Gemeinsam über Brücken gehenErzbischof Koch eröffnet und bereist den neuen Pastoralen Raum Stralsund-Rügen-Demmin

Erzbischof Koch überreicht Pfarrer Andreas Sommer (re.) das Ernennungsdekret zum Leiter des Prozesses im Pastoralen Raums. Foto: Herrmann

Eröffnung des Pastoralen Raums Stralsund-Rügen-Demmin: Erzbischof Koch gibt den Gemeinden und Orten kirchlichen Lebens eine Kerze mit auf dem Weg. Foto: Herrmann

Am Abend des zweiten Tages beendete Erzbischof Koch seine Fahrt durch den neuen Pastoralen Raum mit einer feierlichen Messe in Maria Rosenkranzkönigin in Demmin. Foto: Herrmann

Bei seiner Fahrt durch den Pastoralen Raum suchte Erzbischof Koch das Gespräch mit den Gläubigen wie hier in Bergen auf Rügen. Foto: Herrmann

Auf seinem Weg durch den Pastoralen Raum besuchte Erzbischof Koch alle zwölf Gottesdienstorte, wie die Wallfahrtskirche in Sellin auf Rügen oder die Kirche Stella Maris auf Rügen, Zentrum der Tourismuspastoral. Foto: Herrmann

Erzbischof Koch und Prof. Kostka beim Kickerspielen in der Pause. Foto: Alfred Herrmann

Erzbischof Koch interessierte sich besonders für die Orte kirchlichen Lebens wie hier für die katholische Kita in Stralsund. Er besuchte die Caritaseinrichtungen, das Seniorenzentrum der Caritas-Altenhilfe und die Tourismuspastoral. Foto: Herrmann

Sein Erzbistum reicht bis an die Ostsee: Erzbischof Koch auf der Seebrücke in Zingst. Foto: Herrmann

„Der eigentliche Sinn eines Pastoralen Raumes ist es, gemeinsam Brücken zu überschreiten, zu anderen Gemeinden, zu unseren Orten kirchlichen Lebens, zu den Menschen, die Gott vergessen haben.“ Erzbischof Heiner Koch predigt frei. Hinter ihm die Wogen des Roten Meeres, die der Künstler Friedrich Press in einer monumentalen Wandskulptur aus Backstein in Szene setzte. Vor ihm katholische Christen von der Insel Rügen, aus Stralsund, Barth, Zingst, Richtenberg, Demmin. In der Hand hält er einen kleinen, fast unscheinbaren Stein aus der Brücke in Mostar. Für ihn ein Symbol, das den Kerngehalt des Pastoralen Prozesses „Wo Glauben Raum gewinnt“ sichtbar werden lässt. „Wir müssen nur den Mut aufbringen, wir müssen es nur wagen, die Brücke, die Jesus Christus uns baut, zu überschreiten“, appelliert er in der Kirche zur Heiligen Dreifaltigkeit in Stralsund.

Mit drei Gottesdiensten in Bergen auf Rügen, Stralsund und Demmin eröffnete Erzbischof Heiner Koch in der vergangenen Woche den dritten Pastoralen Raum im Erzbistum Berlin. An zwei Tagen bereiste er alle drei Pfarreien St. Bonifatius, Heilige Dreifaltigkeit und Maria Rosenkranzkönigin. Er besuchte sämtliche zwölf Kirchorte und zahlreiche Orte kirchlichen Lebens. Begleitet wurde er während der gesamten Zeit von Markus Weber, Leiter der Stabsstelle des Erzbischofs „Wo Glauben Raum gewinnt“, zudem auf einzelnen Etappen von den Dezernenten des Erzbischöflichen Ordinariats sowie von Caritasdirektorin, Professorin Dr. Ulrike Kostka. Im neuen Pastoralen Raum leben rund 6.500 Katholiken, drei Prozent der Gesamtbevölkerung. Diaspora. Am Ende der nun anstehenden dreijährigen Entwicklungsphase steht die Gründung der flächenmäßig größten Pfarrei Deutschlands mit einer Ausdehnung von über 150 Kilometer, von Altentreptow bis nach Kap Arkona.

„Die große Vielfalt dieses Pastoralen Raumes ist Stärke und Herausforderung zu gleich“, ist Pfarrer Andreas Sommer überzeugt, „mit Darß und Rügen, wo der Tourismus eine große Rolle spielt, mit dem weiten Land in der Pfarrei Demmin, wo sich der demographische Wandel stark zeigt, und mit Stralsund, einer Kleinstadt mit katholischen Institutionen in ganz unterschiedlichen Bereichen.“ Der Pfarrer von Stralsund und Bergen wurde durch Erzbischof Koch zum Leiter des Prozesses im Pastoralen Raum ernannt. Sommer möchte den Katholiken in der Region künftig helfen, ihre Taufgnade zu entdecken und in dieser Berufung, das kirchliche Leben vor Ort eigenverantwortlich zu gestalten.

