Pressemeldung

"Ich bin tief traurig"Bedeutung und Konsequenzen der MHG-Studie für das Erzbistum Berlin

25. September 2018 Stefan Förner
Pressesprecher

MHG-Studie „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ – Bedeutung und Konsequenzen der Studie für das Erzbistum Berlin

Liebe Mitbrüder im priesterlichen und diakonalen Dienst,
liebe Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter,
liebe Schwestern und Brüder,
sehr geehrte Damen und Herren,

heute wird in Fulda bei der Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz die von den deutschen Bischöfen in Auftrag gegebene „MHG-Studie“ vorgestellt und beraten. Schon die bereits bekannt gewordenen Zahlen und Informationen über das Ausmaß von „sexuellem Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige“ erschüttern mich tief und bewegen mich sehr.

Ich bin tief traurig, dass ich geschehenes und gesehenes Leid nicht ungeschehen machen und Wunden nicht heilen kann. Hilflos stehe ich dem gegenüber, dass Menschen an ihrer Kirche verzweifeln. Ich empfinde Scham, dass Taten verschleiert und Täter nicht angemessen zur Rechenschaft gezogen wurden, dass das Ansehen der Kirche über den Schutz der Opfer gestellt wurde. Dafür bitte ich die Betroffenen um Entschuldigung und spreche denen meinen Respekt aus, die über das erlittene Unrecht sprechen.

Heute wende ich mich – zeitgleich mit der Vorstellung in Fulda – an Sie alle, weil die Studie uns alle angeht und auch Auswirkungen auf das Erzbistum Berlin hat. Sie wurde von den deutschen (Erz-)Bischöfen 2014 in Auftrag gegeben, um eine verantwortungsvolle und professionelle Aufarbeitung des Missbrauchs transparent voranzubringen. Sie verfolgt einen interdisziplinären Forschungsansatz in insgesamt sieben Teilprojekten. Weitere Erläuterungen zur Studie finden Sie am Ende dieses Schreibens.

Daten für das Erzbistum Berlin

Im Teilprojekt 6 erfolgte eine „Quantitative Analyse von Personalakten“. Dabei wurden in zehn Diözesen, u.a. auch im Erzbistum Berlin, alle Akten von Priestern bis zurück ins Jahr 1946 durchgesehen und die Meldungen an die Forscher weitergegeben. Diese hatten zu keinem Zeitpunkt einen direkten Zugriff auf die Daten.

1.401 Akten wurden durchgesehen: Diözesanpriester, Ordenspriester mit Gestellungsvertrag bzw. (erz-)bischöflichem Auftrag und Diakone. Nach den Kriterien der Studie wurden 51 Personen identifiziert und für die Studie anonymisiert weitergegeben, 28 davon sind verstorben.

Die anderen Fälle wurden gemäß den Richtlinien für Beschuldigte und Opfer sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen und Schutzbefohlenen abschließend bearbeitet.
Darüber hinaus wurden 18 Fälle an die Clearingstelle in Bonn gegeben. Dies betrifft beschuldigte Kleriker, die beispielsweise teilweise im Erzbistum Berlin gearbeitet haben oder in einem anderen Bistum inkardiniert sind oder einer Ordensgemeinschaft angehören.

Verantwortung übernehmen – Strukturen überprüfen

Für das Erzbistum Berlin übernehme ich die Verantwortung, wo vertuscht oder nicht angemessen mit Schuld umgegangen wurde, wo Menschen im „System Kirche“ das Offensichtliche nicht wahrhaben wollten oder systematisch weggeschaut haben. Wir können das Geschehene nicht rückgängig machen und das Leiden der Opfer nicht wegnehmen. Ich sehe mich aber verantwortlich für eine nachhaltige Aufarbeitung. Dies schließt auch ein, unsere Strukturen und Rahmenbedingungen zu überprüfen und infrage zu stellen, inwieweit sie Missbrauch begünstigt oder ermöglicht haben. Die Studie wird uns helfen, uns dieser Verantwortung zu stellen.

