Dompropst Dybowski: Grußwort zur Eröffnung des christlichen Gartens

Christlicher Garten – zwei Worte, die in enger Beziehung zueinander stehen. Denn wer in das große Glaubensbuch der christlichen Religion, in die Bibel hineinschaut, wird viele Erzählungen entdecken, die in einem Garten stattfinden.

Schon auf den ersten Seiten der Bibel ist von dem Garten Eden die Rede, den Gott selbst angelegt und in den er die ersten Menschen setzt. Und einer der bekanntesten Gärten ist der Garten Getsemani auf dem Ölberg, in dem Jesus am Abend vor seinem Sterben mit seinen Jüngern hineingegangen ist.

Aber das Thema Garten – und hier möchte ich hinzufügen: alles, was mit Garten zu tun hat, also Bäume, Blumen, Sträucher, Samen und Wurzeln – hat noch einen anderen Zusammenhang zu der christlichen Religion. Denn sie tragen in sich eine Botschaft, die viel auszusagen vermag über den Menschen und auch über den, der den Menschen sowie alle Gärten letztlich gemacht hat: über seinen Schöpfer.

Dazu möchte ich folgende Geschichte erzählen (Frei nacherzählt aus Willi Hoffsümmer, 255 Kurzgeschichten für Gottesdienst, Schule und Gruppe, Mainz 1982, S. 113):
Ein junger Mann betrat im Traum einen Laden. Hinter der Theke stand ein Engel. Hastig fragte er ihn: „Was verkaufen Sie, mein Herr?“ Der Engel antwortete freundlich: „Alles, was Sie wollen.“ Der junge Mann begann aufzuzählen: „Dann hätte ich gern das Ende aller Kriege in der Welt, bessere Bedingungen für die Randgruppen in der Gesellschaft, Beseitigung der Elendsviertel, Arbeit für die Arbeitslosen, mehr Gemeinschaft und Liebe und ... und...“ Da fiel ihm der Engel ins Wort: „Entschuldigen Sie, junger Mann, Sie haben mich falsch verstanden. Wir verkaufen keine Früchte, wir verkaufen nur Samen.“

Mehrfach hat Jesus das Reich Gottes mit einem Samenkorn verglichen. Er beschreibt damit die Dynamik, die in einem solchen Samenkorn steckt: zuerst ist es ganz klein, so dass man es fast übersehen und zertreten kann. Dann aber wird es zu einem großen Baum, in dem die Vögel des Himmels ihre Nester bauen können.

In dieser Geschichte wird auch das Zusammenspiel zwischen dem Wachsen der Natur und dem pflegenden Zutun des Menschen deutlich.

Aber mit dem Wachsen ist noch etwas anderes verbunden. Wenn wir als Kinder im Garten unserer Eltern mal etwas aussäen durften, dann konnten wir es gar nicht erwarten, dass es endlich blüht und vor allem Früchte trägt. Unsere Eltern mussten uns immer wieder beruhigen: „Wartet, die Natur nimmt sich Zeit zum Wachsen. Ihr müsst Geduld haben.“ Sich Zeit nehmen, Geduld haben – das ist sicher etwas, was wir von der Natur lernen können.

Geduld können wir noch von einem anderen Lehrmeister lernen: von Gott. Jesus hat einmal seinen Zuhörern ein schönes Gleichnis erzählt – übrigens auch von einem Baum, dem Feigenbaum. Dieser trug schon drei Jahre lang keine Früchte. Der Besitzer des Garten wollte ihn umhauen lassen. Aber der Gärtner bat den Besitzer: „Lass ihn doch noch ein Jahr stehen. Ich will ihn pflegen und düngen. Vielleicht bringt er doch noch Früchte?“

Ein christlicher Garten  hat viele Botschaften. Ich wünsche mir, dass viele Menschen, die hier herkommen, sich von diesen Botschaften ansprechen lassen: Mut, um Samenkörner in den Ackerboden des Lebens (des eigenen Lebens sowie des Lebens anderer) auszusäen, und viel Geduld, diese Samenkörner aufgehen und wachsen zu lassen.  Doch für jetzt wünsche ich allen Besucherinnen und Besuchern des Christlichen Gartens viel Freude an dem, was wächst und blüht.