»Willkommen im Land zum Leben.«

Christian Berkenkopf

Eindrücke aus dem pastoralen Raum Usedom-Anklam-Greifswald  

»Willkommen im Land zum Leben.« Wer mit dem Auto nach Mecklenburg-Vorpommern (MV) fährt, wird mit diesem Spruch auf großen schildern an den Landesgrenzen begrüßt. MV will das Land zum Leben sein, und es steckt viel Überlegung und Marketing hinter diesen Worten: MV als freies Land mit hoher Lebensqualität; MV als vielfältiges und offenes Land mit einer intakten oder geschützten Natur, zugehörig zum Ostseeraum und maritim inspiriert; MV als internationales Land mit einer hohen Qualität von Produkten und Dienstleistungen. 

Soweit die Werbesprache. Vieles davon wird bestimmt bereits eingelöst, aber unbestritten sind darunter auch Positionen, die sich gerade erst entwickeln oder deren Entwicklung noch aussteht.

Einige Eindrücke aus dem Pastoralen Raum Usedom-Anklam-Greifswald sollen es hier sein. Um es vorwegzunehmen: Es sind nur Eindrücke, die ich beschreibe. Punktuelles Erleben, subjektiv gefärbt. Usedom-Anklam-Greifswald ist einer von drei Pastoralen Räumen in Vorpommern, und als wir 2016 zur Eröffnung mit dem Erzbischof die Gottesdienstorte der Reihe nach besucht hatten, da waren wir rund 180 Kilometer gefahren in einer Landschaft, in der jeder Quadratkilometer durchschnittlich von nur rund 60 Personen bewohnt wird. Wer die nächste Kirche (im Pastoralen Raum!) erreichen will, muss dann schon mal bis zu 30 Kilometer weit fahren. Dienstbesprechungen haben wir meistens in Wolgast, geografisch der zentrale Ort. Damit die Fahrzeit für jede und jeden unter einer Stunde bleibt.

Immerhin, innerhalb der Gemeinden kommen die einzelnen Gruppen schnell in Kontakt – und sie wissen, dass hier jede und jeder mit den eigenen Ansichten willkommen ist und willkommen sein muss. Denn es kann durchaus sein, dass die eine Gruppe einen Referenten zum Thema Familie einlädt, der im Anschluss die Messe im außerordentlichen Ritus feiert, während die andere Gruppe zur Begegnung mit Sufis nach Berlin fährt. Unterm Strich allerdings kennt und schätzt man sich. Und im Pastoralausschuss müssen sich die meisten gar nicht erst bekannt machen, weil hier ohnehin alle engagiert und für alles ansprechbar sind. So geht dann auch jede Kennenlernrunde im Pastoralausschuss schon nach wenigen Minuten über in eine inhaltliche Diskussion.

Zwei große Gruppen von Katholiken gibt es im Pastoralen Raum: diejenigen, die den Alltag der DDR noch erfahren haben und diese Erfahrung innerhalb der Familie weitergeben; sodann diejenigen, die aus beruflichen Gründen gekommen sind und zumeist im Umfeld der Universität arbeiten, teilweise aber auch im Tourismus. Zuzüge kommen aus grenznahen polnischen Gebieten, aber überwiegend aus dem gesamten deutschsprachigen Raum. Freilich, nicht alle Katholiken kommen tatsächlich in der Gemeinde an: Die einen wissen nicht, dass in Deutschland die Religionszugehörigkeit von staatlichen und kommunalen Behörden verwaltet wird, und die anderen landen dort, wo sie sich selbst gar nicht sehen: »altkatholisch « kommt halt im Alphabet vor »römisch-katholisch «. Immerhin, irgendwas mit »katholisch« ist es doch, und die Unterschiede? Nun ja.

Das soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es einen guten deutsch-polnischen Austausch auf der Insel Usedom bereits gibt: Man beschenkt sich gegenseitig mit Osterkerzen, im Sommer gibt es Gottesdienste in deutscher Sprache in Świnoujście und auf Usedom in polnischer Sprache. Und weil in Greifswald monatlich ein Gottesdienst in polnischer Sprache gefeiert wird, gibt es schon erste Anfragen von Deutschen, auch mal ein paar Worte Polnisch zu lernen. Besonders erfreulich: Auch umgekehrt fragt man nach deutschen Sprachkursen, die zum Beispiel die Caritas anbietet. Drei Priester sind im aktiven Dienst im Pastoralen Raum tätig, davon zwei polnische Muttersprachler.

»Ich möchte auch nicht mit meiner Frau Hand in Hand durch Greifswald rennen«, sagte die Kölner Moderatorin Bettina Böttinger im Herbst 2016, als sie gefragt wurde, wie es um die Toleranz von gleichgeschlechtlichen Beziehungen in Deutschland stehe. Vielfalt, Offenheit und Internationalität – so suggeriert es der Imagespruch »Willkommen im Land zum Leben«. Greifswald liegt im Bereich der »Metropolregion Stettin«, ist mit Stralsund eines von vier Oberzentren in MV. Die Region tut das Beste, um diesem Anspruch zu genügen – und wo sonst in Vorpommern sollte man besser in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung leben können als in den größten Städten der Region, in Greifswald oder Stralsund?