Ich übernehme auch die Verantwortung, auf Zusammenhänge zu schauen, die zwischen priesterlicher Lebensform und Lebensgestaltung einerseits und den Fällen von sexuellem Missbrauch besonders an Minderjährigen andererseits bestehen. Zur priesterlichen Berufung gehört in unserer Kirche im Regelfall der Zölibat. Er ist Ausdruck eines freiwillig gewählten Verzichts um Gottes und der Menschen willen. Gleichzeitig werden wir uns fragen, wo in der priesterlichen Lebensform Risiken liegen, wenn sie als Flucht vor der Wirklichkeit oder aus Angst vor Verantwortung und Beziehung oder aus fehlgeleiteter Sucht nach Anerkennung und Status gewählt wird.

Als Erzbischof ist mir die Sorge um die Priester aufgetragen. Es geht mir nicht darum, einen nicht-begründbaren Generalverdacht zurückzuweisen, sondern ihre besondere Lebenssituation ernst zu nehmen. Geistliche berichten mir von einer großen Arbeitsbelastung bei einer gleichzeitigen Einsamkeit. Hohe Erwartungen von der einen und großes Misstrauen von anderer Seite kommen oft zusammen. Der Geistlichen Begleitung und der Beziehungskultur der Kleriker werden wir mehr Raum und Beachtung geben.

Juristische Perspektive

Auch wenn mit der Umsetzung der Leitlinien seit 2002 alle Informationen an die staatliche Strafverfolgungsbehörde weitergeleitet werden, sobald tatsächliche Anhaltspunkte für den Verdacht einer Straftat vorliegen, wollen wir auch aus juristischer Perspektive größere Klarheit bekommen. Daher werden wir eine externe Prüfung unserer Personalakten und eine weitere juristische Aufarbeitung durchführen. Auch hier geht es nicht nur um den einzelnen Fall, sondern darum, weitere Einsichten zu gewinnen, wie auf Vorwürfe reagiert, was geahndet oder was nicht beachtet wurde, um daraus Konsequenzen zu ziehen. Wir werden weiterhin Nachlässigkeiten, Ignoranz und Versagen aufdecken und die dafür Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.

Einen Kulturwandel der Achtsamkeit befördern: Prävention und Fortbildung

96% der im Erzbistum Berlin tätigen Priester haben eine zweitägige Präventionsschulung absolviert, für alle Geistlichen liegen erweiterte polizeiliche Führungszeugnisse vor, wer keines vorweisen kann, darf nicht priesterlich tätig werden. Auch in den Fortbildungen – nicht nur für unsere Kleriker – steht das Thema Prävention kontinuierlich auf dem Programm. Außerdem erarbeiten wir für alle unsere Einrichtungen Schutzkonzepte, seit Jahren arbeitet das Katholische Netzwerk Kinderschutz im Erzbistum Berlin. Einen Überblick gewinnen Sie unter praevention.erzbistumberlin.de.
Wir wollen damit nicht einen Schutz suggerieren, den wir nicht garantieren können. Es geht vielmehr darum, eine Kultur der Achtsamkeit und des Hinsehens zu erreichen.

Heute hören wir, auch wenn wir uns damit schwer tun.
Wir hören auf die Ergebnisse und Handlungsempfehlungen der Studie.
Und wir hören weiterhin auf die, denen Unrecht geschehen und schweres Leid zugefügt wurde.

