Anna Lena Salomon ist Referentin für Bibelpastoral im Erzbistum Berlin und ihre Lieblingsmethode, sich der heiligen Schrift zu nähern, ist der Bibliolog. Aber sie hat noch viele andere Angebote im Gepäck, wenn sie beispielsweise zu Bibelabenden in die Pfarreien eingeladen wird.
Unterwegs auf dem Nonnenpfad in Heiligengrabe suchen sieben Frauen im lichtdurchfluteten Wald nach einem guten Ort für den nächsten Impuls. Auf den gemeinsamen Exerzitien geht es um das Buch Ruth, das sie auf verschiedene Weise unter die Lupe nehmen möchten. Es ist still, nur die Vögel zwitschern, hier und da gibt es auf dem Naturlehrpfad einige Hinweise zum Leben im Wald und dem Schutz der Natur. An einem Rastplatz machen es sich alle im Kreis bequem und warten gespannt auf den angekündigten Bibliolog mit Anna Lena Salomon, der Referentin für Bibelpastoral, die eine kleine Taschenbibel aus dem Rucksack holt.
Dann startet die Reise in die Zeit, in der Noomi und Elimelech vermutlich gelebt haben, alle versetzen sich in die Umstände der Wanderung von Bethlehem nach Moab, dem Leben dort, dem Verlust von Ehemann und Söhnen und sie stehen vor der Entscheidung, zurück nach Bethlehem zu gehen. Der Bibliolog beginnt mit der Frage, wie sich die Nachbarin Deborah wohl gefühlt haben mag, als sie gehört hat, dass ihre gute Freundin Ruth nun zurück in ihre Heimat möchte. Deborah? Die kommt im Buch Ruth gar nicht vor – umso interessanter, sich um Figuren Gedanken zu machen, die es ganz bestimmt auch im Leben von den Frauen gegeben hat, die aber in der Bibel nicht erwähnt werden.
So können sich die Pilgerinnen der Geschichte ganz direkt nähern, indem sie versuchen, die Stimmungen, Gedanken und Gefühle nachzuempfinden, die die einzelnen Personen bewegt haben. Es entspinnt sich ein Dialog unter den Teilnehmerinnen und es wird auch mal gelacht, denn es gibt kein Richtig oder Falsch bei diesem Gedankenaustausch. Und jede Frau packt ihre eigene Lebenserfahrung mit in die Geschichte, teilt sie mit anderen, wenn sie möchte.
Anna Lena Salomon ist zertifizierte Bibliologin und sie verrät, warum sie diese Methode so gern anwendet: „Man versetzt sich hinein in die Geschichte, in die Personen und versucht dann aus der jeweiligen Perspektive zu antworten, da geht es vor allem auch um Gefühle. So versuchen sich alle gemeinsam die Bibelstelle zu erschließen. Das wirklich Schöne daran ist, dass jede und jeder dabei mitmachen kann. Es setzt keine speziellen Kenntnisse oder Fertigkeiten voraus. Man kann die Bibel miterleben und den biblischen Figuren eine Stimme geben. Das ist übrigens auch super geeignet für Kinder- oder Jugendgruppen.“
Die 34-Jährige ist seit gut anderthalb Jahren im Erzbistum Berlin für die Bibelpastoral zuständig. Nach ihrem Theologie-Studium hat sie drei Jahre in Ost-Afrika gelebt, genauer gesagt in Tansania und Kenia, und in der Ausbildung von Katechetinnen und Katecheten gearbeitet. Aber schon in ihrem Auslandssemester in Irland während ihres Studiums hatte sie die Liebe zur Bibel entdeckt und dann während ihrer Zeit als geistliche Verbandsleitung bei einem Jugendverband einen Grundkurs im „Bibliolog“ absolviert. Diese Methode stößt auch auf Interesse in den Pfarreien, das freut sie besonders. In Neukölln beispielsweise hatte sie zwei Schnuppertage dazu angeboten und sieben Personen haben nun eine Ausbildung zum Bibliologen abgeschlossen, um diese Methode in der Bibelarbeit in der eigenen Pfarrei anwenden zu können.
Anna Lena Salomon möchte gern noch viel mehr in den Pfarreien unterwegs sein, Bibelabende anbieten, Menschen miteinander vernetzen, die im Bistum in Sachen Bibelpastoral unterwegs sind. Sie wünscht sich, dass es in jeder Pfarrei bibelpastorale Angebote gibt und fragt nach den Herausforderungen vor Ort. Gern unterstützt sie auch, das neu aufzubauen oder wiederzubeleben.Darüber hinaus wirkt sie bei der Aus- und Fortbildung im Bereich der liturgischen Dienste mit – insbesondere in Modulen mit biblischem Schwerpunkt, sie ist Diözesanleiterin beim Katholischen Bibelwerk, organisiert Kooperationsveranstaltungen mit Kolleginnen und Kollegen aus dem Bereich Pastoral und plant zurzeit ein Bibelpastorales Praxisprojekt zusammen mit der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB). Mit drei Pilotpfarreien sollen der Iststand bibelpastoraler Arbeit vor Ort erhoben sowie neue Formate entwickelt und erprobt werden. Ziel des Projektes ist es, eine Plattform für Bibelpastoral für das Erzbistum Berlin schaffen – zum einen mit verschiedenen Methoden und Formaten, aber auch mit Personen, die ansprechbar auf diesem Gebiet sind.
Die Theologin möchte mit ihren Angeboten zeigen, dass die Bibel auch heute noch relevant ist: „Alle können die Bibel lesen und verstehen und mein Wunsch wäre es, dass die Bibel wieder mehr ins Zentrum unseres Glaubens rückt und dass jede Pfarrei bibelpastorale Angebote hat. Sie ist einer der Grundpfeiler unseres Glaubens, aber dafür hat sie leider oft wenig Relevanz im Alltag heutzutage. Ich glaube, dass es durchaus biblische Texte gibt, mit denen auch nichtgläubige Menschen etwas anfangen können, gerade auch mit den philosophischen Büchern des Alten Testaments, die anknüpfungsfähig sind. Die Bibel spielt meiner Meinung nach eine viel geringere Rolle in unserem Leben als sie spielen könnte.“
Im Leben der sieben pilgernden Frauen in Heiligengrabe hat die Bibel vielleicht wieder ein Stück an Relevanz gewonnen und die Methode des Bibliologs, die für fast alle eine neue Erfahrung war, ist sehr gut angenommen worden. Die geteilten Gedanken gaben Anlass zu Gesprächen auf dem weiteren Weg zu den nächsten Impulsen über Liebe, Vertrauen und großen Mut.