Das Böse vertreiben

Rabbinerin Natalia Verzhbovska und Monsignore Hansjörg Günther

Begleitend zur ökumenischen Kampagne „#beziehungsweise: jüdisch und christlich – näher als du denkst“ startete „die Kirche“ eine begleitende Reihe von Doppelinterviews. Im Februar fragt Esther Hirsch, Kantorin und theologische Referentin im House of One, Rabbinerin Natalia Verzhbovska und den katholischen Monsignore Hansjörg Günter, was ihnen die Feste Purim und Karneval bedeuten und wie sie dieses feiern. Ein Gespräch über viel Lärm, Wein und die Erinnerung an eine große Freude. 

Was bedeutet Karneval ursprünglich? 

Günther: Den Begriff Karneval an sich gibt es erst seit dem 17. Jahrhundert. Heute wird Karneval oft synonym verwendet für Fastnacht oder Fasching, es gibt aber große regionale Unterschiede. Der Begriff Karneval könnte vom mittellateinischen „carne le vale“ kommen, Fleischwegnahme. Oder von „carrus navalis“, dem Schiffskarren, der bei feierlichen Umzügen mitgeführt wurde. Andere leiten ihn von „carne vale“ her. Aber die Übersetzung „Fleisch lebe wohl“ ist nicht belegbar. In jedem Fall ist es ein Frühlingsfest, das vor der Fastenzeit gefeiert wird. Da wird noch mal richtig auf den Putz gehauen und gegessen, um die Vorräte aufzubrauchen, bevor die fleischlose Zeit beginnt. 

Karneval bedeutet nicht nur Spaß? 

Günther: Es gibt verschiedene Facetten: den rheinischen Karneval, die Fastnacht im Alemannischen oder den Fasching, den ich aus Bayern kenne. Die eigentlichen Wurzeln des Karnevals liegen nicht nur im Spaß. Gesellschaftliche Prozesse werden reflektiert und auch ernste Themen angesprochen. Im vorigen Jahr zeigte ein Wagen einen großen Kopf, aus dem eine Pistole mit der Aufschrift „Rassismus“ ragte, darunter die Worte „NSU, Lübke, Halle, Hanau“. 

Purim scheint vom Wortsinn her ein ganz anderes Fest zu sein. Der Name Purim leitet sich von dem Wort „pur“ (Plural Purim) ab, was so viel wie „Los“ bedeutet. Aufgrund der Lose, die der persische Wesir Haman ziehen ließ, sollte der Vernichtungstag des jüdischen Volkes bestimmt werden. 

Verzhbovska: Beim Karneval geht es um den Abschied vom Essen, um die Vorbereitung auf das Fasten. Bei Purim ist es umgekehrt: Wir fasten vorher. Der Tag vor Purin heißt „Fasten Esther“. Es erinnert daran, dass Esther und ihr Volk fasteten, während sie G'tt um Rettung vor Hamans Dekret anflehten. Purim selbst ein Fest der großen Freude über die Errettung des jüdischen Volkes von dem grausamen Plan des bösen Großwesir Haman. Der höchste Regierungsbeamte des persischen Königs Achaschwerosch plante im vierten Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung alle Jüd*innen im persischen Königreich zu töten. Die Königin Esther war Jüdin. Sie bewegte ihren Mann dazu, unterstützt durch ihren Onkel Mordechai, den Jüd*innen per Dekret das Recht auf Selbstverteidigung gegen Übergriffe zuzuge stehen. Diese verteidigten sich erfolgreich und Hamans Plan scheiterte. Die Umkehr des Lebens wie beim Karneval steckt auch in Purim. „Pur“, das „Los“ hat mit Schicksal zu tun. Von der drohenden Vernichtung geht eine Spannung aus. Würde ein Wunder geschehen? Und dann die große Umkehr des Schicksals, die Freude über das Happyend. Gott errettet sein Volk, immer. 

Hat Purim auch verschiedene Aspekte wie Karneval? 

