Schöpfung bewahren

von Almut Lüder

Anbringen des Siegels »Faire Gemeinde« im Gemeindehaus St. Josef, Köpenick. Lucia Grabandt (li) vom Gemeinderat und Marie-Louise Hein, Projektmitarbeiterin Faire Gemeinde. Foto: Marie-Louise Hein

„Alle können wir als Werkzeuge Gottes an der Bewahrung der Schöpfung mitarbeiten, ein jeder von seiner Kultur, seiner Erfahrung, seinen Initiativen und seinen Fähigkeiten“, schreibt Papst Franziskus in seiner Enzyklika aus dem Jahr 2015 im Vorfeld der Klimakonferenz in Paris mit dem Titel `Laudato si – Gelobt seist du´, in Anlehnung an den Sonnengesang seines Namenspatrons, dem Heiligen Franz von Assisi. Er war für den Pontifex ein Vorbild für Achtsamkeit gegenüber Schwachen und den ökologischen Umgang mit unserer Erde. Dass heute vielen zwar nicht der Inhalt von Laudato si geläufig ist, dennoch „Schöpfung bewahren“ ein Herzensanliegen ist, machen Initiativen im Erzbistum Berlin deutlich. Ein kleiner Überblick.  

Bienen

Wenn Norman Linke den Deckel des Bienenstocks gleich neben dem Kirchturm öffnet, muss er aufpassen. Bitte nicht stechen. Allergiker. Die Honigbienen halten sich dran. Der 32-jährige liebt sein Hobby, die Imkerei. „Man kann von den Bienen lernen, wie man als Gemeinschaft auf engstem Raum miteinander ein Ziel verfolgt“, schwärmt der Feuerwehrmann in Berlin. In dem etwa ein Quadratmeter-großem Holzkasten befinden sich über Winter 30.000 Honigbienen, im Sommer seien es 20.000 mehr. Linke versorgt sie regelmäßig. Dafür klettert er drei schmale Leitern hoch auf das begrünte Dach der Auferstehungskirche mit Blick auf den Fernsehturm. Seine Schützlinge interessieren sich aber mehr für die Rosen und Kastanien im Volkspark Friedrichshain auf der anderen Seite. Zwischendurch ein kleiner Abstecher auf die vielen Balkons ringsum gefällig?

Linke gehört der Initiative „Berlin summt“ an, die ihm einen Paten für das umfangreiche Fachwissen zur Seite stellt. Cornelis Hemmer von der übergeordneten Stiftung für Mensch und Umwelt (www.stiftung-mensch-umwelt.de) spricht von ungefähr 20 Millionen Honigbienen in Berlin. Das sind pro Einwohner fast sechs. Für deren Erhalt setzt sich die Stiftung ein. Dafür will sie die Botschafterin des Lebens mehr in den Mittelpunkt rücken. Hemmer können die Standorte der Bienenstöcke gar nicht prominent genug sein. Auch auf dem Berliner Dom sind sie aufgestellt. Auf Katholischen Kirche sind sie es bisher noch nicht. Hemmer wünscht sich die St. Hedwigs-Kathedrale mit ihrer grünen Kuppel als neuen Standort. Im grünen Tiergarten, einen Kilometer Luftlinie entfernt, seien die Honigbienen bei ihrem Flugtempo von 20 Stundenkilometer in wenigen Minuten. Es gehe nichts über Bestäuberinsekten. „Der Mensch denkt sich zwar tolle Sachen wie elektronische Drohnen aus, aber sie können niemals Pflanzen und Bäume zum richtigen Zeitpunkt bestäuben“, hebt Hemmer die Einzigkeit der großen Nützlinge hervor.

Pfarrerin Kathrin Herrmann von der Auferstehungskirche, unter deren Dach auch Besondere Orte  Umweltforum Berlin GmbH untergebracht ist, weiß von niemandem in ihrer Gemeinde, der von den Honigbienen schon mal gestochen wurde. Unten, neben der Kirche auf der Wiese steht ein ausrangiertes Taufbecken, das zur Bienentränke umfunktioniert wurde. Der Gemeinde seien die Honigbienen heilig - wie alle Lebewesen.

Kirchenstrom

Haare föhnen und etwas Gutes tun? Das geht! Beim atomenergiefreien Kirchenstrom der Stadtwerke Potsdam wandern für jede verbrauchte Kilowattstunde 1,5 Cent in einen Fonds. In ihm sammeln sich jährlich zwischen 12.000 und 15.000 € an. Die fließen in die Finanzierung von Umweltprojekten von Kirchengemeinden wie Solaranlagen, Blockheizkraftwerke, sagt Georg Jatzwauk, stellvertretender Vorsitzender des Ökumenischen Ökologiekreises in Potsdam.

