„Dem Charisma der Idee neuen Raum geben“

Interview mit Propst Arnd Franke zum Stewardship-Konzept

Sehr geehrter Herr Propst, seit einem halben Jahr sind Sie Pfarrer in St. Peter und Paul in Potsdam. Heute möchte ich zunächst mit Ihnen nicht über Ihre ersten Erfahrungen in der Pfarrei reden, sondern über „Stewardship“. Fünf Jahre haben Sie sich mit Stewardship in einer Dissertation an der Theologischen Fakultät in Bochum beschäftigt.

Können Sie uns den Begriff erläutern?

Es gibt für Stewardship keine eindeutige Übersetzung. Was den Begriff aber so spannend macht, ist  seine unheimliche Bandbreite. Wenn man Stewardship googelt, landet man die meisten Treffer im ökologischen Bereich. Man begegnet Stewardship auf einem Tetrapack oder auf Holzprodukten, z.B. der Schrankwand in Form des FSC-Zeichens (Forest Stewardship Council - Gremium für nachhaltige Forstwirtschaft). Das heißt, im ökologischen Bereich steht Stewardship für den Begriff der Nachhaltigkeit. Letztlich ist Stewardship der treuhänderische Verwalter, der Haushalter. Im Neuen Testament ist es die Übersetzung für das Wort „Oikonomia“. Der Steward ist der Oikonomos. Steward ist jemand, der sich um etwas sorgt, was ihm anvertraut ist, was ihm aber nicht gehört, wofür er zu sorgen hat. Etymologisch ist es eben der Schweinehirt, der sich um die anvertraute Herde kümmert. Letztlich auch der gute Hirte, dem die Herde anvertraut wurde, die ihm aber nicht gehört.

Der Bezug zur Ökologie liegt dann sehr nahe. Es ist die Sorge um die uns anvertraute Schöpfung.

Der Begriff gewann in den 60er Jahren im ökologischen Bereich an Konjunktur. Stewardship war sozusagen eine Kritik an Ownership. Die Übersetzung von Genesis „macht euch die Erde untertan“ wurde kritisiert, weil die Schöpfung nicht uns gehört: Gott ist der Eigentümer, er hat uns die Schöpfung anvertraut. Wir sollen zwar so für sie sorgen und sie kultivieren, als ob sie unser Eigenes wäre, aber gleichzeitig im Wissen, dass sie uns nur anvertraut ist.

Welche Bedeutung hat der Begriff in der Gemeindepastoral?

“Stewardship is not a program, it´s a way of life.“ Es ist eine Lebenseinstellung, eine Lebenshaltung. Das Verständnis, dass uns die Schöpfung und letztlich auch alles, was wir haben, nur anvertraut wurde und uns nicht gehört. Die Amerikaner haben drei Kategorien zur Untergliederung: Stewardship of time, talent und treasure. Also die Zeit, Talente sowie finanzielle und materielle Ressourcen sind uns anvertraut.

Die Idee des Stewardship wurzelt in einer tiefen Spiritualität, die zu einem langfristigen Prozess des Gemeindeaufbaus führt und vielfältige Tools für Ehrenämter anbietet.

Sie haben in den USA Stewardship-Gemeinden besucht. Was sind diese Tools dort?

Tools sind begrenzte Aufgaben. Konkrete Schritte. Beispielsweise gibt es eine jährliche Erneuerung für das Ehrenamt, die im Mai gefeiert wird. Einmal im Jahr ist einem die Chance gegeben, sich bewusst zu werden, dass einem das nicht gehört. Es hat ja auch etwas mit Macht zu tun, dass ich mich z.B. um  den Blumenschmuck in der Kirche kümmere; das gehört mir nicht, sondern ist mir auch nur anvertraut. Und ich mache mir das einmal im Jahr bewusst und habe auch nur einmal im Jahr die Möglichkeit, ohne mich erklären zu müssen oder ohne Gesichtsverlust meine ehrenamtliche Tätigkeit zu beenden oder etwas anderes zu machen. Darin liegt sehr viel Freiheit, was natürlich das Ganze auch sehr attraktiv macht.  Die Amerikaner legen ihren Fokus stark darauf: was hindert die Leute sich zu engagieren und was macht es den Menschen einfach, sich zu ehrenamtlich zu engagieren. Diese Exit-Strategie wird dort immer mitgedacht: es kann auch etwas beendet werden.

Wir haben in Deutschland die Kirchensteuer und in weiten Kreisen ist damit auch eine Erwartung geknüpft, dass viele Dienste der Gemeinde finanziert werden können. Das wird in den USA schon anders sein.

