„In der Krise solidarisch mit der Gesellschaft, in der wir leben.“

Interview mit Generalvikar Pater Manfred Kollig SSCC

Mit dem Corona-Lockdown in Deutschland hat sich auch das kirchliche Leben vollkommen verändert. Sie haben in 25 Rundschreiben Anordnungen für das Erzbistum Berlin getroffen. Was war Ihnen dabei wichtig?

In Krisenzeiten ist es besonders wichtig, dass die Katholische Kirche solidarisch ist mit der Gesellschaft, in der sie lebt. Die Not gemeinsam erkennen, annehmen und das Mögliche tun, um sie zu lindern, war und ist auch in der aktuellen Situation das Leitmotiv, das die Haltung in allen Rundschreiben prägt. Solidarisch sein in der Covid-19-Pandemie-Krise: Dazu gehört es auch, anzuerkennen, dass wir am Anfang fast nichts über das Virus und über dessen Ansteckungswege, über Abwehrsysteme und Risiken wussten. Mit den Rundschreiben wollten wir unsere Mitarbeitenden in den Pfarreien und Einrichtungen unterstützen, die jeweils aktualisierten Vorschriften, die für alle Bürgerinnen, Bürger gelten, auf die kirchlichen Bedarfe hin möglichst einheitlich auszulegen und anzuwenden.

Waren Sie zufrieden mit der Umsetzung der Vorgaben für die Gottesdienste und Seelsorgsangebote in Pfarreien und Einrichtungen? Ist das Ordinariat funktionsfähig geblieben?

Im Austausch mit den Verantwortlichen in den Einrichtungen wie z.B. Katholischen Schulen und in Pfarreien habe ich den Eindruck gewonnen, dass sich die meisten Katholiken vor Ort an die Richtlinien und Empfehlungen gehalten haben. Das Ergebnis, dass es im Rahmen der von uns durchgeführten Gottesdienste und anderen Veranstaltungen bisher nur einen Fall von Ausbruch gab und dieser professionell bearbeitet wurde, spricht für sich. Auch das Ordinariat war funktionsfähig. Beispielsweise war zu jedem Zeitpunkt gesichert, dass Zahlungen getätigt, kirchenaufsichtliche Genehmigungen erteilt und Arbeitsverträge ausgestellt werden konnten. Ebenso wurden beispielsweise Hilfen für gottesdienstliche Feiern erarbeitet und veröffentlicht. Die Corona-E-Mail-Adresse, an die Fragen geschickt werden können, funktioniert seit Mitte März an allen Tagen. Auch konnten Mitarbeitende motiviert werden, freie Arbeitskapazitäten für andere Dienste zur Verfügung zu stellen. So haben Lehrerinnen und Lehrer Kath. Schulen beispielsweise Dienste im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe übernommen, deren Einrichtungen wegen geschlossener Schulen höhere Anforderungen erfüllen mussten. Die Schutzkonzepte wurden ebenfalls im Ordinariat erarbeitet und Pfarreien und Einrichtungen bei der Beschaffung von Hilfsmitteln unterstützt. Die Digitalisierung hat in diesen Wochen erhebliche Fortschritte gemacht. Die hohe Anzahl von Videokonferenzen und die Übertragung von Gottesdiensten sind Beispiele dafür. Dies alles war nur mit dem großen Engagement der Mitarbeitenden in den entsprechenden Bereichen und Servicestellen des EBO möglich.

Wie konnte es trotz Ihrer Anordnungen zu den gehäuften Covid-19-Fällen in Stralsund und Vorpommern kommen?

Dass es im Rahmen eines Gottesdienstes zu insgesamt acht Ansteckungen kam, ist bedauerlich. Wir werden auch unter Beachtung aller Hygienekonzepte und Vorsichtsmaßnahmen die Ansteckungsmöglichkeit im Rahmen von Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen, die wir als Pfarrei oder Erzbistum verantworten, nicht ausschließen können. Der Fall, auf den Ihre Frage Bezug nimmt, hat gezeigt, wie wichtig es ist, datenschutzkonform Anwesenheitslisten mit Kontaktdaten zu führen, um im Falle eines Ausbruchs die möglichen Betroffenen schnell informieren zu können. Auch an dieser Stelle möchte ich für die gute Zusammenarbeit mit den zuständigen Gesundheitsämtern, dem Kreis, dem Katholischen Büro in Mecklenburg-Vorpommern und der Pfarrei St. Bernhard in Stralsund danken.

