Radiowort

Mitleid behindert

17. August 2018 Erzbischof Dr. Heiner Koch

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Unsere heutige Welt bietet viel für alle, die mithalten können und bereit sind, die Spielregeln unserer modernen Gesellschaft zu beherzigen. Leistung bringen, sich durchsetzen, zeigen was man kann. Diese Eigenschaften versprechen einen Sonnenplatz im Leben. Diejenigen, die nicht ins Raster passen, sind schnell abgehängt und werden oft nicht ernst genommen. Es gibt jedoch viele, die durch Krankheit, durch einen Unfall oder auch von Geburt an körperlich oder geistig eingeschränkt sind. Wie gehen wir damit um?

Fast jeder Zehnte gilt als schwerbehindert. Sicher gibt es da große Unterschiede. Aber gerade, wenn uns Mitmenschen begegnen, die offensichtlich körperlich oder geistig behindert sind, löst das oft Verunsicherung aus. Vorurteile und falsche Bilder über Behinderungen gehen dann durch die Köpfe. Gedanken wie: Menschen mit Behinderung brauchen immer Hilfe, sie können nicht selbständig leben, man muss alles für sie erledigen. Von solchen Haltungen müssen wir uns verabschieden. „Ich weiß, was gut für dich ist“ ist vielleicht nett gemeint, nimmt das Gegenüber aber nicht ernst. Wir müssen weg von der reinen Fürsorge, hin zu einem Bewußtsein, das die Selbstbestimmung stärkt. Das neue Bundesteilhabegesetz beschreitet diesen Weg konsequent. Es stärkt die Rechte und die Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Das Gesetz ist eines der wichtigsten sozialpolitischen Initiativen der kommenden Jahre. Aber noch wichtiger als gesetzliche Veränderungen ist, dass wir uns selbst ändern.

Fragen wir uns doch einmal wie wir auf Menschen mit Handicaps schauen? Mit Mitleid? Mit Achtung? Sehen wir sie als Mitmenschen mit Rechten und Pflichten? Unterstützen wir sie, oder bestimmen wir über sie? Warum tun wir uns so schwer, wenn es um die Schaffung von behindertengerechten Arbeitsplätzen geht? Immer noch zahlen viele Unternehmen lieber die Ausgleichsabgabe, statt Mitarbeiter mit Behinderung einzustellen.

Behindert ist man nicht, behindert wird man, heißt ein populärer Slogan. Da ist etwas dran. Eine Veränderung des Blickes auf unser Gegenüber ist überfällig. Vor Gott sind alle Menschen gleich. Von Gott her haben alle Menschen ihre persönlichen Begabungen auch zum Dienst an allen Menschen. Jeder ist wichtig und bedeutsam. Daraus ergibt sich ein Anspruch an uns alle. Den Nächsten zu achten. Herauszufinden, was er möchte und was ihm wichtig ist, statt ihn auszugrenzen. Dabei können auch wir Eigenschaften entdecken, von denen wir selbst noch etwas lernen.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.

Wort des Bischofs

vierzehntägig samstags, 9.50 Uhr

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