"Ferien ist schlecht"Auch kirchliche Schulen eröffnen Flüchtlingsklassen

Schüler spielen auf dem Schulhof der St. Franziskzus-Schule

Berlin (KNA) "A" und "F" und nochmal "F" und "E": Aida legt die Buchstaben des Kartenspiels nebeneinander. Dabei hilft der Zehnjährigen, dass die dazu gehörenden Abbildungen zusammen das Klettertier zeigen. Zufrieden lehnt sie sich zurück: Wieder ein Wort auf Deutsch gelernt.

"Wie heißt das in Afghanistan?", fragt Aniko Ramshorn-Bircsak und erhält prompt die Antwort. Die aus Ungarn stammende Deutschlehrerin unterrichtet keine Regelklasse an der Katholischen Schule Sankt Franziskus in Berlin-Schöneberg. Die vor gut drei Monaten eingerichtete Lerngruppe ist eine von rund 800 "Willkommensklassen" in der Hauptstadt. Sie sollen die Flüchtlingskinder möglichst schnell an das deutsche Bildungssystem heranführen.

Diese Herausforderung könnte kaum größer sein. Denn gemeinsam ist solchen Klassen, wie wenige Gemeinsamkeiten es unter ihren Schülern gibt. So stammen die sieben Jungen und vier Mädchen in der Schöneberger Willkommensklasse aus Afghanistan, Albanien, Bosnien, Sizilien, Syrien und dem Iran. Entsprechend viele Muttersprachen und Religionen bringen die Sieben- bis Elfjährigen mit. Auch der soziale Hintergrund unterscheidet sich stark. "Manche leben mit ihrer Familie noch provisorisch in einer Turnhalle, andere haben es schon zu einer eigenen Wohnung geschafft", weiß die Lehrerin.

Vielleicht ist es auch die prekäre Wohnsituation, dass sie einige ihrer Zöglinge manchmal nachdrücklicher zur Ordnung rufen muss als die anderen, vermutet Aniko Ramshorn-Bircsak. Insgesamt macht ihr die Arbeit aber "sehr viel Spaß". Die Kinder sind sehr viel motivierter als ihre deutschen Altersgenossen. Mit den Worten "Ferien ist schlecht" hatten sie ihre Lehrerin in die Winterpause verabschiedet.

Aniko Ramshorn-Bircsak konnte die freien Tage dagegen gut gebrauchen. Geeignetes Unterrichtsmaterial für die besonderen Anforderungen ihrer Schüler wird gerade erst entwickelt. So stellt sie es aus verschiedenen Lehrbüchern meist selbst zusammen. "Wir arbeiten viel mit Bewegung und Musik, mit Liedern über das Wetter oder die Familie", erläutert die Pädagogin, "da bleibt viel hängen". Rechnen lernen die Kinder mit ihren ganz unterschiedlichen Vorkenntnissen etwa durch Kartenspiele. Unterstützt wird Anika Ramshorn-Bircsak dabei zeitweise auch von einer Studentin.

Bislang läuft die Willkommensklasse noch weitgehend neben der Grund- und Oberschule mit insgesamt über 1.200 Schülern. Die neue Lerngruppe ist nicht im Schulgebäude, sondern aus Platzgründen in einem benachbarten Raum der Kirchengemeinde Sankt Matthias untergebracht. Doch vier Jungen nehmen bereits am Kunst- und Sportunterricht einer sechsten Regelklasse teil, so Grundschul-Konrektorin Claudia Reuer.

Generell ist die Bereitschaft der "freien Schulen" groß, zur Integration der Flüchtlingskinder beizutragen. "Das liegt auch an unserer engagierten Elternschaft", betont Andreas Wegener, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft "Schulen in freier Trägerschaft Berlin". Angesichts des großen Andrangs sind viele Privatschulen jedoch in Raumnot.

Bei kirchlichen Schulen mit ihrer engen Anbindung an Pfarrgemeinden sind die Voraussetzungen besser, so Bettina Locklair, die Schuldezernentin des Erzbistums Berlin. So gibt es Willkommensklassen in sechs katholischen Schulen der Hauptstadt, drei weitere sind fest geplant. In evangelischen Schulen sind sechs eingerichtet und zwei in Vorbereitung, wie Frank Olie von der Evangelischen Schulstiftung bestätigt. Insgesamt engagiert sich jede zweite kirchliche Schule Berlins auf diese Weise.

Nach anfänglichem Zögern nehmen nun auch die Bezirksschulämter die Integrationshilfe der freien Träger in Anspruch. Das Land Berlin fördert ihre Willkommensklassen faktisch zu rund 70 Prozent, die verbleibenden Kosten müssen die Träger selbst aufbringen. Als Nebeneffekt ihrer Flüchtlingshilfe erhoffen sich die freien Träger auch eine größere Wertschätzung durch die Schulpolitik. Sie sehen sich im Vergleich mit den staatlichen Schulen benachteiligt, obwohl bei ihnen bereits jeder zehnte Berliner Schüler lernt.