Wenn es da nicht andererseits diese Vorurteile gäbe: Ostdeutschland generell, Toleranz, Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus. Wer im Internet »Anklam« sucht, dem ergänzt die Suchmaschine bald den Begriff »Nazis«. Dazu zwei Szenen aus dem täglichen Leben:

Greifswald, im März 2017, eine Arztpraxis. Im Wartezimmer eine Landkarte »Das alte Preußen«. Daneben eine rote Rose für Ernst Moritz Arndt, den möglicherweise-baldnicht- mehr-so-ganz-Patron der Universität. Die Diskussion um Arndt spaltet die Stadtgesellschaft noch weit mehr als seinerzeit die Türmattenaffäre nach der Wahl des grünen Oberbürgermeisters (der 2015 in einer Stichwahl mit 15 Stimmen Vorsprung gewählt wurde und wo anfänglich der Verdacht im Raum stand, eine Fußmatte habe den Zugang zu einem Wahllokal versperrt und somit den Wahlausgang beeinflusst). »Was machen Sie denn beruflich?«, fragt der Arzt, und meine Antwort lässt ihn weit ausholen: »… dann sage ich Ihnen mal was: Ich bin nicht in der Kirche, aber damals, da war ich in Ihrem Kindergarten. Dort hat man mich noch richtig erzogen, Sie wissen schon, christliche Werte etc. Für Ihre Kirche sage ich nur, sorgen Sie mal dafür, dass Ihre Leute mehr Kinder bekommen, denn die Muslime, die sind schon bald bei uns in der Mehrheit.«

Greifswald, im Januar 2018. In der Aula der Universität besprechen sich Beamte des LKA Berlin mit den Verantwortlichen für die Sicherheit vor Ort. Seyran Ateş spricht am Abend über die Gründung der Ibn Rushd Goethe-Moschee, und die Sicherheitsmaßnahmen sind beeindruckend: fünf LKA-Beamte für den unmittelbaren Personenschutz, im Hintergrund das LKA aus Schwerin sowie die örtliche Polizei und ein privater Sicherheitsdienst für die Taschenkontrolle der Besucherinnen und Besucher. Ob die Frau denn wirklich so gefährdet sei, fragt ein Mitarbeiter der Universität. »Ja«, lautet die kurze Antwort der Beamten, und sie schließen die Frage an: »Haben Sie eigentlich viele Muslime in Greifswald?« – Die Antwort des Mitarbeiters der Universität: »Ja, wir haben hier sehr viele Muslime.«

Zwei Erlebnisse, und sie provozieren die Fragen: Wer ist eigentlich willkommen im »Land zum Leben«? Und wie viele Muslime leben eigentlich hier? Ein Blick in die Statistik: Der Landkreis Vorpommern-Greifswald (in etwa die südliche Hälfte Vorpommerns) hat rund 237.000 Einwohner. Statistisch wahrnehmbar sind die evangelische Kirche (ca. 17 % der Bevölkerung) und die römisch-katholische Kirche (ca. 3 % der Bevölkerung). Nun sind Muslime statistisch nicht einfach zu erfassen, aber Schätzungen zufolge waren es im gesamten Vorpommern im Jahre 2011 weniger als 1 % der Bevölkerung. Genaue und aktuelle Zahlen liegen derzeit noch nicht vor. Zwar ist anzunehmen, dass sich der Wert leicht erhöht hat, aber die Zahl der Muslime dürfte hierzulande noch weit unter Berliner Größenordnungen liegen. Immerhin, gegenwärtig leben im Landkreis 3,8 % Flüchtlinge (in Zahlen: 9.030 Personen), deren größte Gruppe aus Syrien kommt, einige aus Afghanistan, wenige aus Russland. Daher dürfte mittlerweile wohl mehr als 1% der Bevölkerung muslimisch sein, aber setzt man dies ins Verhältnis zu den Eindrücken aus der Arztpraxis und dem Gespräch mit dem Sicherheitsbeauftragten, so stellt sich die Frage, warum man in einer Gegend mit relativ wenigen Muslimen so große Angst vor ihnen hat. Zum Vergleich: 3% der Vorpommern sind katholisch. Nur die wenigsten halten uns für gefährlich. Die meisten nehmen uns nicht wahr.

