dass wir mit unserem Familienliturgieteam in Vom Guten Hirten und Pfingstnovenen, Fastenandachten usw. immerhin auf dem richtigen Weg sind.
Ein Hinweis vom Pukal-ng-Tipan-Team stellt für mich den Dreh- und Angelpunkt von kreativer Liturgie dar: Gibt es in der Planung des Gottesdienstes den Moment, in dem die Teilnehmer Gott begegnen und erspüren können? Ist Raum und Zeit für dieses elementarste aller Zusammentreffen überhaupt vorgesehen, wenn wir doch Liturgie auch ohne Eucharistiefeier als wertvollen Gottesdienst verstehen?
In den drei Seminartagen haben wir viele Entwürfe erarbeitet und zahlreiche Andachten gleich gehalten – die Spiritualität, die gewissermaßen aus vollen Kübeln über uns, mit und durch uns alle ausgegossen wurde, schwebte die ganze Zeit im Raum. Abends bei Tee und Bier saßen wir gemütlich zusammen, wer noch nicht völlig erschöpft vom vollen Programm war – auch hier anregende und herzliche Gespräche, irgendwie beflügelt...
Beflügelt fuhr ich auch nach Hause, fast ein wenig enttäuscht, dass erst einmal Sommerpause allerorten war, wohin soll ich mit meiner Begeisterung? Aber eines steht schon fest im ökumenischen „Lebendigen Advents-Kalender“ Marienfelde-Lankwitz:  Im Winter  werden Christiane und ich unseren „Geistlichen Impuls zum 1. Advent – Alleine kommen, gemeinsam feiern“ (Abbildung 2) anbieten und vielleicht die eine oder den anderen mit unserer Begeisterung anstecken.

Die Arbeitsgrafiken zu den Kirchenbildern können im Dezernat Seelsorge angefordert werden. Zu den Kirchenbildern werden außerdem weitere Arbeitsmaterialien erstellt.
Info und Bestellung unter: kategoriale.seelsorge@erzbistumberlin.de