Verzhbovska: Die Rabbinen sagen: Wenn wir uns verkleiden, sind wir nicht erkennbar. Auch Königin Esther verbarg zunächst ihre jüdische Herkunft vor ihrem Mann. Ein weiterer Aspekt: Niemals erscheint der Name G'ttes im Buch Esther. Trotzdem ist G'tt immer da. Er versteckt sich hinter der theatralischen Kulisse der Geschichte. Zu Purim gehört auch das Gebot, Geschenke für Bedürftige zu spenden, damit diese auch Freude erleben. Früher verbargen die armen Menschen ihre Gesichter hinter Masken, als sie in den Häusern Spenden sammelten, um ihre Würde zu bewahren. Purim ist nicht nur Karneval, nicht nur Verkleidungsparty. Hinter dem Fest stehen auch religiöse Gebote. 

Beide Feste finden im Frühling statt. Und sie haben gleiche Bräuche, wie Krach zu machen und ausgelassen sein unter dem Einfluss von Alkohol. Was hat es mit dem Krach bei Purim auf sich? 

Verzhbovska: Wird der Name Haman während der Lesung gelesen, lärmen die Menschen mit Ratschen, Rasseln und Buh-Rufen. Der Name des Bösen soll nicht gehört werden. Denn in der jüdischen Tradition bedeutet ein Name eine Existenz. Wenn wir alles tun, damit dieser Name im Lärm untergeht, zerstören wir nicht nur den bösen Haman, sondern die Existenz des Bösen. 

Günther: Das zeigt mir, wie ähnlich die Wurzeln sind. Zwar lässt sich Purim im Kern nicht vergleichen mit Fastnacht, Fasching oder Karneval. Purim ist das große Erinnerungsfest der Errettung. So ein Fest der Erinnerung an die eigenen Wurzeln ist Karneval nicht. Aber die Vertreibung des Bösen und des Winters, die Sehnsucht, eine andere, ein anderer zu sein, sich zu verkleiden, auch bunt zu sein, gleichen sich. Und der Wunsch, dass das Leben nicht immer grau ist, sondern aus Trauer und Freude besteht. 

Gehört Karneval gar nicht in die Kirche im Gegensatz zu Purim? 

Günther: Wir feiern zunehmend auch Karnevals-Gottesdienste, wo Kinder verkleidet kommen, eine Büttenpredigt gehalten wird, eine Predigt in Reimform. Aber von den Wurzeln her ist es kein religiöses Fest. 

Während der Karneval die Straßen bevölkert, ist Purim hier nur in den Synagogen zu Haus. 

Verzhbovska: Ursprünglich gehörte das Fest Purim nicht zum jüdischen Kalender. Bis Mordechai, einer der Helden aus dem Buch Esther, allen Juden befahl, dieses Fest zu feiern. Es war nicht so einfach, es im jüdischen Kalender zu integrieren. Denn diese Geschichte erzählt das Schicksal von den Diasporajuden, die verfolgt, bedroht und vernichtet wurden. Nicht alle jüdischen Gemeinschaften begrüßten ein Fest, das den Tod eines böses Premierministers feiert. Ich glaube deshalb wird Purim nur in den Synagogen gefeiert. Juden waren und sind bis heute immer vorsichtig. Aber schließlich fand Purim doch einen festen Platz im jüdischen Kalender wegen seines Grundgedankens: dass wir immer, auch in den schwierigsten Zeiten nie die Hoffnung verlieren müssen, weil Gottes Errettung kommt. Und die Geschichte stellt auch die Frage, was es bedeutet, jüdisch zu sein wie Königin Esther. Obwohl sie Königin in einer Diaspora war, gehörte sie doch zu ihrem jüdischen Volk. Was bedeutete das für sie? Und was bedeutet das heute für mich? Wenn wir Purim feiern, beantworten wir die Frage nach der Zugehörigkeit zur jüdischen Gesellschaft, Kultur, Tradition. Und wenn wir betonen, dass Purim ein Fest der Kinder ist, meinen wir: Die Kinder sind die Hoffnung unseres Volkes. 

Warum wird dem Alkohol so zugesprochen bei Karneval und bei Purim? 

