Von der Tollense bis nach RügenDemmin, Stralsund und Bergen auf dem Weg zum ersten pastoralen Raum in Vorpommern

Allein sechs Millionen Übernachtungen verzeichnen Rügen und Hiddensee im Jahr. Die Tourismusseelsorge bildet daher schon heute ein Schwerpunkt im künftigen Pastoralen Raum Demmin-Stralsund-Rügen. Foto: Goritzka

Die Pfarrkirche Maria Rosenkranzkönigin in Demmin. Foto: Goritzka

Herbert Frank: „Uns war es wichtig, dass wir nicht zerrissen werden.“ Foto: privat

100-jähriges Kirchweihjubiläum der Pfarrkirche in Demmin. Der Pfarrgemeinderatsvorsitzende Herbert Frank im Gespräch mit Weihbischof Matthias Heinrich. Foto: Goritzka

In den kommenden Wochen setzt Erzbischof Heiner Koch den Startschuss zur Entwicklungsphase des ersten Pastoralen Raums in Vorpommern. Ab da werden die Pfarreien Maria Rosenkranzkönigin Demmin, Heilige Dreifaltigkeit Stralsund und Sankt Bonifatius Bergen auf Rügen sich auf den Weg machen, eine Pfarrei zu entwickeln, die der Fläche nach künftig die größte katholische Pfarrei Deutschlands sein wird.

Leicht fiel es den Demminern nicht, sich einem Pastoralen Raum anzuschließen. „Uns war es wichtig, dass wir nicht schon wieder zerrissen werden“, bestätigt der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates Herbert Frank. Erst im Jahr 2004 fusionierten die Pfarreien Demmin, Altentreptow und Grimmen. Dass der Pastorale Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ diesen Schritt wieder rückgängig macht, und sich Grimmen vielleicht einem anderen Pastoralen Raum anschließen soll, das lehnte die Pfarrei ab. „Wenn, dann gibt es uns nur als Gesamtpaket“, betont Frank.

Eine Umfrage unter den rund 2.000 Katholiken der Pfarrei entschied letztendlich, welche Möglichkeit eines Pastoralen Raums - Anklam und Greifswald oder Stralsund und Rügen - von Kirchenvorstand und Pfarrgemeinderat weiter verfolgt werden soll. „Schnell war klar, dass wir zum Beispiel mit Anklam keine Gemeinsamkeiten haben. Und Greifswald ist so groß und sehr aktiv durch die Universität, da könnten wir es schwer haben“, räumt Frank ein. „Die meisten fühlen sich zu Stralsund hingezogen. Das liegt auch an der historischen Prägung.“

Historisch miteinander verbunden

Demmin und Stralsund verbinden eine gemeinsame Geschichte. Um 1839 wandten sich die Demminer Katholiken an den Stralsunder Pfarrer Wendelin Zink, dass er ihnen regelmäßig die heilige Messe lese. Zink fuhr auch nach Rügen, um auf der Insel Messen in Privathäusern zu halten. 1842 feierte sein Nachfolger mit 26 Gläubigen im Demminer Rathaus erstmals Gottesdienst. Fortan wechselten sich die Geistlichen aus Stralsund und Greifswald ab. 1869 bekam Demmin einen eigenen Pfarrer. Doch schon 1896 war die Gemeinde erneut ohne Priester und erneut auf die geistliche Hilfe aus Stralsund angewiesen, was durch die seit 1878 existierende Bahnverbindung zwischen den Pfarrorten erleichtert wurde.

Auch heute fahren zwischen den drei Pfarrorten Demmin, Stralsund und Bergen auf Rügen, stündlich Züge. Der geplante Pastorale Raum, für den sich diese drei Pfarreien entschieden haben, erstreckt sich von Süd nach Nord über 150 Kilometer, von Altentreptow am kleinen Fluss der Tollense bis an die Nordspitze Rügens, gute anderthalb Stunden mit dem Zug. In ihm leben 6.500 katholische Christen, rund drei Prozent der Gesamtbevölkerung. Die drei Pfarreien verfügen über zwölf Gottesdienstorte, darunter zehn Kirchen, von Altentreptow und Demmin im Süden über Grimmen, Richtenberg und Stralsund (Pfarrkirche und Kapelle im Seniorenheim) in der Mitte bis hin zu Zingst und Barth sowie Bergen, Binz, Garz und Sellin im Norden. Derzeit wirken dort zwei Pfarrer, ein Pfarrvikar, ein Diakon, eine Gemeindereferentin und ein Gemeindereferent. Religionsunterricht, in Mecklenburg-Vorpommern Pflichtfach, wird nachmittags gegeben, oftmals klassenübergreifend. Besonders ehrenamtliche Unterstützung durch die Gemeindemitglieder ist enorm wichtig. So setzen sich katholische Christen in Demmin für ihre Senioren ein oder stehen in Stralsund als Begleiter im ambulanten Hospizdienst zur Verfügung. Auf Rügen organisiert die Gemeinde jährlich im Sommer für ganz Vorpommern die Marienwallfahrt nach Sellin. In Stralsund bildet die Ökumene ein wichtiges Feld, von ökumenischen Gesprächen im Pfarrkeller hin zum ökumenischen Kreuzweg durch die Hansestadt.

