Aufbruch zum Weltjugendtag 2016

Die syrische Trommelgruppe leitet den Aufbruch zum Weltjugendtag 2016 in Krakau ein. Foto: Johanna Gräber

Polnische Volontäre singen die offizielle Hymne zum Weltjugendtag. Foto: Johanna Gräber

Schwester Norberta KMB erzählt vom Leben der heiligen Schwester Faustina. Foto: Johanna Gräber

Erzbischof Heiner Koch beim Gottesdienst. Foto: Johanna Gräber

Beginn des "Nightfever". Foto: Johanna Gräber

Die Stimmung in der St. Matthias-Kirche in Schöneberg ist am 12. März wuselig. Etwa 500 Jugendliche haben sich hier eingefunden. Jeder kennt irgendwen, manche haben sich lange nicht mehr gesehen, alle unterhalten sich und sind gespannt. Auf einmal dröhnen laute Trommelschläge durch den Raum und alles ist ruhig. Mit dem Aufritt der Blas- und Trommelgruppe aus der syrisch-orthodoxen Gemeinde beginnt der Aufbruch zum Weltjugendtag 2016 in Krakau – und wie.

Nachdem Pfarrer Ulrich Kotzur uns Jugendliche aus den Bistümern Berlin und Magdeburg begrüßt und kurz einen Überblick über das Programm verschafft hat, stimmen Volontäre aus Polen die Hymne des Weltjugendtages an und berichten ein wenig über die Fortschritte bei der Planung und Gestaltung. Der mitgereiste Priester erzählt uns seine unglaubliche Geschichte: Während einer langwierigen Erkrankung, aus der er schon keinen Ausweg mehr sah, wandte er sich an Gott. Würde er ihm zur Heilung verhelfen, versprach der Mann, so würde er sein restliches Leben ausschließlich der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen widmen. „Und jetzt seht, wo ich bin“, sind seine abschließenden Worte. „Gottes Barmherzigkeit ist unermesslich“.

Zu Beginn der Katechese sollen wir die Menschen um uns herum besser Kennenlernen. Ich sitze in Mitten der Jugendlichen von der Maronitischen Mission und lerne zwei Josephs kennen. Als ich frage, ob sie mit nach Krakau fahren, antwortet einer: „Ich weiß noch nicht. Mal schauen, was das nächste halbe Jahr noch so bringt. Lust hätte ich eigentlich schon“. Die zwei Jugendlichen, die neben mir sitzen kommen aus Blankenfelde, ein Junge und ein Mädchen. Das Mädchen fährt mit nach Krakau, der Junge nicht. Warum er trotzdem heute hier ist? Der Aufbruch ist für ihn eine Möglichkeit über den Glauben nachzudenken und sich mit ihm auseinander zu setzen. Ein Mädchen aus Kaulsdorf fährt mit nach Krakau, wollte aber beim Aufbruch auch mit dabei sein, um zu sehen, wie viele Jugendliche aus der Umgebung auch katholisch sind, die Gemeinschaft dadurch zu erfahren. Ihr Highlight war der Gottesdienst, „Gott nahe zu sein, mit so vielen Jugendlichen“.

Der besondere Höhepunkt heute ist der Vortrag von Schwester Norberta  aus dem Konvent der Marienschwestern der göttlichen Barmherzigkeit. Sie erzählt uns von der Heiligen Schwester Faustina, der Jesus erschienen ist, und vor allem von Barmherzigkeit. Sie liest Ausschnitte aus dem Tagebuch der Faustina vor und erzählt Ereignisse, von denen andere Schwestern berichteten. Ein Satz ist mir besonders hängen geblieben. Schwester Norberta berichtet von einem Buch, das Schwester Faustina geschrieben hat in dem sie bittet, „dass ihre Augen, dass ihre Ohren, ihre Zunge, ihr Gehör, ihre Beine und ihr Herz barmherzig sind“. Es geht also nicht nur darum, als Person barmherzig zu sein, sondern in jedem einzelnen Körperteil Barmherzigkeit zu spüren und zu fördern. Also zum Beispiel ein barmherziges Gehör, das auch Hilferufe hört, die nicht laut ausgesprochen sind.

In einer von Jugendlichen vorbereiteten Fragerunde berichtet Schwester Norberta von sich selbst und ihren eigenen Ansichten zur Barmherzigkeit. Auf die Frage, ob jeder Mensch Barmherzigkeit verdient hätte, antwortet sie, dass Barmherzigkeit gänzlich unverdient ist, weil Jesus aus Liebe zu uns gestorben ist. Sogar aus Liebe zum größten Sünder.

Um 18 Uhr ziehen zahlreiche Ministranten mit großem Einzug und Weihrauch zur Feier der Vorabendmesse ein. Das Evangelium vom fünften Fastensonntag erzählt die Geschichte der Ehebrecherin. Die Barmherzigkeit Jesu wird darin noch einmal ganz deutlich. „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“, sagt er. Alle gehen, ohne einen Stein geworfen zu haben. Er urteilt nicht über die Ehebrecherin, sondern fordert sie auf zu gehen und mit Gott zu leben. 

Erzbischof Koch beginnt seine Predigt mit einem Zitat von Hermann Hesse. „Leben ist einsam sein“, heißt es da. Dieser unerwartete Einstieg macht neugierig und aufmerksam. Ich bemerke, dass viele auf einmal nachdenklich wirken. Die Kirche ist bis auf die Stimme des Erzbischofs so still, dass man eine Stecknadel fallen lassen und hören könnte, wie sie den Boden trifft. Er fährt fort und erzählt von der Einsamkeit der Großstädter, die er erfahren hat, davon, dass es gut ist, „wenn es die Barmherzigkeit gibt“ und von Gottes grenzenloser Liebe. Mich persönlich berührt diese Predigt sehr. „Gut, dass ihr die Fackel hochhaltet“, sagt er zu uns. Es ist schön zu hören, dass da jemand ist, der sich über gläubige Jugendliche freut.

Zum Auszug singt die Jugendschola der polnischen Gemeinde nochmals die Hymne. Mir fällt erst jetzt auf, wie viele die Hymne mitsingen können, obwohl sie auf Polnisch gesungen wird. Besonders gefällt mir die Begleitung mit Gitarre und Geige. Bei diesem Zusammenspiel bekomme ich sogar eine leichte Gänsehaut.
Nach der Messe gibt es zum Ausklang zwei Angebote: Anbetung in Form von gemeinsamem Singen und Beten in der Kirche oder Essen und Informationsstände auf dem Pfarrhof. Viele laufen zum Pfarrhof, um dort die polnischen Spezialitäten zu probieren und sich auszutauschen, einige bleiben zum sogenannten „Nightfever“ in der Kirche, die nun bis auf den Altarraum und einige Kerzen dunkel ist.

Das Alles hat Lust auf mehr gemacht – zu sehen, wie viele Leute in meinem Alter den gleichen Glauben haben, zu sehen, dass man nicht alleine damit ist. Bis jetzt hatte ich nicht geplant, mit zum Weltjugendtag zu fahren. Aber wer weiß, vielleicht fahre ich doch noch mit, vielleicht findet sich noch ein freier Platz. Mal sehen, was die Zeit bis dahin noch bringt. Meine Neugier ist auf jeden Fall geweckt.