Mehr Raum für den GlaubenHauptberufliche Verwaltungsleiter wie André Martin sorgen für Entlastung in künftigen Pfarreien

Ein neues Gesicht im Pastoralen Raum: Verwaltungsleiter André Martin. Foto: Alfred Herrmann

Während fast das ganze Erzbistum Berlin die Findungsphase durchläuft, sind drei Pfarreien schon einen Schritt weiter. Mit Maria Gnaden in Hermsdorf, St. Hildegard in Frohnau und St. Martin im Märkischen Viertel hat in einem Pastoralen Raum die Entwicklungsphase im Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ schon begonnen. Seit 2011 bilden die drei Pfarreien den Pastoralverbund Reinickendorf-Nord. Groß finden mussten sie sich daher nicht mehr. Schnell stand für alle Beteiligten fest, dass aus dem Pastoralverbund eine Pfarrei werden soll. Was für viele im Erzbistum noch wie Zukunftsmusik klingt, ist in Reinickendorf-Nord längst Realität.

Und so verfügt der Pastoralverbund seit dem 1. September mit André Martin auch schon über einen hauptberuflichen Verwaltungsleiter. Der 48-jährige Potsdamer ist der erste von künftig rund 15 Verwaltungsleitern im Erzbistum Berlin. Sie sollen Kirchenvorstand und Pfarrer der neuen Pfarreien unterstützen und entlasten. Finanziert werden sie durch das Erzbistum, kümmern sich künftig je nach Größe des Pastoralen Raums um mehr als eine Pfarrei und nehmen in der Regel mit dem Beginn der Entwicklungsphase ihre Arbeit auf. Der Einsatz schon in der Entwicklungsphase ist wichtig, damit es auch schon in dieser Phase des Pastoralen Prozesses eine Entlastung der Seelsorge gibt und neue Gestaltungsräume ermöglicht werden.

Entlastung für Ehren- wie Hauptamtliche

„Ein Verwaltungsleiter soll bei den Ehrenamtlichen wie bei den Hauptamtlichen einer Pfarrei Kräfte freisetzen, damit sie sich stärker für die Kernaufgaben von Kirche einsetzen können“, erklärt Martin. „Ein Verwaltungsleiter nimmt ihnen die stupide und trockene Verwaltungsarbeit ab, damit sie sich dafür einsetzen können, wofür sie als gläubige Christen berufen sind: unseren Glauben in der Welt zu bezeugen und auf Menschen zuzugehen anstatt Haushaltspläne aufzustellen, Geld und Immobilien zu verwalten.“

Martin spricht von Entlastung. Wenn sein Kirchenvorstand künftig Baumaßnahmen beschließt, wird er es sein, der konkrete Umsetzungsvorschläge erarbeitet, das Nötige mit der Bauabteilung des Ordinariats abstimmt, Ausschreibungen vornimmt, die Arbeiten beaufsichtigt. Zu seinen Aufgaben zählen die Unterstützung bei Haushaltsaufstellung und -kontrolle, die Rechnungseingangsprüfung, die bau- und unterhaltsseitige Betreuung von Immobilien, die Arbeitsorganisation, die Betreuung des technischen Personals und die Verwaltung der vier Kitas. „Bislang hat sich ein Kirchenvorstand um die Kirche direkt vor Ort gekümmert, hat gleich gesehen, wenn das Dach undicht war oder die Regenrinne tropfte“, spricht Martin über die sich verändernden Bedingungen. „In der fusionierten Pfarrei sind es ungleich mehr Gebäude, mehr Kirchen und mehr Gemeindehäuser, um die sich der Kirchenvorstand sorgen muss. Das braucht eine systematische Herangehensweise, um die Vorgänge im Griff zu behalten und ausreichend zu kontrollieren.“ Ein ehrenamtlicher Kirchenvorstand könne dabei schnell an seine Grenzen kommen.