Caritas und Tourismusseelsorge

Wo liegen die Potenziale einer künftigen Pfarrei, was zeichnet sich schon heute ab? In Stralsund ist die Caritas eng mit der Gemeinde verbunden. Das Seniorenzentrum St. Joseph, der ambulante Hospizdienst, die Sozialstation und die offene Sozialberatung der Caritas bieten Anlaufpunkte für Hilfesuchende aber auch für Ehrenamtliche. Außerdem betreibt die Pfarrei eine katholische Kindertagesstätte. Die Malteser engagieren sich in Stralsund mit einem Hundebesuchsdienst und „Essen auf Rädern“.

In den Touristenhochburgen an der Ostsee zeigt sich in der Urlauberseelsorge ein notwendiges Aufgabenfeld. Allein die Inseln Rügen und Hiddensee verzeichnen rund sechs Millionen Übernachtungen im Jahr. Saison ist immer. Während im Sommer die Familien die Inseln erobern, sind es im Herbst und Winter die älteren Gäste, die den nördlichen Teil Vorpommerns erkunden wollen. Wie gut Seelsorgeangebote für Touristen angenommen werden, zeigten in den beiden vergangenen Sommern die Projekte des Erzbistums Berlin „Urlaub für die Seele“, die in Binz und in Zingst durchgeführt wurden. Ab dem 1. Januar 2016 soll sich nun ein eigener Tourismusseelsorger dieser Herausforderung annehmen.

Und in Demmin? In der Hansestadt an der Peene ist vom Massentourismus der Ostsee nur wenig zu spüren. Und auch das Engagement der Caritas fällt geringer aus als in Stralsund. In der 12.000-Einwohnerstadt betreibt die Caritas bislang ein Stadtteilbegegnungszentrum und bietet Jugendgerichtshilfe. „Wir hoffen, dass insbesondere die Caritas hier bei uns in Demmin bleibt“, meint Pfarrer Peter Szczerbaniewicz. Das sieht derzeit jedoch schwierig aus. „Wir werden unsere Arbeit in der Begegnungsstätte in Demmin in dieser Form 2017 beenden“, bestätigt auch Burghardt Siperko, Leiter der Caritas Vorpommern. So haben sich aus dem Angebot der Tagesstätte keine weiteren Angebote entwickelt. Er räumt aber auch ein, dass dies kein automatischer Rückzug sein soll. Soziale Beratung in einem Kleinbus, der zwischen Altentreptow, Demmin und Grimmen über die Dörfer fährt, kann er sich auch gut vorstellen. Das Pilotprojekt dazu läuft seit 2014 mit dem CariMobil in den Bereichen Pasewalk und Anklam in Vorpommern. „Das ist aber auch eine Frage der Finanzierung: Entweder muss der Landkreis so eine Beratungsform in den örtlichen Sozialplan mitaufnehmen oder das Bistum steigt mit in die Finanzierung ein. Alleine kann die Caritas das nicht anbieten“, ist Burghardt Siperko überzeugt. Wie die ländliche Diasporaregion weiterhin in die Caritas-Arbeit einbezogen werden kann, sieht er in der kommenden Entwicklungsphase deshalb als Herausforderung für alle Beteiligten. „Orte des Zuhörens“, Ansprechpartner in den Kirchengemeinden, die einen Erstkontakt bieten und Hilfe vermitteln, könnte eine Antwort sein.

Welche Schwerpunkte sich der künftige Pastorale Raum Demmin-Stralsund-Rügen künftig setzt, wie sich Gemeinden und Orte kirchlichen Lebens ausrichten und vernetzen, wie die verschiedenen Regionen in der künftigen Pfarrei zur Geltung kommen, all das wird in der anstehenden Entwicklungsphase vor Ort erarbeitet. Daher betont auch Andreas Sommer, Pfarrer von Stralsund und in Bergen: „Wie wir uns zusammenfinden, werden die nächsten drei Jahre zeigen.“