„Zunächst heißt es: kennenlernen“ Vier Pfarreien im Süden Berlins starten in die Entwicklungsphase

Der Pastorale Raum Berlin-Lichtenrade-Buckow-Mariendorf-Tempelhof.

Feierlicher Eröffnungsgottesdienst des neuen Pastoralen Raums.

Feierlicher Eröffnungsgottesdienst des neuen Pastoralen Raums.

„Wir Pfarreien kennen uns noch zu wenig – die Gläubigen, weil sie selten in eine der anderen Kirchen zum Gottesdienst gehen und wir Verantwortlichen, egal ob haupt- oder ehrenamtliche, weil wir uns bislang vor allem auf unsere Pfarrei konzentriert haben.“ Pfarrer Rainer Lau steht als Leiter der Entwicklungsphase im Pastoralen Raum Berlin-Lichtenrade-Buckow-Mariendorf-Tempelhof am Beginn der Entwicklungsphase. Nachdem sich die Pfarreien in der Findungsphase für den gemeinsamen Weg entschieden haben, machen sie sich nun gemeinsam auf.

Am 22. April eröffnete Generalvikar Tobias Przytarski mit einem Gottesdienst in Mariendorf den Pastoralen Raum Berlin-Lichtenrade-Buckow-Mariendorf-Tempelhof. Drei Jahre haben die vier Berliner Pfarreien Herz Jesu (Tempelhof), Maria Frieden (Mariendorf), Salvator (Lichtenrade) und Theresia vom Kinde Jesu (Buckow) nun Zeit, ihren Weg hin zu einer Pfarrei zu entwickeln. Im Juli konstituierte sich der Pastoralausschuss. Fast 40 Delegierte aus den Pfarreien und Orten kirchlichen Lebens erarbeiten dort die notwendigen Veränderungen. Das erste Jahr dient dem Kennenlernen. „Zuerst müssen wir uns untereinander vernetzen. Dann sollten wir die verschiedenen kirchlichen Orte auch einmal besichtigen, die es in unserem Pastoralen Raum gibt, und schließlich gilt es, die unterschiedlichen Situationen wahrzunehmen“, erklärt Pfarrer Lau.

Eine Fläche von 62 Quadratkilometern

Der neue, langgezogene Pastorale Raum erstreckt sich auf einer Fläche von 62 Quadratkilometern. Mit Großziethen ragt er sogar über die Stadtgrenze Berlins hinaus. Er zieht sich vom Platz der Luftbrücke in Tempelhof 16 Kilometer an der B 96 entlang gerade hinunter bis vor die Tore Mahlows. Im Süden verbreitert sich der schmale Raum mit Buckow in Richtung Neukölln. Rund 22.000 Katholiken leben hier. Vor allem junge Familien aus der bürgerlichen Gesellschaftsschicht sind in den Pfarreien nahe dem Stadtrand präsent. Allein innerhalb des S-Bahnrings überaltert die Gemeinde mehr und mehr.

Mit den Schwestern von der heiligen Elisabeth und den Schwestern der Kleinen Blumen von Bethanien-Mangalore bereichern zwei Frauenorden und mit Monte Crucis eine christliche Basisgemeinschaft das geistliche Leben vor Ort. In Buckow gibt es mit der Messfeier in der außerordentlichen Form sowie in lateinischer Sprache besondere spirituelle Angebote. Die Pfarreien tragen drei Kitas. Eine weitere wird von einer katholischen Elterninitiative betrieben. An allen 24 Grundschulen im Pastoralen Raum wird Religionsunterricht angeboten. Mit dem St.-Joseph-Krankenhaus des „Elisabeth Vinzenz Verbundes“, dem Caritas Behindertenpflegewohnheim St. Elisabeth, dem Betreuten Wohnen St. Teresa der Malteser, dem Caritas Seniorenwohnhaus Erna Lindner sowie der Caritas-Sozialstation Tempelhof-Nord sind nicht wenige katholisch-karitative Einrichtungen im Pastoralen Raum präsent.