Eine beliebte Erklärung für die Ablehnung von (muslimischen) Flüchtlingen lautet: Die Probleme von heute seien die Probleme der deutschen Einheit. Migrationserfahrungen habe man erst mit der Einheit machen können, aber dann waren sie gleich bedrohend. Nach der Wende seien Zuwanderungsgruppen in die östlichen Bundesländer gekommen, die Transfergelder bekamen und in den Arbeitsmarkt praktisch nicht integriert werden konnten (Anmerkung: Noch heute berichten ausländische Studenten, für die ich Stipendien-Gutachten schreibe, dass sie erst dann den Aushilfsjob bekommen, wenn sich kein Deutscher findet.). Dazu das Problem von Sprache, Kultur und je eigener schulischer Prägung. Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt sei begleitet von der Konkurrenz um Zuwendung in gesellschaftlicher, finanzieller, politischer und kultureller Hinsicht. Und das solle sich doch, bitte, nach 2015 nicht noch einmal wiederholen.

So ein gängiger Erklärungsansatz, aber man muss zurückfragen: Taugt dieser Ansatz wirklich für das Gespräch in der Arztpraxis und mit dem Sicherheitsbeauftragten? Immerhin, in prekären sozialen Verhältnissen dürften beide Gesprächspartner nicht leben, und es gibt noch mehr Hinweise, dass die Angst vor Migration nicht einfach mit wirtschaftlicher Konkurrenz erklärt werden kann. Es muss mehr dahinterstehen, die Migrationsfrage hat Stellvertretercharakter, und die kommenden Jahre werden zeigen, welche Fragen wirklich im Hintergrund stehen. Für mich plausibel scheint der Ansatz, es gehe vielleicht um kulturelle Deutungshoheit; um das Problem, hierzulande keine klassisch-konservative politische Vertretung mehr zu finden und sie andernorts zu suchen, zum Beispiel bei der AfD.

Immerhin, nahezu die gesamte Landtagsfraktion der »Bürger für Mecklenburg-Vorpommern« (ehemalige Abgeordnete der AfD) ist im November 2017 zur Andacht gekommen, die ich im Landtag zu Beginn der Sitzungsperiode gefeiert habe. Manchmal finden sich unverhofft interessierte Gesprächspartner, wo man sie nicht gesucht hat. Hier vorurteilsbeladen kein Gespräch zu führen, halte ich für gefährlich; denn Sprechen heißt lediglich, sich erst einmal selbst ein Bild davon zu machen, ob überhaupt ein Gespräch geführt werden kann bzw. wohin dieses Gespräch überhaupt führt. Und nur im Gespräch kommt man irgendwann zu den Fragen hinter den Fragen.

Jenseits dieser Eindrücke gibt es aber durchaus viel Positives, und dieses Positive nimmt alles auf, worin das »Land zum Leben« wirklich willkommen heißt: Greifswald, im Dezember 2015, kurz nach meinem Umzug. Mein vorherrschender Eindruck: Diese Stadt ist jung. In Bochum habe ich mir den Bürgersteig viel öfter mit Rollatoren teilen müssen als hier. Kein Wunder, denn die Universität prägt die Stadt Greifswald. Unter knapp 60.000 Einwohnern finden sich etwa 10.000 Studierende. Im statistischen Mittel ist man 42 Jahre alt.

Bezogen auf die Katholiken, lässt sich das noch differenzierter sehen: In der Gemeinde St. Joseph ist die Hälfte der Katholiken höchstens 35 Jahre alt, und betrachtet man lediglich das Stadtgebiet, sinkt dieser Wert sogar auf höchstens 30 Jahre. Das merkt und sieht man natürlich auch im Sonntagsgottesdienst. Junge Erwachsene sind in der Statistik überdurchschnittlich stark vertreten. Wir erreichen sie leider längst nicht alle, aber immerhin: Der Mittwochabend ist verlässlich der Abend der Studentengemeinde, auch in den Semesterferien. Das in dem Wissen, dass Menschen nicht automatisch zu uns kommen, sondern dass wir in der universitären Öffentlichkeit präsent und einladend sein müssen.

Jüngst ergab eine Umfrage des Landkreises Vorpommern- Greifswald unter jungen Erwachsenen bis zu 27 Jahren, dass rund 80 Prozent von ihnen gern hier leben und dabei die Natur, das Studienangebot, die Nähe zum Wasser und die freundlichen Menschen punkten können. Natürlich gab es auch kritische Töne, aber es überwiegen positive Aussagen, und das stimmt zuversichtlich im »Land zum Leben«. Ich glaube, man darf sich von den dunkleren Seiten nicht abschrecken lassen, denn die sind meistens das Ergebnis von Vorurteilen und Vorverurteilungen, in jedem Fall aber zukünftige Arbeitsfelder der Pastoral. Man darf es ruhig so sehen: Kirche im Pastoralen Raum Usedom-Anklam-Greifswald ist nicht überall jung, aber doch vergleichsweise jung, sie ist dynamisch, engagiert und lebenswert. Sie ist teilweise international, aber in jedem Falle gesamtdeutsch inspiriert, bedingt durch Universität und Tourismus. Einfach eine lebendige Kirche im Land zum Leben.