„Religionen und Weltanschauungen als Integrationsfaktoren"5. Dialogforum des Bündnisses für Brandenburg

Religionen und Weltanschauungen als Integrationsfaktor: Ja, weil es keinen  Weg des Menschen und der menschlichen Gesellschaft ins Leben ohne Religion und Weltanschauung gibt. Jeder Mensch lebt aus einer Glaubensüberzeugung. Der eine mit, der andere ohne Gott. Weltanschauung und Religion gehören daher zum Menschen, selbst dann, wenn er sich als ungläubig oder nicht einer Kirche zugehörig definiert. Unentschieden zu leben mag in der Theorie der Gedanken gehen, aber nicht im Vollzug der Praxis des Lebens: Entweder lebt der Mensch mit oder ohne Gott. Die Beantwortung dieser Frage prägt alle menschlichen Lebensbereiche und damit auch den gesellschaftlichen. Deshalb kann es eine soziale Integration ohne die religiöse und weltanschauliche Dimension des Lebens nicht geben.

Aber nicht jede Form vom Weltanschauung und Religiosität führt die Menschen zusammen und wirkt integrierend. Was überhaupt unter Integration verstanden wird, das kann sich je nach Religion oder Weltanschauung in erheblichem Maße unterscheiden. Deshalb ist der intensive theologische  und philosophische Diskurs der Weltanschauungen und Religionen unverzichtbar. Er ist eine wichtige Grundlage des Dialogs. Er kann verbindende Themen in den Blick nehmen wie die Herausforderung, vor die uns die Integrationsaufgabe stellt. Sie zu diskutieren ist von enormer Bedeutung für den gesamtgesellschaftlichen Integrationsprozess. Wir brauchen Zeit und einen breiten gesellschaftlichen Raum für diese Auseinandersetzungen. Die Ansätze zu einem interreligiösen Dialog in der Universität Potsdam und der Humboldt-Universität in Berlin weisen da einen richtigen Weg. Wichtig ist mir, dass auch der Dialog mit den säkularen Wissenschaften hinzu kommt.

Was heißt das konkret?

  1. Bewusst zu leben bedeutet, in verantworteter Freiheit eine begründete Glaubensentscheidung  zu fällen. Dabei hat es eine integrative Wirkung, auch die Glaubensbegründung des anderen  verstehend wahrzunehmen und miteinander zu besprechen, selbst wenn ich seine Entscheidung nicht teile. Die Integration der Flüchtlinge bietet uns daher die Gegelenheit, unsere doch gerade auch in Weltanschauungsfragen stark versäulte Gesellschaft  infrage zu stellen. Integration heißt auch, diesen existentiellen Grundfragen deutlich mehr Raum zuzugestehen und sie nicht an den gesellschaftlichen Rand abzudrängen.
  2. In religiöser und weltanschaulicher Hinsicht wirken oft unsere Familien lebensprägend. Zu uns kommen Migranten und Flüchtlinge, die einen anderen Begriff von Familie haben als wir, etwa im Hinblick auf die Großfamilie, die Bedeutung der Zahl der Kinder oder die Sippe. Familie hat für viele von ihnen einen deutlich höheren, lebenslangen Verpflichtungscharakter, als uns das von unserem individualistisch  geprägten Familienverständnis her vertraut ist. Hier können da viel voneinander lernen, auch etwa in Fragen der Schwerpunktsetzung in der Familienpolitik.
  3. Ähnliches gilt für das religiöse Leben mit seinen Traditionen, Bräuchen, Sitten und Feiertagen. Solche Lebensbereiche zu achten und in ihrer Entfaltung zumindest nicht zu behindern – ich denke auch an die Achtung des spezifischen Charakters des Karfreitags  durch Nichtchristen – ist ein wesentlicher Beitrag zur Integration.
  4. Die weltanschauliche und religiöse Prägung eines Menschen fließt in sein öffentliches und politisches Wirken ein. Was einer glaubt, ist nicht einfach privat. Es mag oft sehr persönlich sein, aber der Glaube gehört wesentlich dazu, wenn ich mein Gegenüber verstehen will. Das gilt zumal für Weltanschauungsgruppierungen und religiöse Gemeinschaften, die ja ein Teil unserer Gesellschaft sind. Sie gehören als solche zu unserem demokratischen Gemeinwesen. Weder als Einzelne noch als Gemeinschaften existieren wir wie abstrakte Wesen, die grundlegende Wesensteile ihrer Überzeugungen abspalten müssen, wenn sie sich politisch und gesellschaftlich engagieren. Im Sinne der Integration ist deshalb die gegenwärtige Diskussion über die Chancen und Risiken der Neutralität des Staates, wie sie gegenwärtig etwa um das Kreuz auf der Kuppel des Berliner Stadtschlosses oder die religiösen Zeichen geführt werden, die Lehrerinnen und Lehrer tragen dürfen oder nicht, von enormer Bedeutung.
  5. Wenn das „Bündnis für Brandenburg“ den Blick auf Weltanschauungen und Religionen  lenkt, eröffnen sich dadurch ganz neue Perspektiven und Kraftquellen. Ich bin sehr dankbar, dass das „Bündnis“ Religion als einen positiven und unverzichtbaren Faktor bei der Integration anerkennt. Ich danke Ihnen, Herr Ministerpräsident Woidke, dass Sie sich dies persönlich zu eigen machen. Denn Religionen übersteigen die Grenzen des Sichtbaren wie auch des Todes, sie übersteigen vor allem aber auch die Grenzen zwischen uns selbst. Welche Kraft zu oft langwierigen und  schwierigen Integrationswegen können Weltanschauungen  und Religionen da schenken.

Ich weiß, dass Weltanschauungen und Religionen in Vergangenheit und Gegenwart oft desintegrativ und sogar kontraintegrativ gewirkt haben. Das tut mir weh und lässt mich schämen. Ich bitte dafür, soweit ich das kann, um Vergebung. Vor allem aber ist diese Einsicht für mich ein Ansporn, meinen eigenen Beitrag dazu zu leisten, damit wir in einer Gesellschaft leben können, in der Religionen Lerngemeinschaften sind und wir alle gemeinsam eine Lerngemeinschaft von Lerngemeinschaften. auch in diesem Punkt immer mehr Lernende  Kirche zu werden. Anerkennen will ich das große zivilgesellschaftliche Engagement im Land Brandenburg, zu dem wir als katholische Kirche unseren Teil beitragen. Wir werden als kompetenter und verlässlicher Partner wahrgenommen und wertgeschätzt. Unsere Gesellschaft als eine Lerngemeinschaft  von Lerngemeinschaften: Das wäre ein großer Beitrag der Religionen für unsere Gesellschaft und für ihre Integrationsbereitschaft und Integrationsfähigkeit.

Historischer Kutschstallhof - Le Menage, Am Neuen Markt 9a, 14467 Potsdam