Schlaglicht

aus dem Erzbistum Berlin

"Das Verlustgefühl ist groß"Berliner Experten über die Umnutzung von Sakralbauten

Berlin (KNA) Denkmalschützer aus ganz Europa schlagen Alarm. In vielen Ländern drohe ein massiver Verlust von Kirchen und Synagogen, warnt das neue internationale Netzwerk "Future for Religious Heritage", zu deutsch: "Zukunft für religiöses Erbe". Bereits heute geschehe dies "fast lawinenartig in den Niederlanden und zunehmend auch in Belgien". Am Mittwochabend beleuchteten Vertreter von Kirchen, Senat und Bauwirtschaft die Situation in Berlin.

Matthias Hoffmann-Tauschwitz von der evangelischen Landeskirche gab zunächst Entwarnung. "Das Gespenst eines großen Leerstandes vieler Kirchen hat sich nicht bewahrheitet", betonte der Kirchenoberbaurat in der Bildungsstätte "Urania". Nach seinen Angaben wurden in den vergangenen 20 Jahren von über 300 evangelischen Kirchenbauten in der Bundeshauptstadt 4 entwidmet, davon eine abgerissen. Bei den Katholiken sind es 11 von über 100 Gotteshäusern, davon wurden 2 abgerissen. 

Dennoch wachsen die Probleme. Es sind nicht nur die rückläufigen Zahlen bei den Besuchern der Gottesdienste, die nach neuen Nutzungen fragen lassen. Nach Fusionen müssen viele Gemeinden oft mehrere Sakralbauten unterhalten, mit steigenden Kosten für Gebäudeerhalt und Heizung.

Die beiden großen christlichen Konfessionen gehen unterschiedlich damit um. Mit Blick auf zusätzliche Nutzungen ist im Protestantismus "erstaunlich viel" möglich, so Hoffmann-Tauschwitz. Als Beispiel nannte er die Kreuzberger Heilig-Kreuz-Kirche. Nach einem Umbau in den 1990er Jahren haben dort auch Initiativen der Flüchtlingshilfe ihren Sitz. Der verbliebene Gottesdienstraum ist überdies für "weltliche" Veranstaltungen zu buchen. Dann wird der Altar beiseite gestellt.

Das katholische Verständnis des geweihten Sakralraumes erlaubt dies nicht. Doch die zunehmenden Wanderungsbewegungen bieten gerade in einer Metropole neue Chancen. "Die beste Umnutzung ist die Weitergabe an eine andere christliche Kirche", so Stefan Förner, der Sprecher des Erzbistums Berlin. Als ältestes Berliner Beispiel nennt er die Sankt-Ludgerus-Kirche in Schöneberg, die bereits 1984 der syrisch-orthodoxen Gemeinde zur Verfügung gestellt wurde. Selbst eine Verwendung als Galerie wie bei der früheren Kreuzberger Sankt-Agnes-Kirche kann nach Förners Worten eine "schöne Lösung" sein, wenn der Bau als Kunstwerk gewürdigt bleibt.

Pauschale Lösungen sind jedoch nicht sinnvoll, wie der Bistumssprecher zugleich einräumt. Stets muss nach seinen Worten im Einzelfall geprüft werden, inwieweit die Alternativkonzepte "ernsthaft, nachhaltig und finanziell abgesichert sind". Danach erübrigen sich oft Vorschläge, die Kirchenbauten etwa für Wohnungen oder Urnenanlagen zu nutzen. So hält Hoffmann-Tauschwitz den Einbau von Wohnungen in die Spandauer Lutherkirche zwar für einen "respektablen Versuch, aber zu einem völlig überzogenen Preis". Auch ein Umbau zum Kolumbarium ist aus seiner Sicht angesichts des "Leerstandes" auf den Friedhöfen wenig sinnvoll.

Auch eine Übertragung an andere Religionsgemeinschaften ist offenbar kein Königsweg. Der Übergang der Cottbusser Schlosskirche an die Jüdische Gemeinde ist nach Einschätzung von Hoffmann-Tauschwitz nur möglich, weil nach Entfernung der christlichen Symbole ein "neutrales Saalgebäude" blieb. Für noch weit problematischer hält der Kirchenarchitekt eine Umwidmung zur Moschee. "Dialogfähige muslimische Partner" warnten vor der Gefahr, dass eine solche Lösung "als Sieg der einen Religion über die andere interpretiert wird". 

Schon mit Blick auf die öffentlichen Fördermittel müssen die Kirchen aber auch unkonventionelle Lösungen erwägen. Die Instandhaltungszuschüsse von EU und Bund werden künftig weniger, so Abteilungsleiter Manfred Kühne von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Der Theologe Marcus Nitschke, der Kirchengemeinden bei Bauvorhaben und Fusionen berät, warnt jedoch davor, die emotionale Bedeutung zu unterschätzen, wenn Sakralbauten nicht mehr ihrer ursprünglichen Bestimmung dienen. "Das Verlustgefühl ist zumeist groß, selbst bei kirchenfernen Menschen."