Zur Studie "Kirche im Umbruch - Pojektion 2060"

Interview mit David Gutmann

„Prognosen sind schwierig, besonders, wenn sie die Zukunft betreffen“, so ein Bonmot, das offenbar keinem Urheber eindeutig zuzuordnen ist. Aber Prognosen sind ein unverzichtbares Instrument, wenn man auch künftigen Generationen Handlungsspielräume eröffnen möchte. Sie helfen auch, Handlungsoptionen für die Gegenwart zu identifizieren, auch wenn sie erst künftig wirksam werden.

Aus diesem Grund hat zunächst die Deutsche Bischofskonferenz für die 27 römisch-katholischen (Erz-)Diözesen beim Forschungszentrum Generationenverträge (FZG) der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg eine koordinierte Mitglieder- und Kirchensteuervorausberechnung in Auftrag gegeben. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat sich dem Forschungsprojekt mit ihren 20 Landeskirchen angeschlossen. Ermittelt wurde, wie sich Kirchenmitgliedschaftszahlen und Kirchensteueraufkommen langfristig – bis zum Jahr 2060 – entwickeln werden.

Die Ergebnisse liegen nun vor – für ganz Deutschland aber eben auch für das Erzbistum Berlin. Bernd Jünemann, Bereichsleiter Finanzen im Erzbischöflichen Ordinariat Berlin, hat die Studie als Mitglied einer Steuerungsgruppe begleitet. Er stellt die Berliner Ergebnisse am 7. Mai 2019 im Erzbistum Berlin vor.
Für die katholische Kirche hat David Gutmann das Forschungsprojekt im Rahmen einer Promotion bei Prof. Dr. Bernd Raffelhüschen, dem Direktor des Forschungszentrums Generationenverträge geleitet.

Herr Gutmann, Wie sicher ist eine solche Vorausberechnung bis über die Mitte des Jahrhunderts hinaus?

Rechnen können wir nur mit den Zahlen, die wir haben und mit den Annahmen, die wir heute für plausibel halten. Was wir dann gemacht haben, ist, die heutigen Verhältnisse in die Zukunft zu spiegeln. Das Geburtenverhalten und die Sterbewahrscheinlichkeit sind relativ einfach zu berechnen. Schwieriger wird es bei Migration – zumal der konfessionellen – sowie den kirchenspezifischen Einflüssen. In unsere Vorausberechnungen fließen staatliche und kirchliche Statistiken aus den letzten Jahren ein. Wir sind davon ausgegangen, dass das Tauf-, Austritts- und Aufnahmeverhalten von Kirchenmitgliedern in den letzten Jahren auch für die Zukunft repräsentativ ist. Wenn sich dieses allerdings langfristig verändert, werden auch die jetzt berechneten Ergebnisse anders ausfallen.

Was ist aus Ihrer Sicht die eindrücklichste Erkenntnis dieser Studie?

Unsere Ergebnisse bestätigen zunächst einmal das, was von vielen so erwartet wurde: Deutschlandweit wird sich die Mitgliederzahl der beiden Kirchen bis zum Jahr 2060 in etwa halbieren. Die wirklich neue Erkenntnis liegt bei den Gründen dafür, die nur zu weniger als der Hälfte auf den demografischen Wandel zurückzuführen sind – also dem Überhang von Sterbefällen über die Ge¬burten sowie dem Wanderungssaldo. Das Tauf-, Austritts- und Aufnahmeverhalten ist für den größeren Anteil des Mitgliederrückgangs verantwortlich. Für das Erzbistum Berlin rechnen wir mit einem Rückgang „nur“ um gut ein Drittel. Das ist aber nicht das Verdienst des Erzbistums, das liegt vielmehr an der „erwerbsintensiven Mitgliederstruktur“, also viel junge und relativ wenig alte Katholiken und vor allem an dem hohen Wanderungsüberschuss, der vor allem der Binnenwanderung innerhalb von Deutschland geschuldet ist: Wenn aus „katholischen Gegenden“ Menschen ins Erzbistum Berlin zuziehen, sind anteilig mehr Katholiken dabei, als wenn Menschen aus Berlin wegziehen. Problematisch sind für Berlin, dass nur knapp 40 Prozent der von katholischen Müttern geborenen Kinder getauft werden und die im bundesweiten Vergleich hohen Austrittszahlen.

