Grußwort zum Reformationstag von Erzbischof Koch

Es gilt das gesprochene Wort! Grußwort des Erzbischofs von Berlin, Dr. Heiner Koch, anlässlich des Festgottesdienstes zum Reformationstag, Dienstag, 31. Oktober 2017 in der St. Nikolai-Kirche, Berlin-Spandau

Ich danke herzlich für die Einladung zu diesem festlichen Gottesdienst und die Geste, hier sprechen zu können. Sie steht geradlinig für das nun zu Ende gehende Gedenkjahr an die Reformation vor 500 Jahren. Wenn man in 100 Jahren auf dieses jetzige Jahr zurückschauen wird, so wie wir es in diesem Jahr auch auf die vergangenen Jahrhundertfeiern getan haben, so bin ich sicher, die Erfahrung, dass wir als christliche Kirchen auf dem Weg zur Einheit gemeinsam gehen, um sie ringen und uns mit ihrer Spaltung nicht abfinden wollen, wird das große Zeugnis des Reformationsjahres 2017 sein. Wir leiden auch heute noch an den theologischen Trennungen, die in der institutionellen Spaltung der Kirchen ihre in der Geschichte oft so furchtbaren Verhärtungen und Verletzungen gebracht haben. Für sie haben wir in diesem Jahr auch um Vergebung gebeten. Ich schließe mich ausdrücklich denen an, die den inzwischen friedvollen Umgang der Kirchen miteinander begrüßen, aber den gegenwärtigen Zustand nur als Etappe sehen auf dem Weg zur sichtbaren Einheit der Kirche. Sie zu erreichen, werden wir uns mit aller Kraft Mühen und Gott um das Geschenk dieser Einheit Tag für Tag bitten.

Sie werden sich in diesen Tagen an viele größere Ereignisse des Jahres 2017 erinnern. Ich möchte auf zwei „kleinere“, aber sehr bedeutsame Begegnungen zurückschauen, und ich bin sicher, Landesbischof Dröge sieht dies genauso: Beim Brandenburger Dorfkirchensommer haben wir beide über Unterschiede und Gemeinsamkeiten in unserem Verständnis von Priestertum und Ordination gesprochen. Dabei brachte ich auch das hinter diesen Sichtweisen stehende unterschiedliche Verständnis der Sakramentalität zur Sprache: der Sakramentalität der Schöpfung, etwa in der Polarität von Mann und Frau mit ihren Konsequenzen für ein sakramentales Verständnis der Ehe, bis hin zum Weiheverständnis des Priesters, der nach unserem katholischen Verständnis durch die Weihe hineingenommen wird in das Geheimnis Christi und in ihm der Gemeinde sakramental gegenübertritt. Ich bin dankbar, mit evangelischen Schwestern und Brüdern und insbesondere mit Landesbischof Dröge, dem ich dafür ausdrücklich Respekt und Dank sage, auch über unterschiedliche theologische Standpunkte so einfühlsam und achtungs- und vertrauensvoll sprechen zu können. Mich haben in diesem Jahr solche theologischen Gespräche dazu gebracht, nachdenklich-fragend katholische und evangelische Standpunkte verstehen zu versuchen, was ja viel mehr bedeutet, als sie sich nur intellektuell zu erschließen. Und plötzlich entdeckte ich in mir selbst vergessene Wahrheiten gut bewahrt beim anderen und kirchliche Weggemeinschaft, wo ich glaubte, wir gingen auf diesem Weg konfessionell völlig getrennt. Wir deutschen Bischöfe bedenken auch auf diesem Hintergrund derzeit etwa die Frage der Mahlgemeinschaft in der Eucharistie von christlichen Ehepaaren, die sakramental verbunden sind in der Taufe und nach unserem Verständnis auch im Sakrament der Ehe. Wir haben in diesem Anliegen in unseren Erörterungen Fragen gestellt an unsere verantwortlichen Kommissionen, die in die Öffentlichkeit getragen wurden. Dort haben sie sicherlich auch ihren berechtigten Platz. Ich möchte aber feststellen, dass wir sie entschieden zu einer guten Beantwortung und zu einer ehrlichen Praxis bringen wollen. Diese Haltung gibt allem Suchen eine positive zielorientierte Schubkraft. Auf jeden Fall bin ich froh, dass solche theologischen Gespräche nun wirklich simple Kontrastkarikaturen überwunden haben wie Freiheit oder Gehorsam, Schrift oder Kirche, Priestertum aller Gläubigen oder Weihepriestertum. Die Wahrheit ist auch hier viel differenzierter.

