Von der Kraft der Stille

Christliche Meditation und kontemplatives Beten in Berlin

Foto: KNA

Dorothea Hofmann

„Ich beginne die Reise nach innen.
Ich reise in mich hinein zum innersten Kern meines Seins, wo du wohnst.
An diesem tiefsten Punkt meines Wesens bist du immer schon vor mir da,
schaffst und stärkst ohne Unterlass meine ganze Person.“ (Dag Hammerskjöld)

„Wisst ihr nicht, dass euer Leib der Tempel des Heiligen Geistes ist?“ (1 Kor 6,19)

Es ist still, ganz still – außen und innen. Keine Totenstille, sondern irgendwie lebendig. Etwas abgehetzt bin ich von der Arbeit hier angekommen. Jetzt kann mein Tun und Denken zur Ruhe kommen und ich darf einfach da sein. Ich spüre den Augenblick, meinen Körper, meinen Atem… Dazwischen immer wieder Gedankenfetzen, ein Ärger des Tages steigt in mir auf und zieht dann weiter. Ich lausche in mich hinein und werde gewahr: Ich bin. Ein Schleier wird wie zur Seite gezogen. Einen Momenten lang wächst die Ahnung in mir: Im Tiefsten ist Gott mein wahres Wesen, mein wahres Selbst. Er will ganz ich selber sein. Er ist schon da in mir, in allen und allem. Ich fühle mich verbunden… Ich kann nichts tun. Dann wieder Zerstreuungen… Sehnsucht… Schweigen… Warten…

Der Ort des Geschehens: Die Kirche St. Thomas von Aquin in der Katholischen Akademie an einem Donnerstagabend. Seit Januar trifft sich hier – wie an anderen Orten der Stadt zu anderen Zeiten  – eine kleine Gruppe von Menschen in wechselnder Besetzung, die sich gemeinsam in das kontemplative Beten einüben wollen. Was die meisten unter ihnen verbindet, ist wohl die Sehnsucht nach spiritueller Erfahrung.

Kontemplation ist Wahrnehmung

Das Wort ‚Kontemplation‘ geht auf das lateinische Verb ‚contemplari‘ zurück, das so viel wie ‚schauen‘, ‚betrachten‘ meint. Es geht also um Wahrnehmung. Eine Wahrnehmung, die immer feiner wird und von außen nach innen führt. Alles, was sich zeigt, darf da sein, ohne, dass man sich weiter – gedanklich – damit zu beschäftigen braucht. Es wird nichts bewertet oder verdrängt. Bilder, Gedanken und Gefühle werden immer wieder losgelassen. Es geht darum, den Geist leer zu halten, damit Gott sich zeigen kann. Anders als viele glauben ist die Kontemplation ein sehr bodenständiger, realitätsbezogener Weg, ein Übungsweg.

Kontemplation ist Beziehung

Gleichzeitig ist christliche Kontemplation ein Beziehungsgeschehen: in der Beziehung zu Gott, zu uns selbst und zu unseren Mitmenschen. Das bedeutet auch, dass sich in der Stille lebensgeschichtlich erworbene Beziehungsmuster (z.T. schmerzlich) zeigen, aber auch klären können, die sich bisher im Unbewussten abgelagert hatten.

Kontemplation als Verwandlungsweg

Durch die Stille, den Weg in die Tiefe, können innere Verwundungen und Dunkelheiten ans Licht kommen, die uns noch nicht bewusst waren oder die wir lieber nicht anschauen wollten. Diese können sich in der Meditation und im Alltag durch allerhand „Symptome“ zeigen (z.B. schmerzliche oder unangenehme Gefühle, Körperschmerzen, Ablenkungen). Wenn ich erlaube, dass es jetzt wehtun darf und gleichzeitig in der Ausrichtung auf die erlösende Kraft der Gegenwart Gottes verweile, kann mit der Zeit manches heil werden. In diesem Sinne ist der kontemplative Weg auch ein Weg zu Heilung, Reinigung und Vergebung.

Zur Geschichte kontemplativen Betens

Die Geschichte der christlichen Kontemplation reicht zurück bis zu den Wüstenvätern und –müttern des 4. Jahrhunderts n. Chr., von wo aus sie nach Europa kam. Ihre Wurzeln sind noch weit älter. Während diese kontemplative Tradition von der Mystik des Mittelalters und der Ostkirche, insbesondere in der Form des Jesusgebets, weiter gepflegt wurde, geriet diese Praxis im Westen weitgehend in Vergessenheit und wurde erst wieder in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, u.a. angeregt durch die Popularität östlicher Meditationsformen, wiederentdeckt.

