„Zeitlebens unter jeder Wahrnehmungsschwelle?"

Ein Werkstattbericht für das Erzbistum Berlin

„Den Titel ‚zeitlebens unter jeder Wahrnehmungsschwelle‘ haben wir uns nicht ausgedacht“, betonte Christian Berkenkopf, als er am 8. Oktober 2018 den Studientag zur Hochschulpastoral eröffnete. „Im Gegenteil: Es sind die Worte, die ein zunächst angefragter Referent, ein prominenter Buchautor, für seine Absage gewählt hat. Aber so hart dieses Urteil auch klingt, so herausfordernd ist es auch, denn es zeigt uns: Wir müssen als Hochschulseelsorger/-innen wahrnehmbar sein.“ 

Diesem Ziel diente der Studientag zur Hochschulpastoral, und er ist nicht einfach aus einer Laune heraus geplant worden: Es lag eine Zeit der Vorbereitung zugrunde, die einige Jahre zurückreicht. Bereits im Oktober 2014 bekam Juliane Link im Rahmen einer Projektstelle den Auftrag, ein Konzept für Hochschulpastoral für das Erzbistum Berlin zu entwickeln. Juliane Link, die zuvor schon Referentin für die Katholische Studentengemeinde Edith Stein in Berlin war, kennt das Thema Hochschulpastoral aus ihrem Berufsalltag gut; allerdings stehen in den KSGn besonders die Studierenden im Mittelpunkt. „Seelsorge für Studierende ist eine Kernaufgabe von Hochschulpastoral, aber sie ist nicht alles“, betont Juliane Link. „Hochschulpastoral umfasst auch Angebote für andere Zielgruppen, sie soll sich den Menschen zuwenden, die an den Hochschulen tätig sind. Außer Studierende gilt es auch Forschende und Lehrende anzusprechen. Das Spektrum reicht vom 24-jährigen Sozialwissenschaftler, der gerade seine Promotion beginnt, bis zur arrivierten Professorin und zum Hochschulpräsidenten.“ Hinzu kommen die doch sehr unterschiedlichen Standorte der Hochschulen im Erzbistum Berlin: Berlin City, Potsdam, Greifswald und Frankfurt (Oder). „Hochschulpastoral funktioniert nicht überall gleich. Sie muss auf die Gegebenheiten vor Ort eingehen. In der Hauptstadt gibt es 188.000 Studierende und 39 Hochschulen, das macht die Hochschullandschaft unübersichtlich, aber auch vielfältig und spannend. An jedem der vier Standorte gibt es eine Studentengemeinde als Begegnungsort für katholische Hochschulangehörige. Und das ist gut so! Bei den Studierenden machen wir gute Erfahrungen mit der offenen ‚Komm-Struktur‘ der Studentengemeinden. Das sind lebendige Orte, an denen Studierende zusammenkommen, miteinander Gottesdienst feiern, gemeinsam essen, sich austauschen, über aktuelle Themen diskutieren... Forschende und Lehrende kommen dagegen nur dann in die KSG, wenn wir sie anfragen, für uns einen Vortrag zu halten.“

Soweit der praktische Aspekt. Um jedoch das Konzept für die Hochschulpastoral voranzubringen, machte sich Juliane Link auf die Suche nach wissenschaftlicher Literatur zum Thema Hochschulpastoral und stand schnell vor einem großen Fragezeichen. Denn wer das Stichwort „Hochschulpastoral“ in wissenschaftliche Suchmaschinen eingibt, wird bald einsehen: Neue Literatur ist rar; und was es Neues gibt, beleuchtet lediglich einzelne Aspekte. Ein aktueller, großer Entwurf ist nicht zu finden, und die Grundlagenliteratur beleuchtet die Unterschiede von Studierendengemeinden und der 1968er-Bewegung, befasst sich also mit den Großeltern heutiger Studentinnen und Studenten.