Beim zweiten Ereignis, an das ich erinnern will, haben Bischof Dröge und ich in unserer katholischen St. Hedwigs-Kathedrale aus der Heiligen Schrift, wie sie Martin Luther übersetzt hat, vorgelesen. Ich habe Bischof Dröge mit großer Bewegung zugehört. So wie er aus der Lutherbibel vorgelesen hat, kann es wohl nur einer, der diese Schrift gleichsam mit der Muttermilch aufgesogen hat. Und mir wurde deutlich, dass Ökumene nie nur eine Sache der Bischöfe und Theologen sein kann, sondern wesentlich auch der Tradition und der Frömmigkeit, des Gottesdienstes, der Familiengeschichte und der Heimat ist. Vielleicht haben wir das auf unserem bisherigen ökumenischen Weg zu wenig beachtet.
Mir sind vor allem vier Herausforderungen für unseren gemeinsamen Weg in die Zukunft in dieser unserer Gesellschaft in diesem Jahr verstärkt deutlich geworden. Wenn wir sie meistern wollen, werden wir sie nur ökumenisch-gemeinsam angehen können:

Gerade in der Frage der Beziehung des Staates zur Religion und zu den religiösen Gemeinschaften ist uns in vielen Reformationsveranstaltungen dieses Jahres erfahrbar geworden, dass die Botschaft Christi, die Christen und die Kirche in die gesellschaftliche Öffentlichkeit gehören. Mit den Vertretern des jüdischen und des muslimischen Glaubens sind wir verbunden in dem Anliegen, Gott und die Gottesfrage nicht zum Verstummen in der Öffentlichkeit bringen zu lassen. Eine demokratische und freiheitliche Gesellschaft mit unterschiedlichen weltanschaulichen und religiösen Überzeugungen ihrer Menschen darf diese Pluralität nicht durch ein Zurückdrängen von Religion und Glaube in den Griff zu bekommen glauben, sondern muss diese Dimension um der Entfaltung des Menschen in all seinen Dimensionen fördern, auch und gerade im öffentlichen Raum. Für unseren liberalen und demokratischen Staat erwächst daraus die Haltung einer positiven religiösen Neutralität, die die Religionsausübung und das Leben der Religionsgemeinschaften im Rahmen der gesetzlichen Ordnung unseres Staates um der Menschen willen fördert. Dafür haben wir uns in diesem Reformationsjahr gemeinsam eingesetzt und werden es auch weiterhin tun.

Aus der Kraft der christlichen Botschaft heraus und um aller Menschen willen werden wir uns auch in Zukunft gemeinsam für die Menschen einsetzen, die besondere Hilfe bei der Entfaltung und beim Schutz ihres Lebens in all seine Phasen brauchen. Wir lassen es von daher auch nicht zu, dass Flüchtlinge gegen Obdachlose oder Kinderreiche gegen Alleinerziehende oder Ungeborene gegen Mütter ausgespielt werden. Vielleicht müssen wir nach diesem Jahr auch die Zusammenarbeit von Diakonie und Caritas noch weiter ausbauen.

Immer wieder wird mit Bedauern festgestellt, dass die theologischen Akzentuierungen der Reformatoren auch zu einer Lockerung der Kirchenbindung geführt hätten. Christlicher Glaube, erst recht in seinen konfessionellen Prägungen, ist für viele so etwas wie ein unverbindliches Angebot im Warenhaus des Religiösen, Spirituellen und Esoterischen, erst recht ohne Bindung an eine möglicherweise auch noch einfordernde und kritische Glaubensgemeinschaft. Gerade in unserem Lebensraum, wo wir als Christen in der Minderheit leben, ist aber die kirchliche Bindung, die Bindung an die und in der Glaubensgemeinschaft so wesentlich und wichtig. Keiner glaubt allein und keiner kann allein im Glauben überleben. Deshalb war auch die Unterzeichnung unseres gemeinsamen Vorgehens im konfessionellen Religionsunterricht hier in Berlin und in Brandenburg so wichtig. Wie heute die verbindliche und verbindende Gemeinschaft der Christen stärken, ohne dass dies als Bedrohung, vielmehr als Förderung und Ermöglichung der Freiheit des Christen erfahren wird?

Uns ist das Evangelium nicht um unser selbst willen anvertraut, es ist die gute Botschaft für die ganze Welt. Deshalb müssen wir uns gemeinsam fragen, wie wir heute in unserem gesellschaftlichen und theologischem Kontext die Grundfrage Martin Luthers aufgreifen: Wie finde ich einen gnädigen Gott? Ich darf diese Frage in unsere gesellschaftliche Situation hinein erweitern: Wie finden wir heute überhaupt Gott? Und wie finden wir ihn mit den Menschen an unserer Seite, die diesen Gott in ihrem Leben noch nie entdeckt haben, denen vielleicht noch nie jemand von diesem Gott gekündet hat und für die von daher zu glauben ein Fremdwort ist, in einer Zeit, in der immer weniger Menschen sich vor einem Gott rechtfertigen wollen, eine Zeit, in der Gnade gerade in ihrer herablassenden Tendenz für viele weniger zählt als Recht und Leistung und so viele auch nicht eine einzige Zeile der Heiligen Schrift gelesen haben. Wir sind Kirche der Sendung, missionarische, zu den Menschen mit der Frohen Botschaft geschickte Kirche oder wir sind nicht mehr die Kirche Jesu Christi. Niemanden wollen wir vereinnahmen, noch geht es uns um die Größe unserer Institution, aber wir erfüllen den uns von Christus anvertrauten Auftrag um der Menschen willen und um Jesu willen, wie es in diesem Christusjahr es uns wieder deutlich wurde.
Für dieses Jahr und seine Gestaltung im ökumenischen Geist des Glaubens danke ich Ihnen von Herzen und rufe uns gerade am Ende dieses Jahres zu: Auf geht‘s und weiter geht‘s!