Und was sollen wir jetzt mit diesen Erkenntnissen anfangen?

Grundsätzlich war es richtig, mit dieser Studie die langfristige Entwicklung in den Blick zu nehmen, um nicht wie das Kaninchen vor der Schlange abzuwarten, sondern Grundlagen zu haben und Ansatzpunkte zu finden, um den Stier bei den Hörnern zu packen. Für das Erzbistum Berlin sehe ich ein großes Potential, die Entwicklung zu beeinflussen, aber auch gleichzeitig viele Faktoren, die besonders schwer einzuschätzen sind, was beispielsweise künftige Wanderungen und Austritte anbelangt.

Zum Beispiel?

Eine Chance und Herausforderung ist sicherlich das Taufverhalten zu beeinflussen. Da könnte man ansetzen und zwar bei den Eltern Neugeborener in gleicher Weise wie bei Erwachsenen. Die evangelische Kirche hat zum Beispiel noch einen signifikanten Anstieg der Taufen im Konfirmations-Alter, also bei Jugendlichen im Alter zwischen 14 und 16 Jahren. Als katholische Kirche haben wir zwar im Alter der Erstkommunion um das 9. Lebensjahr einen leichten Anstieg, aber im Jugendalter rund um die Firmung keinen vergleichbaren Effekt. In den Jahren nach der Firmung haben wir kaum Kontakt zu den Heranwachsenden, so dass mit dem ersten Gehalt und der ersten Steuererklärung nach vielen Jahren der erste „Kontakt“ mit der Kirche stattfindet. Hier könnte man versuchen den Kontakt aktiv aufzubauen beziehungsweise zu halten und über die kirchlichen Angebote zu informieren und zu werben. Das gilt in gleichem Maße auch für die nach Berlin ziehenden Katholiken. Hier könnte man darüber nachdenken, wie man besser eine einladende Kirche sein kann.

Jetzt wurde die Studie aber nicht von der Pastoral, sondern vom VDD und den Finanzdirektoren beauftragt und begleitet. Da gab es doch vermutlich ein anderes Interesse, das mit der Entwicklung der Mitgliederzahlen eng zusammenhängt, nämlich die Kirchensteuer. Hier gilt ja schon seit Jahren, obwohl die Mitgliederentwicklung rückläufig ist, sind die Kirchensteuer-Einnahmen in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen. Woran liegt das?

Die aktuelle Situation kann im Moment tatsächlich zu Fehleinschätzungen verleiten, weil die Einnahmen nicht nur nominell, also vom Geldbetrag her gestiegen sind, sondern auch wenn man den Wertverlust durch Preissteigerungen berücksichtigt, sind die finanziellen Möglichkeiten heute größer als noch vor zehn Jahren. Zum einen profitiert die Kirche von der aktuell außerordentlich guten wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland. Zum anderen – und das ist für die meisten eine neue Erkenntnis – befinden sich die geburtenstarken Jahrgänge, also die Geburtsjahrgänge zwischen 1955 und 1965 derzeit lebensbiografisch in der Phase der höchsten Einkommensteuerzahlungen – und damit auch der höchsten Kirchensteuerzahlungen. Beide Faktoren zusammen erklären die steigenden Einnahmen in den vergangenen Jahren.

Das kann aber nicht ewig so weitergehen, oder?

Über das Fortbestehen und die Dauer des aktuell erlebten überdurchschnittlichen Wirtschaftswachstums in Deutschland treffen wir keine Aussagen, weil wir die langfristige Entwicklung berechnen. Bei einem Prognosehorizont von über 40 Jahren macht es keinen Sinn kurzfristige Schwankungen mit abzubilden. Was wir allerdings sehr sicher vorausberechnen können ist, dass die geburtenstarken Jahrgänge Mitte der 2020er Jahre in den Ruhestand eintreten und 2035 alle verrentet sein werden. Das hat Auswirkungen auf das Kirchensteueraufkommen. Im schlechtesten Fall kann dies dann mit einer möglichen konjunkturellen Tiefphase zusammenfallen. Die Kirchen mit ihren hohen Fixkosten für Personal und Gebäudeunterhaltung sind gut beraten sich frühzeitig darauf einzustellen und vorzubereiten. Für das Erzbistum Berlin stellt sich das Problem nicht ganz so ausgeprägt dar. Aufgrund der bereits erwähnten jungen, „erwerbsintensiven Bevölkerung“ ist hier die Abhängigkeit von den geburtenstarken Jahrgängen nicht so ausgeprägt wie im bundesweiten Vergleich. Weil die Mitgliederentwicklung des Erzbistums – wie gesagt – stark von den Wanderungsbewegungen profitiert, spielt eine große und schwer einzuschätzende Rolle auch hier die wirtschaftliche Entwicklung in der Region. Umso wichtiger ist es, Maßnahmen gegen die hohe Zahl an Austritten in die Wege zu leiten. Insbesondere auch weil Katholiken teilweise wieder in ihre Heimatdiözesen zurückkehren.