Die frühere Thüringische Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht hat den Kirchen vorgeworfen, sie hätten die Menschen in der Corona-Krise alleingelassen. Haben die Kirchen versagt oder lief vieles nur unterhalb der öffentlichen Wahrnehmung?

Wenn solche Vorwürfe erhoben werden, sollten wir sie ernstnehmen. Interessant ist zu erfahren, was denn Menschen wie Frau Lieberknecht sich in dieser Situation von den Kirchen wünschen. Wir sollten diesen Vorwürfen nicht einfach entgegenhalten, dass die Katholische Kirche doch viel getan habe. Vielleicht war es so, wurde aber nur teilweise wahrgenommen. Mein derzeitiger Eindruck, dem natürlich noch keine belastbare Auswertung der letzten vier Monate zugrunde liegt, ist, dass unsere Präsenz und das pastorale Wirken von Ort zu Ort sehr unterschiedlich aussahen. Während in einer Pfarrei Menschen so präsent waren, dass im Vergleich zu den „normalen Jahren“ dreimal so viele Osterkerzen verkauft wurden, sprach in einer anderen das Team der Seelsorgerinnen und Seelsorger von „Coronaferien“. Während von einer Stelle berichtet wird, man habe regelmäßig mit den Erstkommunionkindern und deren Eltern Telefongespräche geführt und kenne die Kinder und deren Familien besser als über die üblichen Gruppentreffen, wurde anderenorts die Katechese ausgesetzt. Eine gründliche Auswertung müssen wir vornehmen, um für die nächste Krise zu lernen. Leiten muss uns bei alledem unser Auftrag: Durch die Getauften und Gefirmten will Gott in dieser Welt gegenwärtig sein und wirken. Diese Präsenz kann je nach Situation unterschiedlich aussehen. Die Menschen müssen uns aber auf irgendeine Art und Weise erreichen und unsere Dienste in Anspruch nehmen können, auch in jeder Form von Krise.

Nicht alle kirchlichen Stellen haben die Übernahme der staatlichen Corona-Anordnungen lautlos akzeptieren wollen. Darf der Staat so radikal in das kirchliche Leben eingreifen und sogar Gottesdienste  untersagen? Sehen Sie einen Schaden im Staats-Kirchen-Verhältnis?

Im Erzbistum Berlin haben die offiziellen Stellen der Katholischen Kirche, das heißt die Pfarreien und das Erzbistum als Körperschaften Öffentlichen Rechts mit den staatlichen Stellen gut zusammengearbeitet. Wenn wir – und das kam in den drei Bundesländern, in denen wir wirken, nur sehr selten vor – den Eindruck hatten, dass wir nicht gerecht behandelt oder unsere Bedarfe übersehen wurden, konnten wir das ausnahmslos mit den zuständigen Stellen konstruktiv klären und lösen. Dabei haben uns die Katholischen Büros für Berlin und Brandenburg und für Mecklenburg-Vorpommern sehr unterstützt.

Sie sprechen mit Ihrer Frage noch etwas sehr Grundsätzliches an: Nämlich die Freiheitsrechte, die wir in Deutschland genießen. Zu diesen gehört auch das Recht auf freie Religionsausübung. Diese Freiheitsrechte wurden meines Erachtens nicht unverhältnismäßig eingeschränkt. Freiheit muss immer im Einklang stehen mit Verantwortung. Ein wesentlicher Aspekt der Verantwortung, die der freie Mensch übernimmt, ist die Fürsorge für sich und für andere Menschen. Eine konkrete Form der Fürsorge ist es, sich und den anderen Menschen zu schützen. Freiheit und Lebensschutz – im Falle der Pandemie Schutz vor Ansteckung durch ein unberechenbares Virus – sind zusammenzudenken. Und wenn Menschen durch freie Entscheidungen anderer gefährdet werden, müssen Freiheiten  wie etwa das Recht auf freie Religionsausübung oder das Demonstrationsrecht, mit der nötigen zeitlichen Befristung versehen, eingeschränkt werden.

Hätten die Kirchen stärker einfordern müssen, gerade in der Krise den direkten Kontakt zu den isolierten Menschen, zu den Sterbenden und Einsamen zu bekommen?

Die Kirchen haben dies eingefordert. Und es wurden ihnen die Möglichkeiten, die Schwerkranken und Sterbenden zu besuchen, gegeben. Wenn aber vor Ort nicht die nötige Schutzkleidung vorhanden war, musste dies zunächst einmal akzeptiert werden. Dieses Problem hat sich schnell gelöst. Wir dürfen nicht vergessen, dass auch wir als Kirche auf eine solche Situation nicht vorbereitet waren.