„Der Schlüssel des Gebets besteht in der Aufmerksamkeit.“ (Simone Weil)

Weil es uns gar nicht immer so leicht fällt, in der Aufmerksamkeit zu verweilen, haben die verschiedenen christlichen „Kontemplationsschulen“ der Moderne die Anleitung zur Kontemplation systematisiert und geben ihren Schülerinnen und Schülern bestimmte Übungen oder Hilfen an die Hand (z.B. Körper- oder Atemwahrnehmung, ein Wort oder der Name Jesus Christus, der innerlich wiederholt wird). Entsprechend hat sich auch eine Vielzahl von Bezeichnungen herausgebildet (darunter z.B. christliche Meditation, Herzensgebet, Jesusgebet, Gebet der Sammlung etc.). Diese deuten teilweise auf besondere Akzente oder auf bestimmte „Schulen“ hin, werden z.T. aber auch synonym gebraucht.

Kontemplation ist Geschenk

Trotz dieser konkreten Übungsformen ist und bleibt die zentrale Erfahrung der Kontemplation: Das Wesentliche können wir nicht machen, es ist unverfügbar. Es ist schon längst da, in uns. Wir müssen es uns nicht erst verdienen. Es ist Geschenk Gottes! Wir können uns nur vorbereiten, ausrichten, disponieren. Deshalb ist es letztlich auch unerheblich, wie sich die einzelnen Meditationszeiten „anfühlen“: Es geht darum, sich immer und immer wieder auf Gott auszurichten, ihm die Zeit zu schenken, so, wie sie jetzt eben ist. Der „Brief persönlicher Führung“, eine präzise Anleitung zur Kontemplation aus dem 14. Jahrhundert, drückt es so aus:
„Lass also dein Denken und Fühlen auf ihn hin eins werden, indem du versuchst, alles Nachdenken über ihn und über dich aufzugeben. Halte dein Denken leer, dein Fühlen unabhängig und dich selbst in reiner Gegenwärtigkeit, damit Gnade dich anrühren und dich kräftigen kann mit der Erfahrung der wirklichen Gegenwart Gottes.“

„Beten ohne Unterlass“ (1. Thess 5,17)

Gemäß diesem Pauluszitat will die Kontemplation immer mehr zu einer Lebenshaltung werden, die den gesamten Alltag durchdringt – nicht nur die wöchentliche gemeinsame Meditationszeit in der Gruppe oder die Zeit am Morgen zu Hause auf dem Hocker oder Kissen: Ganz wach, ganz da im Hier und Jetzt, ausgerichtet auf die Gegenwart Gottes – egal, was ich gerade tue.

Innere Stille

In einer Stadt wie Berlin kann es einem schnell zu viel werden: Der alltägliche Lärm, Krach, Reizüberflutung, Schnelllebigkeit… Der Wunsch, dem allen zu entfliehen, das Bedürfnis nach Oasen der Ruhe oder das Verlangen nach Entschleunigung sind verständlich.
Dabei geht es bei der Kontemplation nicht primär um die Abwesenheit von Geräuschen oder sinnlichen Eindrücken, auch wenn eine solche äußere Stille eine Hilfe zur Einübung sein kann. Letztendlich geht es um eine „innere Stille“ – leer, offen und bereit – in der Gott wirken kann.

Die verbindende Dimension der Kontemplation

Kontemplative Zugänge gibt es in fast allen religiösen Traditionen. In dieser konfessions- und religionsverbindenden Kraft der Kontemplation liegt eine der großen Chancen dieses Weges in einer komplexen und pluralen Stadt und Gesellschaft: Die kontemplative Erfahrung ermöglicht  Begegnung in der Tiefe und Resonanz auch dort, wo Sprache, Konfessions- oder Religionsgrenzen sonst eher trennen. Die verbreitete Achtsamkeitspraxis bietet zudem Anknüpfungspunkte für viele Suchende sowie für Menschen, die nicht in einer Kirchengemeinde beheimatet sind.

„Alles beginnt mit der Sehnsucht“ (Nelly Sachs)

Was die meisten Menschen verbindet, die sich auf den Weg gemacht haben, das kontemplative Beten zu üben, ist eine große Sehnsucht: nach Tiefe, nach Sinn, eine unendliche Sehnsucht nach Gott; über Gott nicht nur nachzudenken oder über ihn zu reden, sondern ihn unmittelbar zu erfahren.

