Pressemeldung

Aufarbeitung Missbrauchsfälle im Erzbistum BerlinExterne Prüfung der Akten – Zusammenarbeit mit den Staatsanwaltschaften – Gespräche mit Betroffenen

Wie im September 2018 durch Erzbischof Koch angekündigt, hat das Erzbistum Berlin alle vorhandenen Akten über die Kleriker, bei denen im Rahmen der MHG-Studie im Zeitraum 1946 bis 2014 Verdachtsmomente aufgekommen sind, an externe Berater zur Überprüfung und Aufarbeitung übergeben. Zusätzlich wurden die Akten über vier weitere bekannt gewordene Fälle übergeben, die noch nicht Gegenstand der MHG-Studie waren. Insgesamt handelt es sich um 55 Fälle, davon sind in 33 Fällen die Beschuldigten bereits verstorben. Von den bereits verstorbenen Klerikern ist einer sowohl in Vorpommern als auch in Berlin in verschiedenen Fällen beschuldigt worden.

Die aus den Akten ersichtlichen Vorwürfe sind sehr unterschiedlich. Nicht in allen bekannt gewordenen Verdachtsfällen handelt es sich um Straftaten. In den Tatvorwürfen sind sowohl Grenzüberschreitungen unterhalb der Strafbarkeitsschwelle als auch Fälle von schwerem Missbrauch aufgeführt. Teilweise ist in Bezug auf einen Kleriker ein Verdachtsfall gemeldet worden, teilweise haben sich auch mehrere Opfer in Bezug auf denselben Beschuldigten gemeldet.

In den bisher bekannten 55 Fällen seit 1946 beziehen sich – nach den bisherigen Erkenntnissen – etwa die Hälfte der Vorwürfe auf die Jahre 1946 bis 1970, ein Viertel auf den Zeitraum von 1971 bis 1990 und das weitere Viertel auf den Zeitraum ab dem Jahr 1991.

Land Berlin:

In Berlin leben noch 16 Kleriker, gegen die Vorwürfe erhoben wurden. In Bezug auf diese hat das Erzbistum in zehn Fällen Kenntnis von staatsanwaltlichen Ermittlungsverfahren. In den 21 Fällen bereits verstorbener Beschuldigter aus Berlin haben nach Kenntnis des Erzbistums in neun Fällen zu deren Lebzeiten staatsanwaltliche Ermittlungs- bzw. Strafverfahren stattgefunden.

Land Brandenburg:

Aus dem Teil Brandenburgs, der zum Erzbistum Berlin gehört, sind drei Vorwürfe gegen noch lebende Kleriker aktenkundig, in zwei dieser Fälle wurden nach Lage der Akten staatsanwaltliche Ermittlungen bzw. Vorermittlungen aufgenommen. Für Brandenburg hat das Erzbistum keine Kenntnis von staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen die dortigen zehn bereits verstorbenen Priester zu deren Lebzeiten.

Land Mecklenburg-Vorpommern:

In Vorpommern sind drei Vorwürfe gegen noch lebende Kleriker bekannt, davon wurde nach Kenntnis des Erzbistums in zwei Fällen staatsanwaltlich ermittelt. Gegen die drei bereits verstorbenen Priester aus Vorpommern hat es zu deren Lebzeiten nach Kenntnis des Erzbistums in einem Fall, der zugleich auch das Land Berlin betrifft, ein Strafverfahren gegeben.

 

Bundesland noch lebenddavon ermitteltverstorbendavon ermitteltgesamt
Berlin161021937
Brandenburg3210013
Vorpommern32316
223456

Ein Kleriker wurde in Vorpommern und in Berlin beschuldigt, daher: 55 Fälle        

Übergabe der Akten an die Staatsanwaltschaften

Das Erzbistum hat auf dieser Grundlage die bereits bisher bestehende enge Zusammenarbeit mit den Staatsanwaltschaften fortgeführt. Die maßgeblichen Aktenauszüge hinsichtlich der noch lebenden Geistlichen wurden bereits im Dezember 2018 an die für die jeweiligen Bistumsteile zuständigen Staatsanwaltschaften in Berlin, Brandenburg und Vorpommern übergeben. Die Übergabe der Unterlagen hinsichtlich der bereits verstorbenen Priester und Diakone ist teilweise erfolgt und wird voraussichtlich bis Mitte März 2019 vollständig abgeschlossen sein. Dies gilt für alle Fälle, auch für die, in denen es nach Kenntnis des Erzbistums Berlin bereits staatsanwaltliche Ermittlungen gegeben hat.

Nächste Schritte

In einem zweiten Schritt werden die vom Erzbistum Berlin beauftragten Gutachter, die Rechtsanwälte Prof. Dr. Peter-Andreas Brand und Sabine Wildfeuer von der Anwaltskanzlei Redeker Sellner Dahs, die Vorfälle sowie den Umgang damit innerhalb des Bistums anhand der vorliegenden Akten aufarbeiten. Gegenstand der Begutachtung wird unter anderem sein, Strukturen aufzudecken, die in der Vergangenheit sexuellen Missbrauch innerhalb des Erzbistums ermöglicht oder erleichtert und dessen Aufklärung und Ahndung erschwert haben. Dabei wird zugleich geprüft werden, in welchem Umfang – unabhängig von den Verfahren der staatlichen Justizbehörden – kirchliche Strafverfahren stattgefunden haben oder noch eingeleitet werden müssen. Das dahinter stehende Anliegen hatte Erzbischof Koch im September 2018 formuliert: „Auch hier geht es nicht nur um den einzelnen Fall, sondern darum, weitere Einsichten zu gewinnen, wie auf Vorwürfe reagiert, was geahndet oder was nicht beachtet wurde, um daraus Konsequenzen zu ziehen. Wir werden weiterhin Nachlässigkeiten, Ignoranz und Versagen aufdecken und die dafür Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen.“

Ebenfalls hat Erzbischof Koch wie angekündigt mittlerweile weitere Kontakte zu Opfern sexuellen Missbrauchs aufgenommen und seine Gesprächsbereitschaft zum Ausdruck gebracht, erste Gespräche haben bereits stattgefunden.