Erzbischof Dr. Heiner Koch zum 60. Jahrestag des Mauerbaus, am 13. August 2021

„Am 13. August 1961 war ich mit meinen Eltern in Tirol im Urlaub. Den Abend werde ich nicht vergessen. Mit vielen anderen Urlauberinnen und Urlaubern saßen wir in unserer Pension vor dem Fernseher und sahen die Bilder aus Berlin, die die Erwachsenen alle nicht fassen konnten. Das schier Unvorstellbare wurde Wirklichkeit. Ich habe noch die erregten Stimmen im Sinn: „Das ist doch unmöglich. Das kann man doch nicht zulassen. Das muss man doch verhindern. Sind die denn alle wahnsinnig? Das sind doch Nazi-Methoden!“

Und immer deutlicher wurde im Lauf des Abends, dass offensichtlich niemand gegen diese furchtbare Tat einschreiten konnte oder wollte. Die Maurer und die Machthaber in der DDR schafften Fakten, niemand gebot ihnen Einhalt. Was die Erwachsenen in unserer Pension so wütend machte, war die eigene Ohnmacht. Die Ohnmacht, dass niemand, keine Institution, kein Staat und keine Regierungen den Bau der Mauer verhindern konnte oder wollte, erlebe ich auch heute – in sicherlich ganz anderen Zusammenhängen: Die Menschen in Afghanistan sind nach dem Rückzug der NATO ganz sich selbst und den vorrückenden Taliban überlassen, auch die Geflüchteten, die in Booten auf dem Mittelmeer treiben und die an die Ufer gespülten Leichen sind dafür beredte Beispiele.

Hat also am 13. August 1961 also die Ohnmacht gesiegt? Ja, in mancher Hinsicht. Aber wie wir heute – 60 Jahre danach – wissen, gab es auch den 9. November 1989. Jenen Tag, an dem die Freiheit über die Unfreiheit und die Ohnmacht siegte. Das ist uns Christen vertraut: Der Ostersonntag ist ohne den Karfreitag nicht möglich. Keine Auferstehung ohne Kreuz. Das Kreuz, das früher ein Instrument der Folter, des Todes, der Unfreiheit war, ist für uns heute ein Mahnmal der Erlösung, des Lebens und der Freiheit. So erinnern wir uns heute an einen der Karfreitage in der Geschichte Berlins und Deutschlands. Wir haben uns an einem der vielen Golgota-Hügel in unserer Stadt versammelt. Direkt an einem Monument, das für viele von uns ein Symbol der Unfreiheit und Enge war. Und das uns heute an die Kostbarkeit der Freiheit erinnert.

Ida Siekmann, für die wir gerade diese Kerze entzündet haben, ist das erste Opfer dieses modernen Golgota in der Bernauer Straße. Sie steht stellvertretend für die vielen Opfer von Gewalt, Unterdrückung und Unfreiheit, die in dem Buch, aus dem wir gerade gehört haben, verzeichnet sind; sie steht auch für all jene, die einen Fluchtversuch zwar überlebt hatten, aber anschließend eingesperrt, gefoltert, erpresst wurden.

Ida Siekmann und all diese Menschen haben nicht kapituliert angesichts der Ohnmacht. Das ihnen widerfahrene schreiende Unrecht ist in aller Grausamkeit auch ein Zeichen ihrer Größe und Würde, die sie gerade in ihrem Leid und Tod bewahrten. Ihre Schicksale sind ein Aufruf für uns heute, alles in unserer Macht stehende zu tun, dass Menschen nicht ohnmächtig der Gewalt ihrer Mitmenschen ausgesetzt sind. Wir müssen alles gegen Situationen tun, die menschliches Leben zerstören und menschliche Lebensentfaltung verhindern.“

Erzbischof Koch war am 13. August 1961 sieben Jahre alt. Er wird an der offiziellen Gedenkfeier teilnehmen und beim Gottesdienst in der Kapelle der Versöhnung sprechen.