Wo Volksglaube auf die Diaspora trifft

Christina Bustorf

Immer mehr Polen ziehen auf die deutsche Seite der Oder-Grenzregion. Was aus deutscher Perspektive am Ende der Welt liegt, ist für sie attraktiver Wohnraum nah der Metropole Stettin. Der anhaltende Zuzug fordert Land und Kirche gleichermaßen. Wie Integration mit der »Kraft der Kirche« funktionieren kann, daran arbeitet das Erzbistum seit längerem. Ende Februar haben sich Vertreter in Löcknitz getroffen, um Erfahrungen auszutauschen und die Integration mit konkreten Vorhaben voranzutreiben. 

Für die Deutschen ist das hier das Ende der Welt«, sagt die Polin Joanna Jaworska und lacht. »Wir sehen die Nähe zur Metropole Stettin.« Vor drei Jahren ist sie mit ihrer Familie nach Löcknitz gezogen. Ihr Mann arbeitet als Zahnarzt in Stettin. »Mir war es wichtig, dass unsere Kinder zweisprachig aufwachsen«, erzählt die Polin, die selbst schon in Frankfurt und Berlin gelebt hat. Für ihre Familie und sich bezeichnet sie Löcknitz als »perfekten Ort«. Auch ihre polnische Freundin Kristina Kimla wohnt mittlerweile in der Nachbarschaft: »Hier ist es ruhiger und günstiger als in Stettin und doch nicht zu klein. Man hat alles in der Nähe.«

Mit dem EU-Beitritt der Polen 2004 und der Erweiterung des Schengener Abkommens 2007 begann der Wandel in Löcknitz. Die Gemeinde baut gerade eine weitere Grundschule, eine zweite Regionalschule ist geplant. So wie für Joanna und Kristina sind auch für viele andere polnische Familien die günstigen Lebenshaltungskosten, die soziale Absicherung und die Möglichkeit der zweisprachigen Erziehung Anziehungspunkte der einst verwaisten Region.

Nicht nur für das Land auch für die Kirche bedeutet der konstant wachsende Zuzug der Polen in der Oder-Grenzregion Chance und Herausforderung zugleich. In Pasewalk sind 57 Prozent der Katholiken polnische Zuzügler. In Schwedt, Prenzlau und Frankfurt an der Oder machen sie etwa ein Drittel aus – Tendenz überall steigend. Anfangs sind die Familien sonntags zu den Gottesdiensten über die Grenze gefahren, weil sie zwar gesellschaftlich, aber nicht mit ihrem Glauben in Vorpommern Heimat gefunden haben. Zum einen gab es kaum noch Gottesdienststandorte, zum anderen fehlte das gegenseitige Verständnis der unterschiedlichen Glaubenskulturen. In der Oder-Grenzregion treffen Diaspora auf tiefverwurzelten Volksglauben. Gregor Mazur ist Pfarrer im Pastoralen Raum Hoppenwalde/Pasewalk, zu dem auch Löcknitz gehört. Anfangs hätte die Gemeinde aus zwei Gruppen bestanden, der der deutschen und der der polnischen Gläubigen. Mittlerweile sei das eins. »Im Pfarrgemeinderat ist das Hälfte, Hälfte«, berichtet er.

»Früher habe ich sehr viele Erlaubnisse für Taufen außerhalb der zugehörigen Pfarrei ausstellen müssen, weil die polnischen Familien ihre Kinder in Polen haben taufen lassen. Das kommt jetzt kaum noch vor. Sie feiern die Taufe hier.« Und auch die Zahl der Kommunionkinder kann sich sehen lassen: »über 30 – alle Polen«, sagt Pfarrer Mazur und lächelt. Die Materialen sind in deutscher Sprache, gesprochen werde beides. »Die Kinder fühlen sich in der deutschen Sprache wohler«, hat Pfarrer Mazur beobachtet. Dennoch spielt die Muttersprache im Glauben eine wichtige Rolle und ist der katholische Gottesdienst in polnischer Sprache, den Pfarrer Mazur seit einem Jahr in der evangelischen Kirche von Löcknitz sonntags anbietet, ein wichtiger Schlüssel gewesen, die Integration der polnischen Christen voranzutreiben.

Und trotzdem sagt die Leiterin des Dezernats Seelsorge im Erzbistums Berlin, Uta Raabe: »Die Zukunft kann nur bilingual sein.« Dazu gehöre die Sprache, genauso wie der Austausch von Traditionen. Es gehe darum, sich gegenseitig zu bereichern. Das erfordere auch die Bereitschaft, sich an der Sprache des jeweils anderen zu beteiligen. Sie hat ein Konzept erarbeitet, wie ein bilingualer Gottesdienst gestaltet werden kann. Doppelungen von deutsch und polnisch sollten demnach vermieden werden. »Man muss sich auf eine Grundsprache einigen«, sagt sie und ist überzeugt: »Die größte Herausforderung wird sein, wie sich die Deutschen auf die Bilingualität einlassen.« Dennoch ist sie zuversichtlich: »An der deutsch-französischen Grenze ist Bilingualität Standard.« Wenn man sich das verdeutliche, helfe es vielleicht, Hemmungen abzubauen und auch in der Oder- Grenzregion der Bilingualität eine Entwicklungs-Chance zu geben. Generalvikar Manfred Kollig wirft ein: »Früher haben die Leute zehn Antworten auf Latein für den Gottesdienst gelernt, warum soll das nicht mit polnischen Wörtern gehen, um an der Liturgie teilzunehmen?« Vertreter aus dem Erzbistum Berlin haben sich an diesem Montag zu einer Konferenz zur Pastoral in der Oder-Grenzregion in Löcknitz getroffen. Seit einiger Zeit haben sie dieses Gebiet besonders im Blick. An diesem Tag geht es darum, sich über Erfahrungen auszutauschen und die Entwicklung voranzutreiben.