Erstaunlich schnell haben sich die Pfarreien, Gemeinden und Einrichtungen auf gestreamte Gottesdienste und z.T. auch auf Skype-Konferenzen eingestellt. Auch die Impulse zu Ostern und Pfingsten fanden sich zahlreich auf den Homepages. Wird die Kirche in Zukunft digitaler sein und wo wird der seelsorgliche Direktkontakt notwendig bleiben?

Dass auf der Ebene des Erzbistums, der Pfarreien und der Einrichtungen zentral und regional so viele Gottesdienste „gestreamt“ wurden, ist zunächst einmal dankbar anzuerkennen. Es gibt sehr viele positive Rückmeldungen. Menschen waren dankbar, dass sie auf diese Weise gerade auch in der Österlichen Bußzeit und am Osterfest Gelegenheit hatten, das Wort Gottes zu hören und eine Auslegung des Wortes in die aktuelle Situation hinein angeboten zu bekommen, Kirchenlieder zu hören und mit dem Erzbischof und den Priestern vor Ort verbunden zu sein. Ein wesentlicher Aspekt von Gottesdienst fällt aber bei gestreamten Gottesdiensten weg: Dass Gottesdienst ein dialogisches Geschehen ist, ein Gespräch nicht nur des Bischofs oder des Priesters sondern der ganzen Gemeinde mit Gott. Gemeinsam antworten die Menschen auf das Wort Gottes mit ihrem Glaubensbekenntnis, gemeinsam beten sie als Vorbereitung auf den Gang zum Tisch des Herrn das Vaterunser. Generell müssen wir uns eingestehen, dass bei übertragenen Gottesdiensten ohne Gemeinde der Eindruck erweckt wird, die Gemeinde sei nur Zuschauer und dann sei es doch egal, ob sie im Kirchenraum oder vor dem Bildschirm zuschaut.

Auch Beratungen und Begleitungen, Katechese und Seminare brauchen die direkte Begegnung, bei der man Botschaften nicht nur über das gesprochene Wort sondern auch über Mimik und Geste wahrnehmen kann und es eine andere Dynamik im Austausch und in der Diskussion gibt.

In der Corona-Krise sind die Virologen verständlicherweise auf allen Kanälen präsent. Was kann die Botschaft der Kirche in dieser Bedrohungslage sein?

Die Virologen müssen so präsent sein, weil die Menschen ein großes Bedürfnis haben, möglichst viel über das Virus und die Pandemie zu erfahren, um die Gefahrenlage für sich einschätzen und sich gegebenenfalls schützen zu können. Die Kirche hat die Botschaft, dass der Mensch in dieser Welt weder allwissend noch unverletzbar, weder allmächtig noch ewig ist. Er muss deshalb aber nicht in Panik geraten, sondern darf darauf vertrauen, dass es eine gute Zukunft gibt. Er darf Lösungen der Probleme suchen mit der Aussicht, sie zu finden; er darf Lösungen in dieser Welt erwarten. Und er darf auf Erlösung hoffen nach dem Tod. Er darf an Gott glauben, der mit dem Menschen durch die Krisen geht; so unscheinbar anwesend, dass man seine Spuren in dieser Welt leicht verwischen und seine Botschaft leicht überhören konnte. Die Frage ist, ob die Menschen diese Botschaften hören wollen und sich davon einen Gewinn für ihr Leben versprechen, so wie sie sich dies von den Botschaften der Virologen erhoffen. Eine weitere Frage ist, ob wir als Kirche diese Botschaft als wichtig erachten und selbst daran glauben und danach handeln.

Bereits zu Beginn der Pandemie haben Sie auf den Tschechischen Theologen Tomas Halik hingewiesen. Er will die leeren Gotteshäuser zum Anlass nehmen, gründlich über den kirchlichen Betrieb nachzudenken. Was kann das "Kirchenfasten" bewirken?

Kirche als Anbieter oder auch als Entdecker? Ist Christus aus dieser Kirche ausgezogen und eher an anderen Orten zu finden?

Hat der Lockdown bleibende Folgen für das kirchliche Leben? Wir schätzen Sie die Situation ein? Kommen die Leute zurück? Wo sehen Sie jetzt die großen Herausforderungen für die kirchliche Praxis?