Nicht nur die ehrenamtlich engagierten Katholiken erfahren durch Martin und seine künftigen Kollegen Unterstützung. Auch die Pfarrer bekommen merkliche Entlastung, um mehr Zeit in Seelsorge und Glaubensverkündigung investieren zu können. „Der ganze Papierkram, all die speziellen Bau-, Wirtschafts- und Personalfragen kosten einen Pfarrer wertvolle Stunden“, meint Martin. Daher sieht er in einem gut funktionierenden Tandem von Verwaltungsleiter und Pfarrer eine Chance für die gesamte Pfarrei. Martin zeigt sich sehr zufrieden über die Zusammenarbeit mit seinem Pfarrer in Reinickendorf-Nord. Dieser nenne ihn mittlerweile mit einem Augenzwinkern seinen „Generalvikar“.

Der Kirchenvorstand entscheidet

Dass mit dem Verwaltungsleiter ein neuer, mächtiger Mann in der Pfarrei heranwachse, sieht Martin nicht so. „Als Verwaltungsleiter muss ich mir meiner Rolle bewusst sein. Ich bin Dienstleister für die Pfarrei, nicht ihr Chef, der die Entscheidungen trifft, und auch nicht derjenige, der das Leben der Gemeinde prägt“, sieht er sich eher in einer demütigen Position des vertrauensvollen Dienens. Auch wenn er Unterschriftsvollmachten im Range eines Stellvertretenden Kirchenvorstandsvorsitzenden haben wird: „Alleingänge des Verwaltungsleiters an der Pfarrei vorbei sind nicht möglich“, betont Martin und unterstreicht: „Der Kirchenvorstand ist das Gremium, das entscheidet.“

Allerdings fest definiert ist das Aufgabenfeld von Verwaltungsleiter Martin noch nicht. In der Entwicklungsphase müssen sich auch seine Position und seine Tätigkeitsfelder in Abstimmung mit den Gremien entwickeln. Martin hat Theologe und Jura studiert. Nachdem er als Geschäftsführer bei den Maltesern in Potsdam gearbeitet hatte, sammelte er reichlich Erfahrung in einem Beratungsunternehmen mit Beteiligungsprojekten und Bürgerdialog. Der Vater von vier Kindern kann dieses Knowhow in der Entwicklungsphase der neuen Pfarrei nun sehr gut gebrauchen.

Reinickendorf-Nord gründete für die Entwicklungsphase neben einem großen Pastoralausschuss, mit Vertretern der Pfarrgemeinderäte und der Orte kirchlichen Lebens, der den künftigen Pastoralplan erarbeitet, eine Steuerungsgruppe, um die Fusion technisch vorzubereiten und die strukturellen Fragen zu klären. Aus den drei Kirchenvorständen sitzen je zwei Vertreter in dem Gremium. „Gemeinsam überlegen wir, welche Themen bearbeitet werden müssen, wenn wir in ein bis zwei Jahren zur Fusion kommen wollen.“ Martin spricht von der Umstellung der Buchführung, von der Erstellung eines Vermögensverzeichnisses, von der Trägerstruktur für die vier Kitas, von der adäquaten Präsenz der Gemeinden im künftigen Gesamtkirchenvorstand. „Da wir die ersten sind, die sich in der Entwicklungsphase befinden, stoßen wir auf zahlreiche Fragen, auf die es noch keine generellen Lösungen gibt. Dementsprechend eng arbeiten wir mit dem Ordinariat zusammen.“

Teil des Pastoralteams

Martin denkt jedoch auch über die klassische Trennung zwischen Struktur- und Pastoralverantwortlichen hinaus: „Ich sehe mich auch als Teil des Pastoralteams“, zeigt er sich selbstbewusst. „Denn Verwaltung ist kein Selbstzweck, sondern dient immer der Gesamtaufgabe, in diesem Fall der Pfarrei.“ In diesem Sinne berät Martin die Gremien und entwickelt Ideen, wie bestimmte pastorale Vorhaben wirtschaftsseitig umsetzbar sind. „Ich sehe mich als Akteur, der dazu beiträgt, dass wir die Kirche zukunftsfähig machen, dass wir unseren Auftrag, für die Menschen in unserer Gemeinde da zu sein, erfüllen können.“