„Runter vom hohen Ross!“

Ich habe mich schon manches Mal gefragt: Was mag wohl das Pferd des Heiligen Martin gedacht haben, als sein Reiter es am Stadttor von Amiens so unmittelbar vor dem Bettler zum Stehen brachte?  Pferde sind ja intelligente Tiere. Es war vermutlich ein großes Pferd, kraftvoll und schön anzusehen, ausdauernd beim Laufen und erprobt im Kampf. Immerhin war Martin ja ein bedeutender römischer Offizier.

Wahrscheinlich hat das Tier den frierenden Bettler am Weg schön früher wahrgenommen und wäre ohnehin instinktiv ausgewichen, hätte sein Reiter nicht unvermittelt „die Bremse betätigt“. Zugleich mag das Pferd gedacht haben: Wieso hält er mich an vor dieser elenden, frierenden Gestalt, die dem Tode geweiht ist ?  Und als dann der Reiter noch anfängt, seinen Mantel von der Schulter zu streifen und nach seinem Schwert greift, um ihn in zwei Teile zu schneiden, mag das Pferd gedacht haben: ich bin nur das Reittier. Hoffentlich übersteht er den Ritt im halbem Mantel durch die kalte Nacht.

Liebe Hörerinnen und Hörer, in der kommenden Woche werden wir uns wieder an diese Legende vom Heiligen Martin erinnern. So manche Lichterprozession muss zwar wegen Corona abgesagt werden. Aber Sie können die Geschichte trotzdem lebendig werden lassen: Sie können sie ihren Kindern erzählen und dabei immer wieder neu ausmalen.  Und ich bin überzeugt: auch wir Erwachsene werden uns in Gedanken mitnehmen lassen, wenn die alte und immer wieder neue Botschaft von der christlichen Barmherzigkeit wie jedes Jahr am 11.November, dem Namenstag des Heiligen Martin, auf der Tagesordnung steht. 

Wir fragen uns in diesen Wochen angesichts der Krise oft: Was gibt uns seelischen Halt? Was trägt eigentlich im Leben?  Martin wurde im wörtlichen Sinn von seinem stolzen Reittier getragen. Er konnte sich darauf sicher fühlen. Trug es ihn doch hoch zu Ross hinweg über die Probleme derer, die am Boden lagen. Aber seelischen Halt fand Martin in der Stimme seines Herzens, die ihm sagte: steigt ab von deinem hohen Ross und wende dich dem Leidenden am Boden zu, und zwar wirkungsvoll, also so, dass es ihm tatsächlich hilft - auch wenn es dich etwas kostet.

Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende und morgen einen segensreichen Sonntag.