Als Kirche sind wir nicht mehr überall der Anbieter, der Träger oder der führende Verband für spirituelle und diakonische Dienste. Wir müssen prüfen, ob wir erwarten können, dass andere bei uns mitmachen und uns unterstützen. Und wir müssen verstärkt fragen: Wo können wir mitmachen, gute Initiativen unterstützen, die nicht von Katholiken, nicht von religiös motivierten Menschen ausgegangen sind. Initiativen, die aber dem Geist des Evangeliums und dem Willen Jesu entsprechen. Vielleicht fehlt es uns gerade an dieser Bescheidenheit, unsere Gaben und Möglichkeiten jenseits eines kirchlichen Rahmens anzubieten und einzusetzen. Dies ist bedauerlich, denn die Unterstützung guter Initiativen, die außerhalb von Kirche entstehen und verantwortet werden, ist auch eine Weise, missionarisch Kirche zu sein und zu evangelisieren, indem wir entdecken und unterstützen, wo jenseits kirchlich verantworteten Lebens der Geist Gottes wirkt.

Erzbischof Dr. Heiner Koch wird am 15. August unser Erzbistum dem Herzen Jesu und Mariä weihen. Mit dieser Weihe wird eine alte Tradition in den Kontext der aktuellen Pandemie gestellt. Was will die Kirche damit zum Ausdruck bringen?

Angesichts der Länge dieses Interviews fasse ich mich kurz, da ja diese Fragen bereits auf einem Andachtsbildchen und in einer für den 15. August herausgegebenen Gottesdiensthilfe beantwortet sind. In Krisenzeiten haben immer wieder Päpste und Bischöfe die Kirche, ein Bistum und manchmal sogar die Welt Gott geweiht. Dies hat zweierlei Bedeutung: Einerseits bedeutet sich weihen sich anzuvertrauen. In den Krisen vertrauen wir die Kirche und die Gesellschaft der Liebe Gottes und Mariens an, wie sie sich im Bild der Pietà ausdrückt. Sich weihen bedeutet auch, sich in die Pflicht nehmen zu lassen, Botschafterin und Botschafter dieser Liebe Jesu Christi zu sein nach dem Vorbild Mariens. Sie zeigt den gekreuzigten Jesus Christus der Öffentlichkeit. Die Weihe ist ein frommer Akt, der nicht allen Katholiken unseres Erzbistums gleichermaßen wichtig sein wird. Sie ist aber auch Selbstverpflichtung, solidarisch zu sein und fähig zum Mitleiden – und dies in der Nachfolge Jesu und nach dem Vorbild Mariens. Pietà bedeutet beides: Frömmigkeit und Mitleid, Gebet und Tat, Vertrauen und Handeln.

Zum Schluss eine Frage zu Ihrer eigenen Ordensgemeinschaft. Die Arnsteiner  Patres werden im August des Jahres einen Internationalen Konvent in Berlin errichten. Wie ist es dazu gekommen? Was dürfen wir erwarten? Wo werden die Patres wirken?

Vor drei Jahren ergriff der damalige Generalsuperior der Ordensgemeinschaft die Initiative und bat die Deutsche Provinz, eine Internationale Gemeinschaft in Berlin zu gründen, weil er die Sendung der Gemeinschaft in Europa stärken will. Daraufhin haben die für Indonesien, für Mozambique und die DR Kongo sowie für Deutschland zuständigen Provinzialobern dies geprüft und sich nach Verhandlungen mit dem Erzbischof, den Verantwortlichen für pastorales Personal und für die Ordensgemeinschaften bereit erklärt, am 15. August 2020 eine Gemeinschaft neben der Kirche Herz-Jesu in Charlottenburg zu eröffnen. Die Patres werden für die französischsprachige Gemeinde zuständig sein, in der englischsprachigen Gemeinde mitarbeiten und an den anderen Kirchorten im Pastoralen Raum Charlottenburg als Vikar bzw. Subsidiar mitwirken. Außerdem sollen sie helfen, die Möglichkeiten einer „Citypastoral“ in diesem Raum zu erkunden. Persönlich freue ich mich, dass es sich ohne mein Zutun ergeben hat, dass die Mitbrüder im selben Pastoralen Raum wohnen wie ich, zu dem ja auch die Kirche und Gedenkstätte Maria Regina Martyrum gehört. Was die Erwartungen betrifft, bin ich immer ein Freund des Abwartens. Auf jeden Fall dürfen wir hoffen, dass auch diese Gemeinschaft durch die Haltung und ihr Verhalten unter den aktuellen Bedingungen ihren Geist erfahren lässt, aus dem sie gegründet wurde: die Liebe Gottes zu betrachten, zu verkünden und zu leben, wie es zum Beispiel der hl. Damian De Veuster getan hat, der einer der bekanntesten Mitglieder der Ordensgemeinschaft ist.