In den katholischen Kirchen des Erzbistums liegen Faltblätter zum Kirchenstrom aus. Darin ist erklärt, wie man als Stromwechsler vorgehen muss. Antrag aus dem Internet laden, ausfüllen, an die Erlöserkirche in Potsdam faxen. Bei Bedarf helfen die Mitglieder des Ökologiekreises. Je nach Kündigungsfrist des alten Stromanbieters dauert die Umstellung wenige Tage. Kunden können Kirchen, kirchliche Einrichtungen, Privathaushalte in Berlin und Brandenburg werden. Jährlich kommen rund 100 Neukunden hinzu, die sich gegen Atom- sowie Kohlestrom entscheiden.  

Das Alter der Stromwechsler erstreckt sich von 18 bis zu über 70 Jahren. Jatzwauk konnte nach „Laudato si“ keinen Boom an Neukunden feststellen. Vielmehr hört er immer noch bei Gemeindemitgliedern: „Man müsste mal....“  Nein, die Veränderungen zur Bewahrung der Schöpfung müssten bei jedem selbst anfangen, so Jatzwauk. (www.peter-paul-kirche.de/Ökologiekreis)

Kieztouren

Wir leben nicht allein auf der Welt. Verantwortung ist ein wichtiges Stichwort. Wie die für jeden Einzelnen aussehen muss, versuchen der Katholische Deutsche Frauenbund (KDFB) Berlin, das Erzbistum Berlin und die Caritas bei ihren Kieztouren vor Ort den Teilnehmern zu vermitteln. Sie finden in unregelmäßigen Abständen statt (www.erzbistumberlin.de/kieztouren).

Bei der Tour mit dem Titel „Nachhaltig leben“ ging es um den Verpackungswahnsinn und dessen Vermeidung. 230 Kilo Müll pro Berliner im Jahr ist der Wahnsinn in Zahlen, Umweltschützer streben die Null-Müll-Stadt an. Bei einer anderen Kieztour „Kleider machen Leute“ ging es darum, mehr Bewusstsein für Mode zu entwickeln, um Verschwendung zu vermeiden, so die Referentin für Verbandsarbeit und Kommunikation des KDFB Berlin, Marie-Charlotte Merscher. Jeder kaufe im Jahr mehrere Kilo Kleidung, die er gar nicht trage. Mit ein bisschen Phantasie könne Neues aus Abgelegtem entstehen. Noch wichtiger sei, dass sich das Kaufverhalten ändere. Der Kunde müsse sich vorher überlegen, wie die Ware verarbeitet, unter welchen Umweltbedingungen sie entstanden, welche Chemikalien in ihr enthalten seien. „Als Christen stehen wir in der Verantwortung, die Schöpfung zu bewahren“, sagt Merscher. Das umfasse auch globales Denken und Handeln. Die Kieztour am 14.08.2021 hat das Thema: „SOS! Fluchtwege zwischen Seenotrettung und Kirchenasyl“. Steigende Meeresspiegel, sich ausweitende Wüsten, verdorrte Ernten vernichten Lebensgrundlagen weltweit.

Beschaffung 

„Wir wollen nachhaltig sein“, formuliert Katharina Brumbauer als Fernziel für Maßnahmen zum Schutz der Umwelt im Erzbistum Berlin. „Wir sind auf einem guten Weg“, ordnet die Teilbereichsleiterin den Istzustand ein, in deren Zuständigkeit auch Beschaffung, Veranstaltungsmanagement und der Fuhrpark fallen. Dabei bewege sie sich auf einer Gratwanderung zwischen den Möglichkeiten von Umweltschutz, verantwortungsvollem Umgang mit Kirchensteuern und der Vorbildfunktion der Kirche. Leitfaden für ihre Arbeit sei die „Bewahrung der Schöpfung“.

Bei der Umsetzung sehe das so aus, dass sie für die Aktivitäten der rund 220 Mitarbeiter in der Verwaltung Fair-Trade-Kaffee, -Tee, -Orangensaft, Apfelsaft aus Deutschland, Mineralwasser aus der Region, Druckpapier mit Ökosiegel einkaufe. Manchmal stoße Brumbauer an Grenzen. Zum Beispiel könnte sie im Fuhrpark nicht auf umweltfreundlichere Elektroautos umstellen, weil sich die nötigen Ladestationen vor dem Bürogebäude nicht installieren lassen. Sie erarbeitet derzeit Beschaffungsrichtlinien für eine nachhaltige Beschaffung, die sie bis zum Beginn des kommenden Jahres abschließen möchte. „Wir werden sie auch den Gemeinden zur Verfügung stellen“, kündigt Brumbauer an.

