Leben in Gottes Gegenwart – in Minderheit und Migration

Foto: Walter Wetzler

Lars Anders Kardinal Arborelius steht seit 1998 der einzigen schwedischen Diözese vor. Als Papst Johannes Paul II. ihn auf den Bischofssitz von Stockholm berief, übernahm mit dem 1949 geborenen Arborelius erstmals seit der Reformation ein Schwede die Leitung eines katholischen Bistums. Papst Franziskus kreierte ihn 2017 zum Kardinal. Daraufhin wurde er in Schweden als Mann des Jahres 2018 in den Medien  gefeiert.
Vorher lebte Anders Kardinal Arborelius etwa zwanzig Jahre lang als Karmeliter im Kloster Norraby, nachdem er im Alter von 20 Jahren zum katholischen Glauben konvertiert war.
Wir veröffentlichen eine gekürzte Fassung des Vortrags von Kardinal Arborelius am  18.09.2019 in der Katholischen Akademie in Berlin.

”Nur als Zeugen sind wir auch überzeugend”, sagt Walter Kasper (Diener der Freude, p. 47), wenn er über die Priester spricht. Aber das gilt auch für alle katholische Christen, besonders dort, wo wir in der Minderheit leben. Oft habe ich das erfahren. Wenn jemand sagt, dass er katholisch werden will bei uns in Schweden, hat er oft jemand getroffen, der durch sein Leben Zeugnis von Christus gab.

Das persönliche Zeugnis wird wichtiger und wichtiger in einer unpersönlicher Umgebung, wo man mehr durch technische Mitteln kommuniziert. Das wird natürlich noch deutlicher in einer Minderheitssituation. Ab und zu höre ich von katholischen Immigranten in Schweden, dass sie eine frohe Überraschung erlebt haben: “Jetzt habe ich zum erstenmal einen gläubigen Schweden getroffen.” Diese Erfahrung hat natürlich ihren Grund in der Tatsache, dass der katholische Immigrant als Zeuge seines Glaubens erfahren wurde und dadurch einem scheuen Schweden Mut gab, sich als gläubig vorzustellen.

Wenn wir wirklich im Leben in Gottes Gegenwart verwurzelt sind, wird es für uns ganz natürlich, als Zeugen von Gottes Liebe und Wahrheit zu leben. Diese innere theologale Grundhaltung, also verwurzelt zu sein in Glaube, Liebe und Hoffnung, weil Gott immer bei uns ist, verändert auch unsere Haltung den anderen Menschen gegenüber. Wenn wir wirklich glauben, dass Gott überall und allezeit anwesend ist, sehen wir auch seine Spuren in den anderen Menschen, die alle nach seinem Bild erschaffen sind. Unsere Beziehung mit den Mitmenschen bekommt dadurch eine tiefere Dimension. Jeder Mensch ist Abbild Gottes und wird irgendwie ein Zeuge, der bewusst oder unbewusst von Gott spricht. In einer Minderheitssituation, wo die meisten nicht gläubig sind, ist diese positive Grundhaltung den Anders- oder Nichtgläubigen gegenüber besonders fruchtbar. Wir als gläubige Christen bekommen mehr Vertrauen, dass Gott uns helfen kann, die Anderen mit Gottes barmherzigen Augen zu betrachten. Nur mit der Liebe Gottes können wir als Zeugen Gottes den Mitmenschen näher kommen und ihnen helfen, Gott näher zu kommen und Gott zu entdecken in ihrem Leben.

Diese missionarische Grundhaltung hilft uns auch als, Salz, als Samen und als Sauerteig in einer säkularen Gesellschaft zu leben. Wenn wir wirklich tagtäglich in Gottes Gegenwart leben und versuchen, ihn durch alles was geschieht zu empfangen und ihm näher zu kommen, sehen wir auch alle Möglichkeiten um mehr prophetisch zu leben und zu handeln mitten in einer Umgebung, die oft mehr offen für Gott ist als wir denken. Die religiöse Sprache wird zwar nicht mehr gut verstanden, aber ein echtes und lebendiges Zeugnis kann immer etwas bewirken. Manchmal kann es auch ein Vorteil sein, von einer anderen Kultur zu kommen, weil man Ausdrücke gebraucht, die die Einheimischen nicht kennen. Ich denke immer an eine Begegnung in Nordschweden, wo eine philippinische Frau sehr schön über “Sacred Heart” gesprochen hat. Es dauerte lange Zeit, ehe die Menschen verstanden, dass sie über Jesus sprach.

