Zur Stärkung des kirchlichen Lebens„Vorläufige Richtlinie“ beschreibt die Rolle Muttersprachlicher Gemeinden im Pastoralen Prozess

Die "Vorläufigen Richtlinien" regeln das Miteinander von Muttersprachlichen Gemeinden und Pastoralen Räumen. Fotos: Herrmann

Palmsonntagsgottesdienst der portugiesisch-sprachigen Gemeinde in Mater Dolorosa im Prenzlauer Berg.

Zum Gottesdienst kommen Menschen aus Portugal, Mosambik, Brasilien, Angola und den Kap Verden.

Pater Tarcísio Darrós Feldhaus SCJ leitet die portugiesisch-sprachige Gemeinde.

Südländische Rhytmen: Organist Gabriel Viana (l.) begleitet das Hosanna der Schola mit einer Trommel.

Zahlreiche junge Familien prägen das Bild der Gemeinde.

Die Matthäus-Passion: die portugiesische Sprache bringt Menschen von drei verschiedenen Kontinenten im Glauben zusammen.

Jeden Samstagabend und Sonntagmorgen feiert die portugiesisch-sprachige Gemeinde ihre Messe.

Neben den Gottesdiensten setzt die Gemeinde unter anderem in der Ministrantenarbeit und mit einem Pfadfinderstamm Akzente.

Vater unser: Wie in fast allen Muttersprachlichen Gemeinden gibt es auch in der portugiesisch-sprachige Gemeinde viele Kinder.

Das Gesicht der Gemeinde ist jung.

Gemeinschaft erleben: Pater Tarcísio überreicht den Geburtstagskindern der Woche ein kleines Präsent der Gemeinde.

Die Muttergottes von Fátima wird von der Gemeinde besonders vererht.

Nach dem Gottesdienst bleiben viele zum Kirchencafé.

Auch die Jugend nutzt die Sonntagsmesse als willkommenen Treffpunkt.

Pater Tarcísio nutzt das Kirchencafé, um auf die Mitglieder seiner Gemeinde zu zu gehen.

Eine „Vorläufige Richtlinie für die Muttersprachlichen Gemeinden im Erzbistum Berlin“ regelt das Zusammenspiel zwischen den 17 Muttersprachlichen Gemeinden und den Pastoralen Räumen im Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“. Am 1. Mai tritt sie in Kraft.

„Hosana Hey. Hosana Há“, singt der Prozessionszug. Organist Gabriel Viana schlägt dazu die Trommel. Die Schola um ihn herum hilft den rhythmischen Jubelgesang vom Hof hinein in die Kirche zu tragen. Afrikanische Fröhlichkeit, brasilianische Begeisterung und portugiesische Getragenheit prägen die Palmprozession in Mater Dolorosa.

Rund 200 Gläubige, darunter zahlreiche Kinder und Jugendliche, sind am Palmsonntagmorgen in die Hinterhofkirche in der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg gekommen. Sie stammen aus Portugal und Brasilien, aus Angola und Mosambik, aus Guinea Bissau und von den Kap Verden. Jeden Sonntag, um 11 Uhr feiern sie gemeinsam die heilige Messe in ihrer Muttersprache: in Portugiesisch.

„Hier fühle ich mich zu Hause“, meint Tiago aus Lissabon. Neben seiner deutschen Pfarrkirche St. Mauritius in Lichtenberg besucht der Student regelmäßig die Gottesdienste der portugiesisch-sprachigen Gemeinde. „Palmsonntag ist eine besondere Messe, die ich lieber in meiner Muttersprache mit feiere.“ Der 16-jährige John Serrote ist mit seiner Familie aus dem Friedrichshain zur Kirche gekommen. „Meine Freunde sind auch da“, erklärt der Teenager aus Angola. „Wir treffen uns hier jede Woche.“ Auch Leoni Antonio Sanca fährt jeden Sonntagmorgen zur Kirche Mater Dolorosa. Von ihrer Wohnung in Lichtenberg braucht sie eine knappe halbe Stunde. Die junge Frau aus Guinea Bissau hat in der portugiesisch-sprachigen Gemeinde ihre Heimat gefunden. Sie singt in der afrikanischen Schola der Gemeinde kreolische Kirchenlieder.