Günther: Ich glaube, das hat keine religiösen, sondern kulturelle Wurzeln, dass man so über die Strenge schlägt. Wein - da sind Judentum und Christentum sich auch sehr nahe - ist ein sehr edles Getränk. Ohne Wein ist eine Eucharistiefeier nicht denkbar. 

Aber hat es nicht auch beim Karneval etwas damit zu tun, dass alle auf Augenhöhe sind und vielleicht geht das einfacher wenn man vorher einiges getrunken hat? 

Günther: Ganz sicher. Beim Karneval trafen sich auf der Straße alle Stände und tanzten. Und das miteinander Tanzen und Singen wird durch Alkohol natürlich leichter. 

Wie sieht das bei Purim aus? 

Verzhbovska: Wie kommen Sie in eine freudige Stimmung, die zu Purim vorgeschrieben ist, wenn Sie eigentlich traurig sind? Durch schöne Kleidung, gutes Essen und Wein. Es gibt noch einen zweiten Grund: Einmal im Jahr trinken wir so viel Alkohol, wie es ein Gebot vorschreibt, dass wir nicht mehr zwischen dem frommen Mordechai und dem bösen Haman unterscheiden können. Dabei spielen klare Grenzen sonst eine große Rolle im Judentum. Aber einmal im Jahr existieren sie nicht mehr. Plötzlich sind wir nicht mehr klar. Purim sagt selbstkritisch: Auch dir kann es passieren, dass du gut und böse nicht unterscheiden kannst.

Ich glaube, da sind wir wieder bei vielen Gleichheiten. 

Günther: In den Karnevalsregionen wird viel Bier getrunken. Trotzdem trifft auch hier zu: „in vino veritas“, „im Wein liegt Wahrheit“. Alte Narrenfiguren halten einen Spiegel in der Hand. Endlich ist es möglich, einem anderen ungeschminkt die Wahrheit zu sagen, ihm den Spiegel vorzuhalten, egal ob Fürst oder Bauer. Alkohol erleichtert es, bei allen Gefahren, auch gesellschaftliche Konventionen und Hemmnisse hinter sich zu lassen. Übrigens glaube ich, in der Corona- Zeit fehlt uns alles, was Karneval und Purim ausmacht: dass wir miteinander in Beziehung leben, Alltag in Gemeinschaft gestalten und freudig feiern. 

 

Purim, Freude über die Rettung des jüdischen Volkes

Zum zweiten Monatsplakat (Februar 2021): „Wir trinken auf das Leben“ Kleine und große Clowns, Ritter, Prinzessinnen, Monster, Hexen, Zebras, Hasen und andere fantasievoll gekleidete Gestalten haben sich in der Synagoge versammelt, machen Krach mit Hilfe von Rasseln, trampeln mit den Füßen, pfeifen und bringen „Buh“-Rufe aus. Und all das bei der Verlesung eines biblischen Buches? Purim ist das Lieblingsfest jüdischer Kinder, denn sie dürfen sich nach Herzenslust verkleiden und brauchen nicht still sitzen, weil der Lärm sogar Teil der Liturgie ist. Wann immer der Übeltäter Haman genannt wird, bricht ein enormer Krach aus, um dessen Namen auszulöschen. Das Hören der Esther-Geschichte ist das wichtigste Gebot des Festes. Daneben ist es üblich, einander Süßigkeiten und selbst zubereitete Speisen zu schenken. Das typische Gebäck für Purim sind die „Haman-Taschen“ oder „Haman- Ohren“, dreieckige, mit Mohn, Datteln oder Marmelade gefüllte Kekse. Bedürftige Menschen werden mit Lebensmitteln oder mit Geld bedacht, damit auch sie sich Festmahlzeiten leisten können. Und warum heißt es „Esther-Rolle“? Weil der Text des Esther-Buchs aus einer auf Pergament handgeschriebenen Rolle (Megillah), ähnlich einer Torah-Rolle, vorgetragen wird.

Rabbinerin Ulrike Offenberg

 

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