„Mein Bild von Kirche – Dein Bild von Kirche“

Alfred Herrmann

Neues Tool aus dem Dezernat Seelsorge stößt Auseinandersetzung mit Kirchenbildern an

Der Austausch über die verschiedenen Vorstellungen von Kirche kann im Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ helfen, Verständnis füreinander zu finden und ein gemeinsames Kirchenbild für eine gemeinsame Zukunft zu entwickeln. Davon ist das Team des Dezernates Seelsorge unter der Leitung von Uta Raabe überzeugt und hat daher ein eigenes Kirchenbilder-Tool entwickelt. Das Material kann ab jetzt im Erzbischöflichen Ordinariat angefragt werden. Referentinnen und Referenten bieten ihre Unterstützung beim Einsatz an.

Vielfältig ist das vorliegende Material: Da sind zunächst einmal verschiedene Grundplatten: städtisches Straßengeflecht und ländliches Grün, eine dreischiffige Basilika und eine kleine Kirche, ein größerer und ein kleinerer Zweckbau. Daneben liegen verschiedenste Figuren in unterschiedlichen Farben, einzeln oder in Gruppen, mit Kind, mit Standarte, mit Kreuz oder um Tische versammelt, stehend, sitzend oder sogar im Krankenbett liegend. Auch ein Altar und eine Schultafel sind zu finden.

Die flachen Figuren aus Karton lassen sich aufrecht in die bereitliegenden Holzsockel klemmen. Für die zweite Rille darin finden sich runde Karten im Materialkasten. Darauf abgebildet: Brot, Blumen und Gebetbuch, Herz, rotes Kreuz und Kelch, Autos, Kinderwagen und Rollator. Insgesamt 42 Motive. Mit diesen ID-Karten lassen sich den Figuren und Zweckbauten Eigenschaften zuordnen. Sie machen ein Gebäude zu einem Krankenhaus, eine Figur zu einem Kommunionhelfer. Manche sind leer und können selbst gestaltet werden. Den Möglichkeiten und der Fantasie sind so kaum Grenzen gesetzt. Die Deutungshoheit liegt bei den Nutzern.

Zwei Sonderaccessoires stechen heraus: ein goldener, etwas höherer Holzsockel und eine größere, sechseckige ID-Karte aus durchsichtigem roten Plexiglas, darauf lodert eine Flamme in Weiß. „Es gibt immer wen oder etwas, der oder das auf dem goldenen Podest steht, unantastbar, hervorgehoben“, hält Christopher Maaß den goldenen Holzsockel in der Hand. Dann deutet er auf die rote Flammenkarte: „Sie steht für die dritte Dimension, den Heiligen Geist oder das Feuer, das uns antreibt.“

Völlig flexibel statt statischer Bilder

Maaß, Prozessbegleiter der Stabsstelle „Wo Glauben Raum gewinnt“ und Sprecher der AG Kirchliche Organisationsberatung des Dezernates Seelsorge, stellt das neue Kirchenbilder-Tool vor. „Unser Material garantiert völlige Flexibilität fern aller Vorgaben und statischen Kirchenbildern“, hebt er hervor. Die Nutzer des Tools, die Kirchenbildner, seien selbst gefragt.

Der einzige Leitfaden bilden die Leitfragen, so Maaß. „Zuerst geht es um das persönliche Kirchenbild eines jeden und den Austausch darüber mit den anderen am Tisch“, beschreibt er die erste Phase, die auch alleine für sich stehen kann. „In einem zweiten Schritt betrachtet man das Kirchenbild der eigenen Gemeinde oder Pfarrei, so wie Kirche an diesem Ort verstanden wird.“ Daraus folge in dieser zweiten Phase die Frage nach der Zukunft der Gemeinde, vielleicht sogar des Pastoralen Raums: „Wie soll künftig das gemeinsame Kirchenbild aussehen?“

Und wie funktioniert es? „Jeder nimmt sich Grundplatten, Figuren, ID-Kärtchen und legt zunächst sein Kirchenbild, stellt es in der Gruppe vor und diskutiert mit den anderen darüber“, erklärt Maaß. „In der zweiten Phase dann, legen die Gruppen gemeinsam ein Kirchenbild. Auch dieser Schritt bietet viel Raum zu Diskussion und Austausch.“ Insbesondere die zweite Phase könnte den Pastoralausschüssen in den Pastoralen Räumen dabei helfen, hebt Maaß hervor, für die Erstellung des Pastoralkonzepts eine Vision ihrer gemeinsamen Zukunft zu entwickeln.

Wie soll Kirche künftig aussehen?