Mit einem Kommissionspapier der Deutschen Bischofskonferenz aus dem Jahr 2013 gibt es eine kirchliche Positionierung, die zahlreiche Handlungsfelder benennt und auch den Blick auf eine zukünftige Gestaltung von Hochschulpastoral wirft. Trotzdem bleibt die Hochschulpastoral in offiziellen Verlautbarungen häufig unsichtbar, etwa in der aktuellen Statistik (Katholische Kirche in Deutschland. Zahlen und Fakten 2017/18). Hier wird die Hochschulpastoral nicht erwähnt, weder unter den Formen der „Spezialseelsorge“ noch im Zusammenhang mit den Stipendienprogrammen KAAD und Cusanuswerk, für die Bewerber/-innen doch ein hochschulpastorales Gutachten vorlegen müssen. – Sind die Aufgaben der Hochschulpastoral einfach nicht bekannt? Oder sind die Zahlen zu gering? Woran liegt es, dass hier die Hochschulpastoral offensichtlich unterhalb der Wahrnehmungsschwelle bleibt?

Um auf diese Fragen Antworten zu finden, führte Juliane Link Experteninterviews mit katholischen Professor/-innen aus dem Erzbistum durch. „Es ging nicht um eine repräsentative Umfrage, sondern um intensive Gespräche mit Einzelnen, aber es war mir wichtig, nicht nur Theolog/-innen zu befragen, sondern auch Forschende und Lehrende anderer Fachrichtungen. Tatsächlich hatte die Forscherin an der Charité einen ganz anderen Blick auf das Thema als der Biologe oder die Philosophin.“ Juliane Link befragte die Professor/-innen aber nicht als Expert/-innen für ihr jeweiliges Fachgebiet, sondern als Personen, die ein bestimmtes Erfahrungswissen haben: „Sie wissen, was es heißt, an einer Hochschule zu forschen und zu lehren; wie der Arbeitsalltag aussieht; wie Karrieren an der Uni verlaufen; wie hoch der Leistungsdruck ist; vor welchen Herausforderungen sie und ihre Kolleg/-innen stehen. Das hat mich interessiert. Dass jemand dazu Fragen stellt, war für die Professor/-innen ungewohnt, aber es hat sich gelohnt!“ meint Juliane Link, denn aus den Interviews konnte sie Handlungsempfehlungen für die Zukunft der Hochschulpastoral entwickeln, die sich stark an der Lebenswirklichkeit von Forschenden und Lehrenden orientieren.

Das Experteninterview ist eine qualitative Erhebungsmethode aus den Sozialwissenschaften, bei der Expert/-innen anhand eines knappen Leitfadens zu einem bestimmten Problem befragt werden. Juliane Link traf nicht nur Professor/-innen zum persönlichen Gespräch, sie telefonierte auch mit Kolleg/-innen aus anderen Bistümern, um herauszufinden, welche Ideen Hochschulseelsorger/-innen an anderen Orten in Deutschland haben und welche Erfahrungen sie in der Praxis machen. „Wir haben alle ähnliche Fragen und Schwierigkeiten. Deutschlandweit treibt uns die Frage um, wie die Kirche an den Hochschulen präsenter werden kann und wie wir mehr Hochschulangehörige für die christliche Spiritualität begeistern können. Aber es gibt verschiedene Möglichkeiten mit diesen Herausforderungen umzugehen, deshalb war mir der Blick über den Tellerrand wichtig.“ Bei ihrer Recherche kam Frau Link auch mit Peter Bernards in Kontakt, der als Hochschulreferent im Erzbistum Köln eine Befragung Studierender durchführen ließ.

Die Idee, beide Studien miteinander ins Gespräch zu bringen, entstand bei der jährlichen Konferenz für Hochschulpastoral im Erzbistum Berlin. Denn die Arbeit von Juliane Link sollte nicht nur einem theoretischen Erkenntnisgewinn dienen! Sie brauchte einen praktischen Resonanzraum und den Austausch mit Forschenden, Lehrenden, Studierenden sowie mit Kolleginnen und Kollegen, um fruchtbar zu werden. „Die Arbeiten von Juliane Link und Peter Bernards sind der beste Beweis dafür, dass Hochschulpastoral nicht einfach unterhalb der Wahrnehmungsschwelle sein will. Gerade dass wir uns an verschiedenen Orten Gedanken darüber machen, was die Menschen an den Hochschulen von uns erwarten, zeigt mir, wie dynamisch und vital unser Seelsorgebereich ist“, meint Christian Berkenkopf.

Rund 25 Teilnehmende besuchten den Studientag am 8. Oktober 2018 in der Katholischen Akademie in Berlin, darunter die Hochschulseelsorger/-innen des Erzbistums Berlin sowie katholische Forschende und Lehrende aus Berliner Universitäten. Neben Juliane Link und Peter Bernards war ein weiterer Vortragender Dr. Daniel Deckers, der den Studientag und seine Fragestellung („Wie ist Kirche an den Hochschulen präsent?“) aus journalistischer Sicht und kirchenfreundlich bewertete.