Kommen wir noch einmal zu Ihrer Kernthese zurück: Sie sagen, weniger als die Hälfte wird der Rückgang – an Mitgliedern wie an Mitteln – durch die Demografie bewirkt.

Ja, genau für die bundesweite Entwicklung ist dies so. Aufgrund der besonderen Mitgliederstruktur im Erzbistum Berlin ist der Rückgang hier ausschließlich auf die kirchenspezifischen Einflüsse, also unterbliebene Taufen und den Überhang der Austritte über die Eintritte zurückzuführen. Im Moment fällt es uns beim Kirchensteueraufkommen nicht auf, wenn Kinder von katholischen Müttern nicht getauft werden. Und es werden definitiv zu wenige Kinder getauft, um einen Rückgang ausgleichen zu können, in Berlin viel zu wenige. Und von denen, die jetzt steuerpflichtig werden, sind besonders viele aus der Kirche ausgetreten, beziehungsweise werden aus der Kirche austreten, jedenfalls wenn sich die gegenwärtigen Trends so fortsetzen. Was wir sehen: Es sind vor allem junge Menschen zwischen 20 und 35 Jahren, die sich zum Kirchenaustritt entscheiden.

Was bedeutet das für die finanzielle Zukunft der Kirche?

Unabhängig von der konjunkturellen Entwicklung wird die Kirche langfristig ihre Ausgaben anpassen müssen. Denn steigende Arbeitseinkommen der Kirchenmitglieder führen zwar auf der einen Seite zu höheren Kirchensteuereinnahmen, gleichzeitig aber auch zu höheren Personalausgaben, die den größten Anteil der kirchlichen Haushalte ausmachen. Durch die sinkende Zahl an Kirchensteuerzahlern werden die Einnahmen nicht im gleichen Maße wachsen wie die Ausgaben. Das reduziert die finanzielle Leistungsfähigkeit der Kirche, also das was sich die Kirche von ihren zukünftigen Kirchensteuereinnahmen leisten kann. Diese grundsätzliche Entwicklung wird durch die 2005 vom Gesetzgeber sukzessive eingeführte nachgelagerte Besteuerung von Alterseinkünften zwar etwas abgemildert, aber nicht aufgehalten.

Sie haben eine Projektion bis ins Jahr 2060 erstellt. Wenn ich sehr optimistisch bin, kann ich das noch erleben, trotzdem: Ist es sinnvoll so weit in die Zukunft zu blicken?

Gerade der katholischen Kirche wird ja immer nachgesagt, dass sie in langen Zyklen denkt und sich verändert. Ich habe an dieser Studie nicht nur aus wissenschaftlicher Neugier mitgearbeitet, sondern auch – ganz persönlich gesprochen – für meine Kinder. Bei den „Fridays for Future“ gehen die Schülerinnen und Schüler auf die Straße und fragen uns, ob wir nicht zu gelassen auf den Klimawandel reagieren. Denn sie wollen doch auch noch gut auf dieser Erde leben können. Ich hoffe, dass die Studie hilfreich ist „for future“, also in dem Sinn, dass auch unsere Kinder und Enkelkinder Gemeinde erleben und den Glauben feiern können. Dafür müssen wir, muss Kirche, jetzt die Voraussetzungen schaffen. Wir müssen aber nicht panisch werden, denn unsere Analyse macht deutlich, dass die Kirche in den kommenden zwei Jahrzehnten zunächst weiterhin über beachtliche Ressourcen verfügt, also wirklich gestalten kann.
Mir macht die Studie Mut nach Zusammenhängen zu suchen, auf die Einfluss genommen werden kann. Das ist auch eine Frage der Generationengerechtigkeit.

Das Interview führte Stefan Förner.