Das Kirchenbilder-Tool wurde vom Dezernat Seelsorge im Erzbischöflichen Ordinariat entwickelt, eigens für die Bedürfnisse im Erzbistum Berlin. Das Team um Dezernatsleiterin Uta Raabe bekam dabei Unterstützung durch die Kommunikationsagentur „globasil“ aus Hannover/Hamburg. In einer Gesprächsrunde macht das Team deutlich, auf was es ihm ankommt:

„Das Material hilft“, erläutert Uta Raabe, „sich gemeinsam sowohl über die individuellen Kirchenbilder auszutauschen – was ist für dich an Kirche wichtig, was für mich – als auch einen Weg von Kirchenentwicklung zu beschreiten und der Frage nachzugehen: wie soll Kirche künftig aussehen, in unserem Pastoralen Raum, in unserer neuen Pfarrei.“

Bettina Birkner sieht die Möglichkeit, auf verschiedenen Ebenen, ganz neu miteinander über Kirche ins Gespräch zu kommen, sei es in einer Verbandsgruppe oder in einem Familienkreis, im Pfarrgemeinderat oder einem Pastoralausschuss eines Pastoralen Raumes. „Selbst wenn ich mich danach immer noch mit dem Kirchenbild des anderen schwer tue, weiß ich aber besser, auf was seine Vorstellung basiert“, meint Birkner.

„Jeder trägt ein Bild von Kirche in sich“, erklärt Christoph Kießig, „geprägt durch unsere Herkunft. Im Osten aufgewachsen habe ich ein anderes Kirchenbild als jemand, der aus West-Berlin kommt oder aus Süddeutschland oder Münster hergezogen ist. Diese verschiedenen Vorstellungen abzubilden und über sie ins Gespräch zu kommen, das soll das neue Material ermöglichen.“ Gehe es um ein gemeinsames Kirchenbild für eine Gemeinde oder einen Pastoralen Raum, könne der Austausch über die verschiedenen Kirchenbilder helfen, festgefügte Vorstellungen zu überdenken, ist sich Kießig sicher. „Vieles ist in Gemeinden bereits so sehr in Stein gemeißelt, dass es zunächst einen Bewusstseinswandel braucht, einen Wandel der Bilder im Kopf. Das kann gelingen, indem wir andere Bilder wahrnehmen und uns dabei beobachten, wie durch sie Bewegung in unsere Bilder kommt.“

Festgefügtes neu durchdenken

Das persönliche Kirchenbild gebe Halt, Kontinuität und Sicherheit, könne allerdings auch dazu anhalten, auf einem gemeinsamen Weg sich weniger kompromissbereit zu zeigen, meint Uta Raabe. „Pfarreien haben oftmals ein festes Gepräge. Sie leben Kirche in einer ganz bestimmten Weise. Wer dazu passt, der kommt, und wer nicht dazu passt, bleibt schlimmsten Falls weg“, führt Christopher Maaß den Gedanken weiter aus. Der Prozess mit seiner Ausgangsfrage: „Wie gelingt es, Menschen mit dem Evangelium in Berührung zu bringen“, verlange jedoch Veränderung und Offenheit, „damit wir mehr als nur zehn oder zwölf Prozent unserer Mitglieder erreichen. Wir müssen eine Idee davon bekommen, dass die Vielfalt der Menschen, die Kirche sein wollen, viel größer ist, als die, die zu unseren Gottesdiensten und Veranstaltungen kommen.“

„Wenn wir sagen: Das sind die, die „nur“ am Sonntag, die „nur“ an Weihnachten, die „nur“ zur Taufe und Trauung kommen, müssen wir aufpassen. Dieses „nur“ ist eine Abwertung, durch die wir unser persönliches Kirchenbild zur Norm erheben“, warnt Raabe. Vielmehr sei nicht zu vergessen, im Sinne Jesu zu handeln und zu sagen: „Schön, dass du da bist. Was willst du, dass ich dir tue?“ „Meinen wir daher nicht: erst wenn alle meine Norm erfüllen, funktioniert es richtig, sondern lernen wir die Vielfalt auszuhalten.“

Das Kirchenbildermaterial möchte genau dabei helfen, betont Carla Böhnstedt: „Diese Vielfalt ist ja keine Bedrohung, sondern ein großer Reichtum. Dadurch gewinnen wir ganz andere Möglichkeiten. Wir erfahren eine Weitung unserer Horizonte.“

 

Wo gibt es das Material?

Wer das Material nutzen möchte, wendet sich an das Dezernat Seelsorge im Erzbischöflichen Ordinariat. Wird es zum ersten Mal eingesetzt, begleitet vor Ort ein Teamer des Dezernates. Angesprochen sind alle Interessierten, zum Beispiel Pastoralausschüsse, Familienkreise, Verbandsgruppen, Pfarrgemeinderäte.

Kontakt: 0 30/32 68 45 22
christopher.maass(ät)erzbistumberlin.de