Der Integrations-Ansatz des Erzbistums Berlin geht weit über den liturgischen Aspekt hinaus. Generalvikar Kollig spricht von der »integrativen Kraft der Kirche« als Teil eines großen Ganzen. »Wir wollen Beziehungen stiften und stärken. « Es gehe darum, mit dem Land zu kooperieren. »Wir wollen sehen, wo wir das Land lebbarer machen, aus kirchlicher Sicht unterstützen und uns Engagement vor Ort vorstellen können.« Er betont: »Wir wollen geben, was wir können – ohne ein zu großes Risiko einzugehen oder über den Tisch gezogen zu werden.«

Mit dem Löcknitzer Bürgermeister laufen derzeit Gespräche, ob die Hortbetreuung von der katholischen Kirche übernommen werden kann. Zudem steht das Erzbistum kurz vor dem Kauf einer Immobilie gegenüber eines Löcknitzer Schulgeländes, um dort eine Begegnungsstätte für kirchliche, ökumenische aber auch gesellschaftliche Aktivitäten zu etablieren. Die Haltestelle für die Schulbusse befindet sich direkt davor. Auch die Kinder und Jugendlichen, die die Schulen eine Straße weiter besuchen, steigen hier ein und aus. »Das ist eine riesige Chance für uns«, sagt Markus Weber, der die Stabstelle »Wo Glauben Raum gewinnt« leitet. Seine Kollegin Uta Raabe meint: »Wir müssen diese Chance ergreifen, in den ein bis drei Stunden, in denen die Jugendlichen auf den Schulbus warten. Wir sind dann die Haltestelle.« Das fände sie gut.

Alexander Liebisch von der Caritas-Pasewalk sieht in der Region dringenden Nachholbedarf in Sachen Jugendarbeit. »Auch wir haben viel mit polnischen Zuzüglern zu tun. Für sie und ihre Probleme da zu sein, ist ein guter Weg, integrativ zu wirken.« Deshalb sei es wichtig, in der künftigen Begegnungsstätte auch als Caritas mit einem Beratungsangebot präsent zu sein und Jugendarbeit zu leisten. »So etwas wie Jugendkultur oder einen Jugendclub gibt es hier nicht«, betont Alexander Liebisch. Sein Kollege Peter Botzian, der den Caritas-Jugendmigrationsdienst leitet, würde sich mit seinem Team in der neuen Immobilie dieser Aufgabe annehmen und einen Jugendclub aufbauen. Er mahnt: »Die NPD sammelt teilweise die Jugendlichen mit dem Bus ein, um sie zu ihren Jugendtreffpunkten zu fahren. Da sind wir in der Verantwortung, etwas dagegenzusetzen.«

Ein neues Zuhause soll in der Immobilie auch die Projektstelle »Glauben ohne Grenzen« bekommen. Ihre Leiterin Klaudia Wildner-Schipek sitzt derzeit noch in angemieteten Büros im Bürgerhaus. Seit einem Jahr erarbeitet sie pastorale Angebote, um die Integration in den Gemeinden voranzutreiben und den polnischen Familien zu helfen, auch in ihrem Glauben auf deutscher Seite Heimat zu finden. Ob gemeinsames Osterkörbebasteln, Kirchencafé, Kleinkindergruppe oder deutsch-polnische-ökumenische religiöse Kinderwoche – jede einzelne Aktion bringt die Menschen ein Stück näher. Neben ihrer pastoralen Arbeit engagiert sie sich, Kirche sichtbar zu machen, sowohl auf öffentlichen Veranstaltungen als auch in Arbeitsgruppen und Gremien jenseits von Kirche. Die Kita Randow-Spatzen hat bereits zum dritten Mal für Projekttage bei Klaudia Wildner-Schipek angefragt. »Dieses Mal sind es 60 Anmeldungen, die wir dafür haben«, erzählt sie. »Das sind doppelt so viel wie am Anfang.«

Neben Pastoral und Sozialarbeit, soll auch die Liturgie selbst in die neue Immobilie ziehen. Der große Saal bietet sich als Gottesdienstort an, während zusätzlich geplant ist, eine kleine Kapelle einzurichten. »Dort hat man die Möglichkeit, sich für ein stilles Gebet zurückzuziehen«, erläutert Generalvikar Manfred Kollig. Für ihn ist Löcknitz ein »Lernraum«. »Hier gucken wir, wie es funktionieren kann, als Kirche zu integrieren.« Dass das keine leichte Aufgabe ist, machen die Berichte der Pfarrer der umliegenden Regionen deutlich. Dort läuft das deutsch-polnische Miteinander noch etwas schleppend.

»Ein Selbstläufer ist das alles nicht«, fasst der Leiter der Kategorialen Seelsorge, Hermann Fränkert-Fechter, die Ergebnisse der Konferenz zusammen. »Die Situationen vor Ort sind doch sehr unterschiedlich. Wir müssen am Ball bleiben.«