Sabine Halfpap spricht von der unterschiedlichen Prägung der vier Pfarreien, wenn sie an die Kennlernphase denkt, vor der der Pastoralausschuss in den kommenden Monaten steht. Die Pfarrgemeinderatsvorsitzende von Lichtenrade sieht darin eine der großen Herausforderungen. Denn während Salvator und Maria Frieden zahlenmäßig große und junge Pfarreien mit vielen Familien und viel ehrenamtlichem Engagement sind, zählen die beiden anderen Pfarreien weit weniger Katholiken mit entsprechend weniger ehrenamtlichen Möglichkeiten. Kennenlernen, das bedeute zunächst, sich den Ängsten der kleineren Pfarreien zu stellen, weiß Halfpap mittlerweile. Denn diese befürchten, dass sie von den großen geschluckt werden könnten. „Wir müssen als Erstes gegenseitiges Vertrauen aufbauen und deutlich machen, dass wir auf Augenhöhe gemeinsam unsere Zukunft gestalten.“

Kennenlernen, das bedeutet für Halfpap auch, das gemeindliche Leben der anderen und deren Orte kirchlichen Lebens zu entdecken. Die anderen Pfarreien, gibt Halfpap zu, kenne sie bislang noch nicht besonders intensiv. In der Findungsphase habe sich ihre Pfarrei Salvator zunächst einmal mit den eigenen Einrichtungen näher befasst. „Nun möchte ich sehr gerne die Orte kirchlichen Lebens der anderen Pfarreien kennenlernen“, freut sie sich darauf, den Kreis weiterzuziehen.

Vielfalt als besondere Chance

Wie positiv sich Vernetzung über Pfarreigrenzen hinweg auswirken kann, das hat Halfpap bereits in der Findungsphase erleben dürfen. „Wir haben begonnen, erste Netzwerke in Bereichen zu bilden, in denen wir uns einen Erfahrungsaustausch und eine erste Zusammenarbeit über Pfarreigrenzen hinweg vorstellen konnten, zum Beispiel in der Seniorenarbeit, der Kinderliturgie, den Sternsingern, der Jugend- und Ministrantenarbeit“, berichtet sie. Langsam habe sich etwas verändert. So werde eine Seniorenfahrt mittlerweile raumübergreifend angeboten, eine gemeinsame Liedprobe der Sternsinger durchgeführt, über ein gemeinsames Zeltlager der Jugend nachgedacht. Zudem hat sich als erstes übergreifendes geistliches Angebot eine Fastenvortragsreihe etabliert, die an den verschiedenen Pfarrorten stattfindet.

Pfarrer Lau nimmt die Herausforderungen an. Der Pfarrer von Salvator versteht seine Aufgabe als Leiter der Entwicklungsphase als die eines Koordinators, der der Vielfältigkeit des katholischen Lebens im Pastoralen Raums dient. Er sieht in dieser Vielfältigkeit den Schatz der Kirche. „Es ist nicht das Ziel der Entwicklungsphase, alles zu vereinheitlichen, sondern vielmehr die Vielfalt zu erhalten“, meint er daher. „Die Chance des Prozesses liegt darin, dass wir uns als Gemeinschaft gegenseitig ergänzen und so Schwachstellen ausgleichen können“, meint Pfarrer Lau. „Bisher hat jeder für sich gelebt und gearbeitet. Nun wächst das Bewusstsein, dass wir alle Kirche sind und alles im Geiste zusammengehört.“ Darin liegt für Lau der Kern des geistlichen Prozesses „Wo Glauben Raum gewinnt“: „Es geht nicht in erster Linie um Verwaltungsverantwortung, sondern um die spirituelle Verantwortung, die wir füreinander haben.“ Auch diese geistliche Dimension gilt es kennenzulernen.