Doch dann geschah Ostern! Osterpredigt 2021

Ein Jahr lang wird das Leben unserer Welt im Großen wie im Kleinen nun schon von der Corona-Pandemie geprägt: Ein Jahr lang Angst vor der Ansteckung, Ratlosigkeit über den Umgang mit diesen Viren, Menschen, die schwer erkranken, und Tausende, die an dieser Erkrankung sterben. Politische Auseinandersetzungen und Ratlosigkeit, gesellschaftliche Verwerfungen und wissenschaftliches Forschen, kreative Hilfen und professionelle Sorge um die Kranken, vereinsamte Menschen, Home-Office sowie Kinder und Jugendliche, deren Psyche und Verhalten sich durch die lange Isolation verändern.

Aber mitten in diese belastende Situation hinein brach Hoffnung auf: Dass es doch bald ein Ende dieser Pandemie geben werde. Die Schnell-Tests und die Impfstoffe versprechen einen Weg, die Not zu bewältigen. Doch inzwischen droht diese hoffnungsvolle Zuversicht bei vielen wieder in Resignation umzuschlagen. Die Umsetzung braucht Zeit. Deutlich mehr Zeit als erwartet. Unsicherheit macht sich breit, Zweifel an der Wirksamkeit, Unklarheit über die weiteren Wege, Unsicherheiten ob und was danach kommt. Die Erlösung von dieser so furchtbaren Pandemie scheint trotz der großen Hoffnungsstrahlen fern zu sein. Eins aber ist den meisten von uns klar: Es braucht noch viel Geduld, es braucht Durchhalten, Aushalten und Ertragen.

Den Jüngern Christi ging es damals an Ostern in einer anderen Situation in ihrer Enttäuschung und Ratlosigkeit sehr ähnlich: Alles hatten sie von Jesus erhofft, auf ihn gebaut, für seine Botschaft Heim und Beruf verlassen. Doch als die Menschen ihn kreuzigten, brachen ihr Glauben und ihr Hoffen zusammen: War er doch nicht der, der sie von allem Bösen und aller Enge ihres Lebens befreien konnte?

Doch dann geschah Ostern: Das Grab war leer und Menschen begegneten ihm, dem von den Toten Auferstandenen. Und sie erinnerten sich seiner Worte, dass er auferstehen werde am dritten Tag. Menschen erfuhren ihn als den Lebenden und bezeugten ihn gegen alle Zweifelnden und gegen alle Einwände. War das nicht Grund genug, befreit und mit ganzem Herzen Halleluja zu rufen, aufzubrechen aus aller Trübseligkeit und aller Lebensverzweiflung? Und war das nicht Grund genug für einen Neubeginn des Lebens aus einer Lebenskraft heraus und einer Macht der Liebe, die sich stärker erwiesen hatte als der Tod?

Doch wer die Osterevangelien liest, findet Erstaunliches: Die Jünger sehen und hören, was ihnen vom Auferstandenen verkündet wurde und glaubhaft verkündet wird. Aber statt zu jubeln und getröstet aufzubrechen, wachsen in ihnen Zweifel und Unsicherheiten. Sie gehen wieder nach Hause und ziehen sich zurück mit all ihrer Unsicherheit und Ratlosigkeit.

Es braucht noch fünfzig Tage bis zu dem Tag, an dem der Heilige Geist mit seiner ganzen Kraft sie erfüllen und sie auf den Weg bringen wird. Es braucht noch fünfzig Tage bis an Pfingsten der Funke des Glaubens und der Hoffnung von Gott überspringt in ihre Herzen. Es braucht noch eine Zeit der Geduld, des Aushaltens, des Wachsens, des Ringens, eine Zeit, in der sie lernen, was die Botschaft des auferstandenen Christus für sie eigentlich bedeutet. Es braucht noch Geduld.

Alles Große im menschlichen Leben braucht Geduld, wie soll sonst etwas wachsen? Ich erinnere mich an einen Forscher, der mir sagte, dass die meisten wissenschaftlichen Fortschritte in der Physik nicht erbracht worden seien, weil dort besonders intelligente Frauen und Männer forschten, sondern Menschen mit Geduld, mit der Bereitschaft, einen Versuch vielleicht hundert Mal mit kleinen Variationen zu wiederholen. Menschen, die nicht resignieren. So braucht es auch Menschen, die in ihrer Liebe etwa zu ihren Kindern manchmal mit viel Geduld aus- und durchhalten, auch wenn diese vielleicht andere Wege als erhofft gehen. Liebe muss sich in Belastung bewähren.

Auch der Glaube wächst wohl am stärksten in Zeiten der Unsicherheit und des Zweifels, der Belastung und der Herausforderung. Hier reift der Glaube von einem leichten „Es wird schon alles gut“-Glauben zu einem reifen, tragfähigen, belastbaren Glauben, der uns dann auch in schweren Stunden trägt und Hoffnung gibt über allen leichten Optimismus hinaus. Der Osterglaube muss wachsen, der Glaube an den Auferstandenen muss manchmal auch ausgehalten werden gegen alle Zweifel und Unsicherheit hinaus. Es braucht die Geduld von Menschen, die Gott vertrauen, auch wenn vieles in ihrem Leben nach ihrer Fassungskraft gegen Gott spricht. Es braucht die Liebe zu Gott, auch wenn diese Liebe in manchen Phasen keine Strahlkraft besitzt. Es braucht die Geduld des Glaubens der Jünger, damit aus dem Glauben des Osterfestes die Begeisterung des Pfingstfestes wachsen kann. Vielleicht ist das eine der Lehren, die wir aus der Corona-Pandemie für unser Leben und unseren Glauben gerade an Ostern lernen können.