Bei uns in Schweden kommen also die meisten Katholiken aus anderen Ländern und Kulturen. Durch ihre kulturelle und liturgische Traditionen können sie uns oft neue Wege und Akzente für die Glaubensvermittlung zeigen. In den Gemeinden muss man versuchen, alle diese geistlichen Reichtümer zu integrieren. Es ist nicht immer ganz einfach, es kann auch Gegensätze und Konflikte mit sich bringen. Darum ist es so wichtig, dass man immer diese theologale Grundhaltung - Leben in Gottes liebevoller Gegenwart - in der Verkündigung und im alltäglichen Leben zentral stellt. Man muss die umgebende Realität akzeptieren und als Gottes Vorsehung gutheißen. Gott kann uns nur dort begegnen, wo wir leben. Hier und jetzt kommt er zu uns. Wir können ihm nur da nachfolgen und von ihm Zeugnis geben.

Wir leben in der Diaspora. Wir sind in der Minderheit. Und das ist auch Gnade, Gottes Vorsehung. In Schweden sind wir Katholiken meistens Migranten, entweder von anderen Ländern oder als Konvertiten von anderen Glaubensgemeinschaften oder von einem nichtgläubigen Hintergrund. Gerade in dieser von Gott gewollten Situation leben wir stets mit ihm verbunden, in Gebet und Arbeit. Überall und allezeit können wir ihn finden und in ihm verweilen und ihn anbeten. Wir sind nie ohne ihn und seine Gnade. ”Alles ist Gnade – tout est grâce”, sagt die kleine heilige Therese. Auch Diaspora ist Gnade und eine wunderbare Möglichkeit zur Mission. Wenn wir wirklich verwurzelt in Gottes Gegenwart leben, sind wir nie einsam oder vereinzelt. Wir bekommen dann eine positive theologale Grundhaltung, in Liebe, Glaube und Hoffnung, und dann tun wir alles, was wir können, um die frohe Botschaft ins tägliche Leben zu übersetzen. Wir leben stets in dieser Atmosphäre und in diesem Milieu, wo Gott immer nahe ist, zu uns spricht und seine Gnade vermittelt. Im dunklen Glauben erfahren wir schon etwas von der ewigen Herrlichkeit, wo diese Gegenwart Gottes vollkommen wird. Schon jetzt können wir Zeugen von dieser Herrlichkeit Gottes werden.

Am 18. September 2019 hielt der Stockholmer Kardinal Anders Arborelius in der Katholischen Akademie einen Vortrag zum Thema ”Leben in Gottes Gegenwart - in Minderheit und Migration”. An der anschließenden Diskussionsrunde nahmen auch Erzbischof Dr. Koch und Benedicta Lindberg teil. Sie ist in Schweden Generalsekretärin von ”Respekt”, der Bischöflichen Aktion für den Respekt in allen Lebensphasen.

Kardinal Arborelius nahm auch an der Wallfahrt des Pastoralen Personals und an der Tagung ”die pastorale!” über die pastorale Situation in den neuen Bundesländern teil. Mit dem Besuch in Berlin führen die Nachbarbistümer Stockholm und Berlin den Dialog und Austausch fort.

Im Erzbistum Berlin wie im Bistum Stockholm wissen Katholiken darum, was es bedeutet als Minderheit zu leben und als Gemeinden von den Erfahrungen der Einwanderer und nicht zuletzt vieler Konvertiten geprägt zu sein. Auf dem Land leben die wenigen Katholiken weit entfernt voneinander und die Städte und Metropolen sind geprägt durch Säkularität, Multikulturalität und Vielsprachigkeit.

Bei allen Gemeinsamkeiten gibt es wichtige Unterschiede. Für die Katholische Kirche in Schweden ist die Minderheitensituation mit 1,2 % Katholikenanteil immer schon selbstverständlich gewesen. Sie ist eine arme Kirche in einem reichen Land. In Deutschland dagegen haben wir es mit einer insgesamt gut ausgestatteten Kirche zu tun, die dabei ist, eine Pastoral für die neue Diasporasituation zu entwickeln. Grund genug für einen intensiven Austausch von Erfahrungen und Reflexionen über die Frage, was es heißt, in unserer Situation in Gottes Gegenwart zu leben.