Die meisten Kirchengemeinden in den USA haben finanzielle Probleme, also nie die finanzielle Sicherheit, die wir in Deutschland als selbstverständlich erleben. Sie leben von der Hand in den Mund. Konkretes Beispiel: In der Gemeinde in Boston, in der ich gelebt habe, musste einmal eine Fundraising-Aktion ausfallen aufgrund eines Schneesturmes. Der Pfarrer merkte an, dass die Schule geschlossen werden muss, wenn diese Aktion noch einmal ausfällt. Diese Notwendigkeit, immer auf die Menschen zu schauen, wie können wir letztlich unser Angebot, wir als Kirche, auch unsere Mission, attraktiv darstellen. Das beschleunigt natürlich Prozesse, Reformprozesse, auch Erneuerungsprozesse. Und wenn man davon ausgeht, dass ein Stewardship-Konzept in den USA schon 25 Jahre braucht, um Früchte zu tragen, bedeutet das, dass es im deutschen Kontext erheblich mehr Zeit brauchen wird.

Aufgaben haben dort die Pfarrer und welche Aufgaben können bei einem so lange währenden Prozess Freiwillige übernehmen?

Es gibt in diesen Gemeinden letztlich drei leitende Gremien, in denen die Amtszeit jeweils drei Jahre dauert. Diese drei Gremien zusammen werden als Pastor-Leadership bezeichnet. Das heißt, dass alle Personen, die diesen Gremien angehören, Teil an der Leitung der Gemeinde haben. Das ist ein ganz normales Selbstverständnis. Es ist anerkannt, dass der Pfarrer der „spiritual leader“, der geistliche Leiter der Gemeinde ist. So wird das z.B. in Chicago in St. Clement praktiziert. Eines dieser Gremien ist vergleichbar mit dem deutschen Kirchenvorstand, das „financial council“. Dann gibt es das „pastoral council“, was bei uns der Pfarrgemeinderat wäre. Das dritte Gremium ist das „stewardship council“.  Diese Gremien werden in USA nicht gewählt, vielmehr werden in den Gremien kontinuierlich nach drei Jahren Stellen immer wieder frei. Diese Stellen werden dann ausgeschrieben. Es wird eine richtige Ausschreibung gemacht, welche Qualifikationen wichtig sind. Man bewirbt sich, es gibt Vorstellungsgespräche. Gibt es mehrere Kandidaten, die die Anforderungen erfüllen, entscheidet das Los.
Während dieser Zeit gibt es auch einen Gebetsprozess, damit auch die gesamte Gemeinde daran beteiligt ist. Schlussendlich wird man dann in ein solches Gremium berufen.

Welche Haltungen sind für Stewardship notwendig?

Ich habe in meiner Dissertationsarbeit drei Haltungen herausgearbeitet:
Der Schweinehirt“ definiert seine Rolle in Beziehung zu seinem Auftraggeber, seinem Herrn.
Ihm hat er sich auch zu verantworten. Und dann gibt es auch die Beziehung zu dem Schwein, zu der Herde. Das ist die Beziehungsebene.
Das zweite Haltung ist das Bewahrende, Sorge zu tragen, dass es dieser Herde gut geht. Dass sie erhalten bleibt, dass sie geschützt ist; dieser Blick der Aufmerksamkeit.
Und schließlich: ein guter Schweinehüter ist einer, bei dem die Herde wächst, sich die Schweine vermehren. Die Herde also nicht mehr nur zu verwalten, sondern auch dafür zu sorgen, dass sie fruchtbar wird.
Eine Steward darf sich aber nie anmaßen zu vergessen, dass er nur der Steward ist und nicht der Herr. Auch nicht der Eigentümer. Im Mittelalter war der Steward ja der oberste Verwalter der Königs, er war auf Augenhöhe und hat letztlich das Land regiert Aber ihm war auch klar, dass er nur ein Knecht des Königs ist.

Sie haben Stewardship auch mit Prozessen verglichen, die in Deutschland unten dem Stichwort Kirchenentwicklung laufen. Wo sind die Anknüpfungspunkte?

Die Anknüpfungspunkte liegen insgesamt schon in der Selbstorganisation. Stewardship ist im Grunde eine Laienbewegung, die in der 60er Jahren entstanden ist. Die Menschen haben ihre Verantwortung in der Kirche wahrgenommen und sozusagen ihr Leben bewusst vor Ort gestaltet. Also auch zum Wohle des Gemeinwohls; dieses zu stärken dort vor Ort, wo Sie leben. Sicherlich liegt hier eine starke Parallele zu den Erfahrungen von den Philippinen.

Was in den USA noch dazukommt, ist die kulturelle Ähnlichkeit zu Deutschland:
Die kapitalistische Prägung und die Haltung, für Dinge Sorge zu tragen, sie gut zu managen, wachsen zu lassen. Viele Menschen sind ja auch beruflich immer wieder in einem Prozess, dass sie sich alle sieben Jahre beruflich neu erfinden müssen. Das spielt sicher auch eine Rolle. Die ähnliche kapitalistische Kultur ist etwas, was mit unserem deutschen Kontext vergleichbar ist. Auch der Fokus auf das Individuelle oder Individualistische.

Es wird bei uns in Deutschland beklagt, dass die Strukturfragen bei den Erneuerungsprozessen zu sehr im Vordergrund stehen. Welche Erfahrungen gibt es in den Staaten?