Juliane Link kam durch ihre Befragung von Universitätsangehörigen zu dem Schluss, dass reine Vortragsabende für Forschende und Lehrende nicht attraktiv sind, weil sie in ihrem Alltag mehr als genug davon haben. Die Befragten wünschen sich außerdem, dass kirchliche Beratungsangebote an den Hochschulen ausgebaut werden bzw. dass kirchliche Mitarbeiter/-innen Formate entwickeln, in denen die Kirche als Gastgeberin und Zuhörerin agiert und ihre Themen nicht in den Vordergrund stellt.

Peter Bernards fragte nahezu vorsichtig im Anschluss an seine umfangreiche Befragung, ob sich fluide kirchliche Präsenzformen wie Fresh-X (Fresh-Expression-Church) zukünftig nicht noch stärker durchsetzen werden. Dass dennoch neben dem Studium häufig wenig Zeit für Fragen nach Glaube und Sinn sei bzw. dass Antworten auf diese Fragen nicht bei der Kirche gesucht würden, stellt Peter Bernards als Problem dar und sieht in seiner Studie Anhaltspunkte für eine Erklärung: Kirche leiste keinen Beitrag zur individuellen Lebensgestaltung bzw. verstehe die relevanten Themen oft gar nicht, so eine gängige Antwort der Befragten. Dazu komme das negative Image der amtlich verfassten Kirche (hier besonders: der Umgang mit sexualisierter Gewalt), das vielfach auch auf die KHGn/KSGn übertragen werde. Diese Themen wirkten bei den Befragten deutlich stärker als das, was seitens der Hochschulpastoral positiv und lebensbegleitend geleistet werde. Bernards folgert, dass erfolgreiche kirchliche Angebote echte Bedürfnisse aufgreifen müssten, z.B. Wohnungsnot in Universitätsstädten. Essenziell für die Hochschulpastoral sei jedenfalls der eigentliche Markenkern: die Menschen an den Hochschulen! An ihnen richteten sich kirchliche Angebote aus. So erübrige sich dann auch die Frage, warum nicht alle ehemaligen Ministrant/-innen später in der Hochschulgemeinde zu finden seien. Immerhin: Laut Bernards werden kirchliche Angebote von rund 20 Prozent der Studierenden wahrgenommen, und bis zu 5 Prozent fänden dann auch tatsächlich irgendwann einmal zur KSG/KHG
Dass es ein homogenes studentisches Milieu gebe, bezweifelt Daniel Deckers. Insofern müsse sich auch Hochschulpastoral immer als Konstruktion begreifen, weil die inhaltlichen, theologischen, und spirituellen Bedürfnisse von Studierenden, Forschenden und Lehrenden tatsächlich sehr weit gestreut seien. Wie und ob eine Studentengemeinde dies unter einen Hut bringe, hänge letztlich an der konkreten Arbeit der Hochschulseelsorger/-innen, indirekt auch am Personalschlüssel. Chancen für die Hochschulpastoral sieht Deckers in Anlehnung an Bernards vor allem dann, wenn es möglich ist, Schnittpunkte zu finden zwischen kirchlichem Selbstverständnis und den „Basisbedürfnissen“: Dies könne sich in Gastfreundschaft und Begegnung äußern, in Wohnheimen, einer „Uni-Caritas“, in spiritueller Begleitung. Letztlich gehe es darum, Räume zu finden und zu öffnen, wo noch keine seien.

Ergebnisse, die uns sehr freuen und die uns als Hochschulseelsorger/-innen auch noch einige Zeit beschäftigen werden. Wie es weitergehen wird? Christian Berkenkopf fasst es zusammen: „Wir können aus eigener Kraft keine wissenschaftliche Forschung weitertreiben. Und die Interviews waren nur möglich, weil Stellenressourcen genutzt werden konnten, die aktuell nicht mehr zur Verfügung stehen. Dennoch ist es für mich ein Ansatz, es nicht bei einer ‚Eintagsfliege‘ zu belassen. Wir müssen die Impulse des ersten Studientags in regelmäßigen Abständen weiterdenken und uns einzelne Aspekte genauer ansehen. Impulse dazu haben wir heute reichlich bekommen!“ 

 

Juliane Link und Christian Berkenkopf