Im Anschluss an den Gottesdienst bleiben nicht wenige zum Kirchencafé. Die Stimmung bei Tee und Gebäck ist ausgelassen. Ein Geburtstagskind hat eine Torte mitgebracht. Pater Tarcísio Darrós Feldhaus SCJ berichtet von einem lebhaften Gemeindeleben mit Kirchenchor, Bibelkreis und Sozialprojekt, mit Erstkommunion- und Firmunterricht, Pfadfinderstamm und Ministrantenarbeit. Der Herz-Jesu-Priester aus Brasilien leitet mit einer halben Stelle die rund 3.500 Katholiken starke portugiesisch-sprachige Gemeinde. „Jeden ersten Sonntag im Monat essen wir nach der Messe gemeinsam zu Mittag“, weist er auf eine Besonderheit des Kirchencafés hin. Dann tische jeweils eine andere Ländergruppe auf. Zeugnis der Geschwisterlichkeit und kulturelle Begegnung, die durch den Magen geht. „Wir Brasilianer essen vom Maniok nur die Wurzeln, die Afrikaner vor allem die Blätter“, lacht Pater Tarcísio.

Sprachprinzip versus Territorialprinzip

Die Gläubigen der portugiesisch-sprachigen Gemeinde leben zerstreut in Spandau und Tegel, in Lichtenberg und Mitte, in Potsdam und Wedding. Das gesamte Erzbistum gilt als Einzugsgebiet. Das traditionelle Territorialprinzip der deutschen Pfarreien spielt für die Gemeinde damit eigentlich keine Rolle. Zur Kirche im ehemaligen Katharinenstift kommt, wer in seiner Muttersprache und Glaubenstradition Gottes Nähe sucht. Und dennoch: Der Kirchort der portugiesisch-sprachigen Gemeinde liegt auf dem Gebiet der Pfarrei Corpus Christi. Sie nutzt Räume und Kirchengebäude der Territorialpfarrei und ist damit fest eingebunden in den Pastoralen Prozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ im Pastoralen Raum im Nordosten Berlins. Ihre Vertreter sitzen im Pastoralausschuss, um im Rahmen der Entwicklungsphase Gemeinde und Orte kirchlichen Lebens besser kennenzulernen und das künftige Zusammenwirken im Pastoralkonzept zu regeln. „Wir feiern schon jetzt gemeinsam die Christmette sowie den Gottesdienst an Gründonnerstag und gestalten zusammen das Patronatsfest an Fronleichnam“, berichtet Pater Tarcísio über das, was zwischen der deutschsprachigen Pfarrei und der Muttersprachlichen Gemeinde bereits gelebt wird. Was es noch alles geben könnte, darüber zeigt er sich unschlüssig: „Wir sind zwar im Pastoralen Prozess, aber so richtig weiß niemand, was passieren soll“.

Das ändert sich nun. Bereits Anfang April unterzeichnete Erzbischof Heiner Koch die „Vorläufige Richtlinie für die Muttersprachlichen Gemeinden im Erzbistum Berlin“, die zum 1. Mai in Kraft tritt. Sie regelt den Status der 17 Muttersprachlichen Gemeinden im Erzbistum und ihre Rolle im Pastoralen Prozess. „Die Katholiken nichtdeutscher Muttersprache … bereichern durch ihre religiösen, kulturellen und sozialen Traditionen das kirchliche Leben. Sie bringen die Weltkirche in unsere Pfarreien und in unsere Ortskirche“, heißt es dort. Und: „Die Muttersprachlichen Gemeinden haben ein unantastbares Recht, Gottesdienste, Sakramentenkatechese und kulturelle Veranstaltungen in der Sprache ihrer Heimat durchzuführen.“ „Wenn über 25 Prozent der Katholiken im Erzbistum Berlin eine nicht-deutsche Muttersprache haben, dann muss sich das auch im Pastoralen Bistumsprozess „Wo Glauben Raum gewinnt“ widerspiegeln“, betont Hermann Fränkert-Fechter. Der Abteilungsleiter für Kategoriale Seelsorge im Erzbischöflichen Ordinariat „sieht in den Pastoralen Räumen die große Chance, dass die Vielfalt unseres Glauben wertgeschätzt und zur gegenseitigen Bereicherung führt. Voneinander lernen, das geht am besten im gemeinsamen Tun und in der Bereitschaft, die jeweiligen Traditionen wahrzunehmen und zuzulassen“.

