Wir vergeben und bitten um Vergebung

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„Wir vergeben und bitten um Vergebung“ dieser Satz aus dem Brief der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder aus dem Jahr 1965 bewegt mich noch heute. Es besteht kein Zweifel, dass Nazi-Deutschland den Krieg begonnen hat, Millionen unserer polnischen Nachbarn brutal ermordet und in Polen den Holocaust organisiert und durchgeführt hat. Und dennoch finden die polnischen Bischöfe zwanzig Jahre nach Kriegsende Worte der Aussöhnung.

„Wir vergeben und bitten um Vergebung“. Was für eine große Geste!
80 Jahre nach Kriegsbeginn leben nur noch wenige Menschen, die den Zweiten Weltkrieg erlitten und überlebt haben. Den „Anfang vom Ende“ des eisernen Vorhangs verdanken wir Deutschen den tapferen Polen in Danzig und an anderen Orten genauso wie dem unerschrockenen Papst Johannes Paul II. aus Polen.

Seit 30 Jahren ist nicht nur die innerdeutsche Grenze, sondern auch die nach Polen offen, doch immer noch stehen fehlende Sprachkenntnisse – vor allem auf deutscher Seite – einer weiteren Annäherung im Weg. Noch immer wissen wir viel zu wenig über unsere polnischen Nachbarn und ignorieren häufig, dass sie selbst auch Opfer einer brutalen innerpolnischen Umsiedlung waren.

Es gibt so viele Gründe auf unsere Nachbarn zuzugehen mit der Bitte um Vergebung, mit der ausgestreckten Hand und mit der Einladung zum Gespräch. Der Brief der polnischen Bischöfe hat nichts an seiner Aktualität verloren: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“.

Wir gehen aufeinander zu, Deutsche und Polen. Als Katholiken sprechen wir natürlich auch über unseren Glauben, unsere Frömmigkeit, die sich links und rechts der Oder doch ziemlich unterscheidet, über Kirche in einer Gesellschaft, die sich auch in Polen zunehmend säkularisiert und natürlich darüber, wie wir Versöhnung heute buchstabieren können.

Wir sprechen über die leidvolle Geschichte, ohne die wir die Gegenwart nicht verstehen und eine friedliche Zukunft nicht ermöglichen können und natürlich beten wir miteinander. Ich lade Sie alle – Deutsche wie Polen – nach St. Joseph im Wedding ein. Dort werden wir am Sonntag um zehn gemeinsam Gott um Vergebung und Versöhnung bitten.

„Wir vergeben und bitten um Vergebung“. Das gilt im Großen aber auch im Kleinen. Fehler, Schuld und Sünde einzugestehen ist nicht einfach, aber es steht am Beginn. Vergebung ist das größte Geschenk, das wir einander machen können – und das schwerste.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag.

Wort des Bischofs

vierzehntägig samstags, 9.50 Uhr

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