Faire Gemeinde

½ Liter lauwarmes Wasser, 50 Zitronensäure, 1 Teelöffel Handseife, 5-10 Tropfen ätherisches Öl, schütteln bis sich die Zitronensäure auflöst. Fertig. So ist die Zusammensetzung eines umweltschonenden Allzweckreinigers für Bad und Küche. Die Anleitung zur Herstellung von Putzmitteln ist nur eine von vielen Facetten in Marie-Louise Heins Arbeit. Sie ist Projektmitarbeiterin beim Verein Ökumene Netzwerk im kommunalen Nachhaltigkeitsprozess im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick und berät Kirchen auf dem Weg zu ökofairem Handeln.

Maßstab für ihre Arbeit sind vier Kategorien. Neben „bewusst konsumieren“ und „nachhaltig wirtschaften“ gehören „global denken und handeln“ und „sozial handeln“ dazu. „Das Ganze ist ein langer Weg“, beruhigt Alfons Eising, Diakon an der Kirche St. Josef, die im vergangenen Jahr mit drei weiteren Kirchen im Rahmen eines Festgottesdienstes mit dem ökumenischen Siegel „faire Gemeinde“ ausgezeichnet wurde, weil sie einen Teil der Kriterien bereits erfüllt haben. St. Josef setzt bei Veranstaltungen zum Beispiel Mehrweg-Geschirr, Tee und Kaffee aus ökofairem Handel ein, bietet Fleisch, Gemüse, Obst in Bioqualität an, benutzt Papier und Reinigungsmittel mit Ökosiegel. Der Diakon gibt zu, dass das die leichteren Dinge seien.

Die Projektmitarbeiterin stellt bei ihren Besuchen von zehn weiteren Gemeinden, die sich derzeit um das Siegel bemühen, schon viel Richtiges fest. Dennoch überlege sie mit ihnen, was sie im Sinne der Kategorien verbessern können. „Ich erlebe bei meiner Arbeit große Offenheit“, freut sich die 29-jährige Mutter, die sich auf keinen Fall als „Kontrollpolizei“ verstanden wissen will, der aber die Bewahrung der Schöpfung am Herzen liege. Die Christin hofft, dass ihr Einsatz von den Kirchen auf möglichst viele Gemeindemitglieder ausstrahlt. Deshalb seien Kirchen für das Projekt ein günstiger Adressat. Sie plane ein ökumenisches Forum im kommenden Jahr für den wichtigen Erfahrungsaustausch. (www.faire-gemeinde.org/die-idee/)


Generalvikar des Erzbistums Berlin Pater Manfred Kollig, SSCC appelliert, sich für eine lebenswerte Welt auf der Grundlage von Laudato si einzusetzen: „Einen der Zusammenhänge, die Papst Franziskus in seiner Enzyklika Laudato Si´ herstellt, möchte ich besonders hervorheben: Dass unser eigenes Konsumverhalten und unser Umgang mit Ressourcen ökologische Auswirkungen auch in anderen Teilen dieser Welt haben, ist seit langem bekannt, beeinflusst aber nicht in ausreichendem Maß das Verhalten. Wir müssen erkennen und uns eingestehen, dass unser Lebensstil auch unmittelbaren Einfluss hat auf die soziale Gerechtigkeit weltweit – im Guten wie im Schlechten! Die Frage an jede/n Einzelnen lautet daher: Was kann ich dazu beitragen, dass mein Lebensstil nachhaltig, gerecht, ressourcenschonend und fair ist – beim Einkauf, im Verkehr, in meinem Berufsleben, in meiner Freizeitgestaltung etc.? 

Folglich bleibt das Thema Umweltschutz und Bewahrung der Schöpfung immer auch eine Anfrage an uns als Kirche im Erzbistum Berlin – an das Ordinariat ebenso wie an die Kirchengemeinden und an jede/n einzelnen Christen. In diesem Sinne ist das Thema Umweltverantwortung ein Querschnittsthema in allen Systemen und Lebensbereichen.“

Die Antwort muss jeder jeden Tag aufs Neue suchen.