Man kann immer alles von zwei Seiten sehen. Erneuerung geschieht erst, wenn die Strukturfragen in den Hintergrund treten. Andererseits kann man es auch so sehen, dass wir bei guter Organisation darauf vertrauen, dass der Heilige Geist wirken wird. Er wird sich sicherlich nicht von Strukturen aufhalten lassen. Das ist die Erfahrung, die die Gemeinden in den USA machen. Sie versuchen das Tagesgeschäft möglichst gut zu organisieren. Also gute Email-Kommunikation, gute Verabredungen in den einzelnen Diensten, versuchen diese so zu gestalten, dass möglichst wenig Reibungsverluste entstehen und wenig Frustration. Dass Dienste gut zeitlich geplant sind, dass sie zeitlich begrenzt sind. Darauf wird sehr viel Wert gelegt im Vertrauen darauf, dass wenn wir so einen guten Rahmen schaffen, er sich dann  auch füllen wird. Das ist ein Stück Gottvertrauen, das wir haben dürfen.

Gibt es erste Aspekte von Stewardship, die Sie hier in Potsdam einbringen können oder Ansatzpunkte, bei denen Stewardship eine Rolle spielen kann?

Erste Ansätze liegen hier in Potsdam auf der Straße, nämlich der ökologische Bereich. Der Leiter des Instituts für Klimafolgenforschung, Prof. Dr. Edenhofer hat mitgeschrieben am Entwurf der Enzyklika Laudato Si. Dabei ist Stewardship ein Schlagwort gewesen: über diese ökologische Schiene dann auch einerseits zu fragen, was das für uns als Gemeinde bedeutet, auch ökologisch, aber auch sozusagen gemeindeökologisch. In der Enzyklika wird von der Ökologie des Menschen gesprochen. Bezogen auf den Standort Potsdam kann man fragen, warum nehmen wir nicht einfach Laudato Si als Basis, um darauf ein Gemeindekonzept zu entwickeln? Spannend ist ja immer auch an diesem Stewardship Konzept, dass es kein festes Konzept ist, das überall gleich aussieht. Die Gemeinden, die ich in den USA besucht habe, haben es sich jeweils zu Eigen gemacht. Sie schauen sehr stark auf ihre Situation vor Ort und fragen dann, wie kann uns letztlich dieses Konzept unterstützen. Und dieser Gedanke ist für mich ein ganz offensichtlicher Ansatzpunkt, eine Brücke.

Diese Ausgabe der INFO hat das Schwerpunktthema „Einladend Kirche sein“. Gibt es dazu Initiativen in Potsdam? Kann Stewardship einen Beitrag liefern?

Es hat sich jetzt ein Kreis gebildet, der die Willkommenskultur in unserer Gemeinde voranbringen will und da gibt es ganz viele Ideen. Ich bringe natürlich Ideen ein als Inspiration, die Gemeindemitglieder bringen Ideen mit. Viele sind ja selbst zugezogen, sind selbst neu in der Gemeinde und  haben die Willkommenskultur selbst vermisst. Andere sind schon viele Jahre hier und sind bisher noch von niemand angesprochen worden und wollen in dieser Hinsicht ihre Ideen einbringen. Und da hat sich inzwischen diese große Gruppe auch in verschiedene kleine Gruppen unterteilt, die verschiedenen Projekte ausarbeiten. Es wird z.B. einen Kreis geben, der einfach einen Blick darauf hat, wer neu in der Kirche ist, wo stehen vor der Kirche Leute allein und schauen sich orientierungslos um. Das sind die Personen, die den Kontakt aufnehmen und sie mit anderen oder bereits bestehenden Gruppen vernetzen. Solche Ideen sind viele da.

Das ist dann auch ein Tool von Stewardship?

Sicherlich. Ich bin immer sehr vorsichtig zu sagen, wie es gemacht werden muss. Vielmehr werfe ich gerne den Ball ins Spiel und bin dann manchmal selbst überrascht, welche neuen Ideen dann entstehen. Und so soll es ja dann auch sein.
Ich finde es eigentlich sehr schön, dass die Amerikaner selbst und vor allem erfolgreiche amerikanische Gemeinden sehr stark betonen, dass sie für ihre Situation die für sie passende Lösung gefunden haben; die bei ihnen erfolgreich ist. Sie warnen aber andere davor, dies einfach zu kopieren. Vielmehr müssen alle Gemeinden die für ihre jeweilige Situation, ihre jeweilige Herausforderungen passende Lösungen finden, und sie werden sie auch finden. Dazu kann man alle ermutigen!

Wir haben sehr gute Ideen und müssen uns gegenseitig dazu ermutigen, dem Charisma der Idee wieder mehr Raum geben. Dass nicht sofort Bedecken geäußert werden und sie abgebügelt werden. Sondern dass man dem Charisma der neuen Idee ruhig Raum geben darf.

Das finde ich gut: “Dem Charisma der Idee neuen Raum geben.“

Die Fragen stellte Hermann Fränkert-Fechter.