Weiterführende Literatur und Links:
•    Franz Jalics: Kontemplative Exerzitien.
•    Franz Jalics: Der kontemplative Weg (aus der Reihe: Ignatianische Impulse).
•    Andreas Ebert, Peter Musto: Praxis des Herzensgebets: Einen alten Meditationsweg neu entdecken.
•    Karin Seethaler: Die Kraft der Kontemplation: In der Stille Heilung finden.
•    Simon Peng-Keller: Kontemplation: Überhelle Präsenz.
•    http://www.kontemplation-in-aktion.de/

Gemeinsam kontemplativ beten in Berlin (Gruppen im katholischen Kontext, nach Postleitzahlen geordnet):

Meditation am Montag (nach Franz Jalics)
Zeit: jeden Montag, 19:45 Uhr
Ort: ESG, Borsigstr. 5, 10115 Berlin-Mitte
Information und Kontakt: Juliane Link: juliane.link(ät)erzbistumberlin.de
Link: www.ksg-berlin.de/gottesdienste-spirituelles/yoga-und-meditation/

Christliche Meditation – Kontemplatives Gebet (nach Franz Jalics)
Zeit: Jeden Donnerstag, 19:00 bis 20:00 Uhr (außer in den Schulferien), 18:45 Uhr Einführung für Neue
Ort: Kirche St. Thomas von Aquin in der Katholische Akademie, Hannoversche Straße 5, 10115 Berlin-Mitte
Information und Kontakt: Bettina Birkner: kathedralforum(ät)hedwigs-kathedrale.de
Link: www.kathedralforum-berlin.de/kurse-begleitung/geistliche-begleitung/

Christliche Meditation im Dominikanerkloster St. Paulus
Zeit: Jeden Sonntag, 19:45 Uhr (Beginn), 19:30 Uhr für neu Kommende
Ort: Seminarraum des Klosters, Oldenburger Str. 46, 10551 Berlin-Moabit
Information und Kontakt: Bitte vorher Kontakt aufnehmen: meditation.dominikaner(ät)gmail.com
Link: www.dominikaner-berlin.de/aktivitaeten/gruppen/

Meditation in der Krypta der Kirche Albertus Magnus
Zeit: Jeden 1. und 3. Dienstag im Monat, 20:00 bis 21:15 Uhr
Ort: Krypta der Kirche Albertus Magnus, Nestorstraße 10, 10709 Berlin-Halensee
Information und Kontakt: Wigbert Siller: wigbert.siller(ät)yahoo.de
Link: www.sanktludwig.de/liturgie-glaube/meditation-in-der-krypta/

Meditation im Alltag in St. Christophorus
Zeit: mittwochs, 18:30 bis 19:30 Uhr
Ort: St. Christophorus, Nansenstraße 4–7, 12047 Berlin-Neukölln
Information und Kontakt: pfarramt(ät)christophorus-berlin.de
Link: www.christophorus-berlin.de/meditation/

Stille Zeit der Missionsärztlichen Schwestern: Lauschen nach innen
Zeit: montags, 20.04., 25.05., 22.06., 20.7., 24.08., 21.09., 19.10., 23.11.2020, 18:30 bis 20:00 Uhr
Ort: Kommunität der Missionsärztlichen Schwestern, Heesestr. 9, 12683 Berlin-Biesdorf
Information und Kontakt: Bitte vorher Kontakt aufnehmen mit Sr. Christiana Hanßen MMS: chrismms(ät)web.de
Link: www.missionsaerztliche-schwestern.org

Kontemplatives Beten im Franziskanerkloster Pankow
Zeit: i.d.R. am 1. und 3. Montag im Monat: jeweils 19:00 Uhr
Ort: Franziskanerkloster Pankow, Wollankstr. 19, 13187 Berlin-Pankow
Information und Kontakt: Peter Tiedt: petertiedt(ät)freenet.de 
Link: www.franziskaner.net/haeuser/berlin-pankow 

Offene Meditationsgruppe im Karmel Regina Martyrum (nach Sebastian Painadath)
Zeit: Mittwochs, einmal im Monat, 19:30 bis 21:00 Uhr (Sommerpause im Juli und August)
Ort: Karmel Regina Martyrum, Haus der Stille, Meditationsraum, Heckerdamm 232, 13627 Berlin-Charlottenburg
Information und Kontakt: Sr. Johanna Maria und Sr. Mechthild: mechthild(ät)karmel-berlin.de
Link: www.karmel-berlin.de/kloster/veranstaltungen/offene-meditationsgruppe.html?id=35

Und andere…
Stille Orte können sein: