Der gefährlichste Ort ist das Zuhause Neues Buch "Femizide" über Frauenmorde in Deutschland

Berlin (KNA) Ein Mann ertränkt im Mai 2020 in Werder bei Potsdam seine Frau im Gartenteich, weil er die von ihr vollzogene Trennung nicht akzeptieren will. In der Gerichtsverhandlung fragt der Richter explizit beim Angeklagten nach: "Was sind Frauen für Sie? Besitztum?" Ja, Frauen seien Besitztum für ihn, antwortet Wolfgang L. Er wird des Mordes für schuldig befunden und mit lebenslangem Freiheitsentzug bestraft.

Es sind Trennungstötungen wie diese, die die Journalistinnen Julia Cruschwitz und Carolin Haentjes für ihr Buch "Femizide. Frauenmorde in Deutschland" recherchiert und aufgeschrieben haben. Der anlässlich des Internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen an diesem Donnerstag erscheinende Band soll "die Problematik einer breiten Öffentlichkeit in einer möglichst verständlichen Weise bekannt machen", begründen die in Leipzig lebenden Autorinnen ihr Buch.

Dafür haben sie mit Polizisten, Sozialarbeitern und Soziologen gesprochen, Gerichtsprozesse besucht und Zeugen gehört. Es sind detaillierte Aufzeichnungen der Gespräche, die versuchen, einzelne Fälle nachzuvollziehen, um Ursachen aufzuzeigen und präventiv zu wirken.

Hinter den Taten, die oft "romantisierend" als "Beziehungsdrama" betitelt würden, stecke ein strukturelles Problem: "Frauen werden getötet, weil sie Frauen sind, von Männern, die ihnen die Entscheidungsgewalt über ihr Leben nehmen wollen. Das benennt der Begriff 'Femizid', der titelgebend für dieses Buch ist", heißt es im Vorwort.

Das Wort geht zurück auf die südafrikanische Soziologin Diana Russell, die ihn bereits 1976 prägte: "In der Vergangenheit wurden Hexen verbrannt, in der Gegenwart werden weibliche Babys umgebracht oder Frauen im Namen der Ehre getötet", sagte sie damals. Gewaltverbrechen, bei denen nur Mädchen und Frauen sterben und die Ausdruck von männlichem Dominanzdenken seien, bräuchten einen eigenen Begriff.

Unter Femiziden fassen die Vereinten Nationen entsprechend eine Vielzahl von Tötungsdelikten an Frauen zusammen - dazu zählt neben der Ermordung von Frauen infolge von Gewalt in der Partnerschaft auch die Tötung im Namen der "Ehre" oder der Tod infolge von Genitalverstümmelung.

"Frauen werden aus anderen Motiven und in anderen Situationen getötet als Männer. Männer sterben häufiger in kriegerischen Auseinandersetzungen oder im öffentlichen Raum, sie werden meistens von Fremden getötet. Frauen hingegen werden viel wahrscheinlicher zu Hause und von einem ihnen nahe stehenden Menschen umgebracht, etwa von Vätern, Brüdern oder Ehemännern", heißt es in dem Buch mit Verweis auf Studien.

Demnach ist der gefährlichste Ort für Frauen ihr Zuhause. 2018 kamen 50.000 Frauen weltweit in den eigenen vier Wänden gewaltsam zu Tode. 139 Frauen wurden in Deutschland laut Bundeskriminalamt im Jahr 2020 durch ihren (Ex)-Partner getötet, zudem wurden 319 versuchte Tötungen bekannt.

Die in dem Buch zitierte Soziologin Monika Schröttle von der Universität Erlangen-Nürnberg sagt, dass in den vergangenen zehn bis 15 Jahren, Tötungsdelikte an Männern, die im öffentlichen Raum begangen wurden, deutlich gesunken seien, während Tötungen von Frauen im privaten Raum gleich hoch geblieben seien.

"Wir haben als Gesellschaft scheinbar noch nicht an den richtigen Stellschrauben gedreht", so Schröttle. Die Ursache der Gewalt gegen Frauen sieht sie in gesellschaftlichen Strukturen: Männliche Machtansprüche seien in der Gesellschaft immer noch akzeptiert, die Geschlechterrollen hätten sich in der Tiefe nicht verändert. So sei es immer noch ungewöhnlich, wenn eine Frau mehr verdiene als ihr Mann. Viele Männer hätten ein Problem damit.

Die Fälle, die die Autorinnen schildern, gehen dem Leser nahe und zeigen Missstände in der Präventionsarbeit auf, zu denen neben mangelnder Forschung vor allem auch die vielerorts fehlenden Frauenhausplätze zählen. Auch das Kindeswohl sei bei Gewalt in der Partnerschaft zu wenig im Blick. So wie bei Manuela aus Thüringen, die von ihrem Mann krankenhausreif geschlagen wurde, aber trotzdem - auf Anweisung des Jugendamts - ihre drei kleinen Kinder zuhause bei ihm lassen musste, als sie wegen der Behandlung der Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert wurde.

"Die Gewalt richtete sich gegen die Mutter, nicht gegen die Kinder", argumentierte das Jugendamt damals und hielt es nicht für notwendig, sich der Kinder anzunehmen. Zwei Tage später waren zwei der drei gemeinsamen Söhne tot - von ihrem Vater erstochen.

Hinweis: Julia Cruschwitz/Carolin Haentjes: Femizide. Frauenmorde in Deutschland, Hirzel-Verlag, Stuttgart 2021, 18 Euro.