Mystik

Gebet und Spiritualität ist Begnungspunkte für ökumenische Freundschaft und Vertiefung. Die Klöster in unserer Diaspora werden fleißig von nicht-Katholiken besucht. Da wird Zeugnis Fleisch und Blut. Auch wenn man versucht ökumenisch zu arbeiten, fragt sich mancher: ”Wenn die Katholiken so eine reiche mystische Tradition und geistliche Seelsorge haben, dann ist vielleicht die katholische Kirche doch etwas für mich?” Es scheint sogar so zu sein, dass je mehr Konversionen gibt, je mehr man sich für ökumenische Kontakte öffnet. ”Erfolg ist keiner der Namen Gottes”, sagt Martin Buber. Aber wenn man mehr offen für Gottes Mysterium ist und ihm treu im gewöhnlichen Leben bleibt, ist es immer fruchtbar. Wir sind zum immerwährenden Gebet eingeladen, zu einer ständigen Liebesrelation mit Christus. Wir gehören ihm. Wir werden mehr und mehr verwandelt durch seine Gnade und ihm stets mehr ähnlich. Wenn es so ist, kann man es auch nicht verbergen. Die Menschen werden es immer sehen, dass jemand durch diese mystische Gnade mehr Christus-ähnlich geworden ist.

Gefängnis

In Schweden gibt es etwas, das ”Kloster im Gefängnis” heißt. Ein lutherischer Geistlicher hat damit begonnen, und zwar hat er die ignatianischen Exerzitien angeboten, die von vielen Lutheranern sehr geschätzt sind. Die Behörden waren so begeistert, dass sie sowohl in Kumla als auch in Skänninge Gebäude  zur Verfügung gestellt haben, in denen die Gefangenen diese Exerzitien folgen können. Für viele hat diese Erfahrung zu einer totalen Veränderung des Lebens geführt. Als Katholiken wirken wir auch mit bei diesen Exerzitien und in der gewöhnlichen Gefängnisseelsorge. Ich bin ab und zu auf Besuch in Gefängnissen, wo unsere Priester, Diakone und Ordensschwestern eine fruchtbare Arbeit leisten. Es gibt auch Konversionen und Firmungen im Gefängnis. Einmal traf ich eine fromme Frau, die mich bat: ”Bitte erzählen Sie nicht in meiner Gemeinde, dass ich hier bin.” Ein bekehrter Mörder tut jetzt treu seinen Dienst in einer Schwesterngemeinschaft. Die Gefängnisbehörden haben ihr Wappen sogar verändert und haben jetzt die zwei Schlüssel Petri übernommen. Mit einem Schlüssel werden die Gefangenen eingeschlossen und mit dem anderen frei.

Tätowierung und Rosenkranz

Von jungen Menschen bei uns bekomme ich bisweilen die Frage gestellt, inwiefern Tätowierung eine Sünde sei. Es scheint, dass einige glauben, dass es eine ziemlich schwere Sünde sei, aber ich versuche ein bisschen milder zu sein und sage, dass es nicht zu empfehlen ist. Einige haben sich ein Kreuz am Arm tätowieren lassen, besonders Christen aus dem Mittleren Osten. Ein junger Chaldäer hat das ganze letzte Abendmahl am linken Arm, was natürlich sehr evangelisierend sein kann. Unsere liebe Frau von Guadalupe kann man auch auf dem Rücken sehen. ”Eigentlich bist du als Abbild Gottes schön genug”, habe ich ab und zu gesagt, aber verbieten will ich es nicht. Die Kirche hat Regeln genug, ein bisschen Freiheit mag wohl sein. Rosenkranz um den Hals ist bei Popstars und einigen Jugendlichen beliebt. Rosenkranz im Auto ist beinahe Pflicht in Södertälje. Eine chaldäische Frau hat mir erzählt, dass Schweden den Rosenkranz auch tatsächlich so einsetzen, weil diejenigen Autos, die mit Rosenkranz verziert sind, nicht gestohlen oder verbrannt werden. Volksfrömmigkeit kann ein bisschen fremd scheinen, aber es ist interessant, dass wir auch bei uns ganz allmählich eine moderne katholische Volksfrömmigkeit bekommen.