Für die Muttersprachlichen Gemeinden bildet die „Vorläufige Richtlinie“ den zweiten großen Entwicklungsschritt innerhalb des Pastoralen Prozesses. Bereits am 15. Juni 2016 konstituierte sich der „Rat der Muttersprachlichen Gemeinden“, der ihnen auf Bistumsebene eine Stimme gibt. „Das Erzbistum Berlin nimmt die Muttersprachlichen Gemeinden sehr ernst“, freut sich Anica Krstanović über diese Entwicklung. Die 47-jährige Unternehmensberaterin aus Steglitz ist eine der beiden Vorsitzenden des „Rats der Muttersprachlichen Gemeinden“ und steht dem Gemeinderat der kroatischen Gemeinde vor. „Erzbischof Woelki forderte im November 2013 die Muttersprachlichen Gemeinden dazu auf, sich aktiv in den Pastoralen Prozess einzubringen. Das haben wir sehr ernst genommen.“ Heute zeigen sich die Muttersprachlichen Gemeinden gut vernetzt und offen, eigene Impulse im Erzbistum zu setzen. „Es geht um die Stärkung des kirchlichen Lebens im Erzbistum“, benennt Krstanović das Ziel des Pastoralen Prozesses. Dazu heißt es in der „Vorläufigen Richtlinie“: „Jede Muttersprachliche Gemeinde ist aufgefordert, zur Stärkung des kirchlichen Lebens im Erzbistum Berlin beizutragen und das Miteinander mit anderen Gemeinden – deutschsprachigen und muttersprachlichen – zu fördern.“

Über die Grenzen hinaus

Die „Vorläufige Richtlinie“ nimmt das Miteinander von Muttersprachlichen Gemeinden und Pastoralen Räumen in den Blick, wo und wie sie sich in der Entwicklungsphase einbringen, was in einem Pastoralkonzept über das Miteinander angegangen werden sollte. So legt sie fest:

  • „Die Muttersprachlichen Gemeinden beteiligen sich an diesem Prozess, in dem sie in das Leben der jeweiligen Pfarrei eingebunden sind, auf deren Territorium sich ihr Hauptsitz befindet. Haben die Muttersprachlichen Gemeinden weitere Gottesdienstorte, kann auch in der dortige Pfarrei eine pastorale Abstimmung sinnvoll sein.“
  • „Unbeschadet der seelsorglichen Eingebundenheit in das Leben einer Pfarrei bleiben die Muttersprachlichen Gemeinden Einrichtungen des Erzbistums Berlin.“
  • „Die Seelsorger arbeiten im Pfarrteam der Pfarrei mit“, in dem sie ihren Hauptsitz haben.
  • „Muttersprachliche Gemeinden wählen einen eigenen Gemeinderat und entsenden zwei Vertreter in den Pfarreirat, in dem sie ihren Hauptsitz haben.“

„Wir sind seelsorglich eingebunden im Pastoralen Raum, bleiben aber eine Einrichtung des Erzbistums. Daraus entsteht die Freiheit, die Charismen der Muttersprachlichen Gemeinde dort einzubringen, wo es am besten für Gemeinde und Erzbistum ist. Die Richtlinie lässt die Freiheit, etwas kreativ zu entwickeln, Freiheit für mehr Vernetzung, Kommunikation, Austausch und Inspiration“, erklärt Krstanović den zentralen Kern der „Vorläufigen Richtlinie“. Sie blickt über die Grenzen Pastoraler Räume hinaus. „Muttersprachliche Gemeinden sollten sich nicht allein auf einen Pastoralen Raum fokussieren, sondern sie können einen Beitrag für die Kirche in ganz Berlin leisten, da ihre Gemeindemitglieder überall leben. Das ist eine große Chance im Pastoralen Prozess.“ Krstanović denkt an Projekte in katholischen Schulen, an das Engagement beim diözesanen Weltjugendtag, an den internationalen Rosenkranz der Kinder, an Kooperationen mit jenen Pastoralen Räumen, in denen viele Gläubige einer Gemeinde leben. „Nun müssen wir sehen, wie die ,Vorläufige Richtlinie‘ in der Entwicklungsphase umgesetzt wird. In drei Jahren kommen sie noch einmal auf den Prüfstand.“

Den Text der „Vorläufigen Richtlinie“ finden Sie hier.