Wenn Sie von Vorwürfen hören oder selbst betroffen sind oder waren, wenden Sie sich bitte an die

Beauftragte für Verdachtsfälle sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen und erwachsenen Schutzbefohlenen durch Kleriker, Ordensangehörige oder andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im kirchlichen Dienst

Frau Sigrid Richter-Unger
Erzbischöfliches Ordinariat
- persönlich und vertraulich -
Niederwallstraße 8-9
10117 Berlin
030 84107471
0176/30613423
Missbrauchsbeauftragte-erzbistumberlin(ät)gmx.de

Gemeinsam mit allen, die im Erzbistum Berlin Leitungsverantwortung tragen, bin ich auf Ihre Einschätzungen und Empfehlungen angewiesen, die uns weiterhelfen. Beiträge zu einer offenen Diskussionskultur richten Sie bitte an:

Generalvikar Pater Manfred Kollig SSCC
Erzbischöfliches Ordinariat
Niederwallstr. 8-9
10117 Berlin
generalvikar(ät)erzbistumberlin.de

Die Veröffentlichung der Studie ist kein Schlusspunkt, sondern ein Doppelpunkt. Wir werden darüber sprechen in den Gremien und gemeinsam überlegen, was wir tun können.

Abschließend danke ich Ihnen allen, die Sie – jede und jeder an einem anderen Platz – weiterhin zu dieser unserer Kirche stehen, auch Kritik und vielleicht sogar manche Beschimpfung einstecken müssen. Ich danke Ihnen für kritische Rückmeldungen, die ich ernst nehme, aber auch für jedes Zeichen der Solidarität.
Alles, was einer glaubwürdigen Verkündigung des Evangeliums entgegensteht, geht uns an.

Mit der Bitte um den Segen Gottes für uns alle

Heiner Koch

Erzbischof von Berlin

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Zur MHG-Studie


Die MHG-Studie hat ihre Bezeichnung nach den Orten, an denen die beteiligten wissenschaftlichen Einrichtungen ihren Sitz haben, das Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim, das Kriminologische Institut der Universität Heidelberg, das Institut für Gerontologie der Universität Heidelberg und der Lehrstuhl für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug der Universität Gießen.

Die beteiligten Institute und Lehrstühle gewährleisten einen interdisziplinären Forschungsansatz. Es kommen kriminologische, psychologische, soziologische, psychiatrische und forensisch-psychiatrische Kompetenzen zusammen.

Die Studie gründet auf der Nutzung voneinander unabhängiger Datenquellen und auf der Kombination von qualitativen und quantitativen Methoden. Das Forscher-Konsortium verfolgt keinen kriminalistischen oder juristischen, sondern einen retrospektiv-deskriptiven und epidemiologischen Ansatz.

Daraus ergibt sich ein interdisziplinärer Forschungsansatz in insgesamt sieben Teilprojekten mit einem jeweils eigenen unterschiedlichen methodischen Ansatz, Fragestellungen und Stichproben:

  • TP 1: Qualitative Erfassung der Datenlage und Datenhaltungspraktiken hinsichtlich der Fälle sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz
  • TP 2: Qualitative biografische Analyse in Form von Interviews mit Tätern und Betroffenen
  • TP 3: Institutionenvergleich
  • TP 4: Analyse von Präventionsaspekten
  • TP 5: Sekundäranalyse nationaler und internationaler empirischer Befunde
  • TP 6: Quantitative Analyse von Personalakten
  • (TP 7): Anonymisierte Onlinebefragung zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche

Im Teilbereich 6 erfolgte eine „Quantitative Analyse von Personalakten“. Dabei wurden in zehn Diözesen alle Akten von Priestern, die 1946 noch lebten, durchgesehen und die Meldungen an die Forscher weitergegeben. Diese hatten zu keinem Zeitpunkt einen direkten Zugriff auf die Daten. Die Diözesen wurden ausgewählt nach einem wissenschaftlichen Prinzip der Zufälligkeit und Repräsentativität: neben Bamberg, Essen, Freiburg, Hamburg, Magdeburg, München-Freising, Paderborn, Speyer und Trier war auch das Erzbistum Berlin an diesem Längsschnitt beteiligt.

Die Studie wird über www.dbk.de veröffentlicht.