Schlaglicht

aus dem Erzbistum Berlin

Das Vaterunser vergisst man nichtMalteser bieten eine Andachtsfeier für demente Menschen an

Berlin (KNA) Frau Schmidt hat oft Schwierigkeiten, sich an Alltägliches zu erinnern. Jetzt aber steuert sie zielstrebig auf einen freien Platz in der Kapelle zu. Als sie sich erleichtert hinsetzt, ertönt hinter ihr der Ruf: "Frau Schmidt, Sie müssen doch erst noch Ihre Jacke ausziehen!"

Für Menschen wie Frau Schmidt, denen das Gedächtnis im Alter Schwierigkeiten bereitet, hat der Malteser Hilfsdienst in Berlin eine besondere Andacht ins Leben gerufen. Einmal im Monat laden die Malteser samstags Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen in die Kapelle ihrer Charlottenburger Zentrale ein. Es ist der Versuch, eine oftmals vergessene Gruppe mit besonderen Bedürfnissen zu erreichen.

Vertraute Gebete und Kirchenlieder aus der Jugend

Klaus Kaiser, der Leiter Soziale Dienste bei den Maltesern, ist zufrieden. Knapp zwei Dutzend Menschen sind zur ersten Andacht aus ganz Berlin gekommen. Eine von ihnen, Katharina Ruppersberg, hat ihre Betreuerin aus dem Wohnheim des Hilfsdienstes in Lankwitz mitgebracht. Die 92-Jährige sitzt ganz vorne und singt mit Inbrunst die alten Lieder mit. Die Texte kennt sie von früher. Sich an Dinge aus der Vergangenheit zu erinnern, fällt der alten Dame leicht, das Tagesgeschehen hingegen bereitet ihr zunehmend Schwierigkeiten.

Demenz ist für Betroffene wie für Angehörige beängstigend. Der Alltag verändert sich, wenn einem der eigene Name und Wohnort nicht mehr selbstverständlich einfallen. Was lange zurückliegt, bleibt dem Gedächtnis aber - wie die vertrauten Gebete und Kirchenlieder aus der Jugend - oft am längsten erhalten, erzählt die Initiatorin der Andacht, Susanne Karimi. Sie ist bei den Maltesern für die Beratung von Angehörigen zuständig, entwickelt aber auch Angebote für Menschen mit Demenz.

Die Generation, die heute an Demenz leidet, ist in jüngeren Jahren meist kirchlich aktiv gewesen, weiß Karimi. Als sie selbst in der stationären Pflege tätig war, sei ihr aufgefallen, dass viele Betroffene sich an religiöse Riten gut erinnern können: "Gebete und andere religiöse Rituale können unglaublich gut abgerufen werden." Das aktiviere die Menschen und gebe ihnen Vertrauen.

Der Wunsch nach einem spirituellen Erlebnis bleibt

Die Andacht ist vorerst ein Experiment. Doch die Malteser-Expertin ist überzeugt, dass es ein wichtiges Angebot ist. Denn Lieder, Gebete und die Struktur einer Messe sind den alternden Menschen meist lieb und vertraut. Im Alltag eines Menschen mit Demenz ist das selten und daher umso wichtiger. Ein Gottesdienst wäre für die meisten zu lang und zu verwirrend, sagt die Demenzkoordinatorin. So sei die Idee entstanden, ein geistliches Angebot zu entwickeln, das auch für Menschen mit Demenz geeignet ist - kurz und einfach.

"Hört, es singt und klingt mit Schalle", stimmt der Seelsorger Gerhard Heumüller zusammen mit den Besuchern an. Auch wenn die Details des Alltags nicht mehr präsent sind - der Wunsch nach einem spirituellen Erlebnis bleibt, davon sind die Initiatoren überzeugt. Heumüller ist Gemeindereferent in der benachbarten Herz-Jesu-Gemeinde und betreut einige ältere Gemeindemitglieder. "Ich versuche, die Andacht mit einfachen Gedanken und Symbolen zu gestalten", erklärt er. Auch bei der Musik sei es wichtig, ruhige und altbekannte Lieder auszuwählen.

Die Idee, geistliche Angebote für alternde Menschen zu schaffen, ist nicht ganz neu. Gottesdienste, Andachten und Segnungen für Menschen mit Demenz haben evangelische Hilfsdienste und Verbände schon seit einiger Zeit im Angebot. Mit den Maltesern hat in Berlin nun aber erstmals ein katholischer Träger die Idee aufgegriffen. Ein ökumenisches Angebot könne also nicht mehr weit sein, sagt Klaus Kaiser mit einem Augenzwinkern. Zusätzlich zu dem spirituellen Angebot bietet der Malteser Hilfsdienst auch kulturelle Veranstaltungen für demente Menschen an.

Wir haben Zeit

Die tiefen Töne des Kontrabasses dringen bis in den letzten Winkel der Kapelle. Gerhard Heumüller spricht von der Dunkelheit, die oft über das Leben fällt. Er erinnert daran, das Gottes Licht in die Welt gekommen ist, "auch für jeden, der heute hier ist". Die betagten Besucher zünden Teelichter an, die kleinen Flammen erleuchten die Gesichter der Besucher.

Nach der Andacht pustet Katharina Ruppersberg ihre Kerze vorsichtig wieder aus. Trotz der langen Anfahrt aus dem Berliner Süden will sie auf jeden Fall wieder kommen. "Es ist schön, gemeinsam zu singen", sagt sie. Und fügt dann hinzu: "Was wir Alten haben, ist doch die Zeit."