Hoffnungen und Bedenken

Die Gläubigen feierten den Auftakt der Entwicklungsphase mit gemischten Gefühlen. Vor allem die Größe des Pastoralen Raumes bereitet vielen Unbehagen. „Die Gläubigen haben Angst, dass sie vergessen werden. Sie können sich nicht vorstellen, wie Seelsorge in so einem großen Raum funktionieren kann“, berichtet Gemeindereferentin Maria Klatt über ihre Erfahrungen in Demmin. Heinz Moritz aus Barth sieht eine hohe Belastung auf die Priester und das Pastorale Personal zukommen, wenn diese künftig noch weitere Wege zurücklegen müssen, vor allem in der Urlaubssaison, wenn die Straßen im Ostseeraum völlig überlastet sind. „Wir brauchen viele kleine aktive Gemeinschaften und nicht nur Großveranstaltungen. Wir sollten sehen, das was vor Ort gut funktioniert, zu bewahren“, warnt Hannelore Botterbrodt aus Bergen vor Zentralisierung.

„Bislang war jede Gemeinde sehr für sich. Jetzt besteht die Chance, sich mehr zu öffnen und aufeinander zu zugehen“, setzt Kerstin Baudet von der Insel Rügen ihre Hoffnung in den Prozess. „Wir können von den anderen lernen, von ihren Erfahrungen zum Beispiel mit jungen Christen, mit Senioren, mit der Flüchtlingsarbeit, der Tourismusseelsorge.“ Sich künftig in der Diaspora als größere Gemeinschaft zu erleben, darin sehen viele ein Chance. „Es stärkt, wenn man sich als Christ nicht immer nur als Geisterfahrer wahrnimmt“, meint Pfarrvikar Markus Hartung. „Gerade für Jugendliche ist es gut, wenn sie sich als größere Gruppe erfahren“, meint Manuela Stabenow aus Demmin. „Wenn sie wissen, eigentlich sind wir eine größere Gemeinschaft, dann fällt es ihnen vielleicht leichter, sonntags alleine in der Messe zu sitzen.“

Demographische Schieflage und Tourismus

„Wir sind sehr glücklich, dass sich der Erzbischof die Zeit nimmt und den Kontakt zu den Menschen vor Ort sucht“, zeigt sich Sibylle Gunder vom Besuch des Erzbischofs begeistert. Sie wartet auf ihn an der Kirche Stella Maris in Binz. Gunder kennt die Probleme auf Rügen. Vor allem die demographische Entwicklung mache der politischen Gemeinde wie der Pfarrei zu schaffen. „Wir überaltern hier. Die mittlere Generation zieht weg. Wer nicht im Tourismus oder in der Pflege tätig ist, hat wenig Aussicht auf Arbeit. So mancher lebt mittlerweile in der dritten Generation von Sozialhilfe und Hartz IV.“

Die zahlreichen Touristen überdecken diese kritische Situation und bilden zugleich eine besondere Herausforderung an Seelsorge und Pastoral. Allein 1,3 Millionen Gäste kommen Jahr für Jahr auf die Ostseeinsel Rügen, rund 400.000 auf den Darß. Die Theologin Regina Walter arbeitet seit Februar als Tourismusseelsorgerin in Binz und Zingst. Getragen wird ihre Stelle durch das Erzbistum. „Wir versuchen, den Menschen, die im Urlaub Ruhe suchen und vielleicht auch Zeit für existentielle Fragen haben, von Seiten der katholischen Kirche entsprechende Angebote zu machen“, erklärt Walter. Mit offener Kirche, spirituellen Impulsen und Gottesdiensten komme sie den Touristen entgegen, zugleich weite Tourismuspastoral das kirchliche Angebot auch für die Katholiken vor Ort. „Die Pfarreien sind mit ihren Kirchen nicht nur Einladende, sondern selbst Eingeladene.“

Auch die Pfarrei möchte in den Tourismus investieren und ihr baufälliges Pfarrhaus in Binz abreißen, um es durch ein Gästehaus zu ersetzen. Die Zimmer könnten während der Hauptsaison im regulären Ferienbetrieb vermietet werden und in der Vor- und Nebensaison als Einkehrhaus für katholische Gruppen und Sinnsuchende dienen. Alleine stemmen kann die Pfarrei das Projekt allerdings nicht.
So steht es auch mit einer anderen Idee, die die Pfarrei dem Erzbistum präsentiert. Die Kirche in Garz ist für die örtliche Gemeinde mittlerweile zu groß. Und da es bislang keinen katholischen Friedhof auf Rügen gibt, entstand die Überlegung, ein Kolumbarium einzurichten, in dem auch Gottesdienst gefeiert werden kann. „Wir wollen die Kirche als Gottedienststandort für die Pfarrei erhalten und zugleich eine Begräbnisstätte schaffen“, erklärt Winfried Langer vom Kirchenvorstand.

Vorbildlich vernetzt

„Wenn einer sagt: Ich mag dich, du, ich find dich ehrlich gut“, singen 20 Kinder im Chor. Sie umringen Erzbischof Koch auf dem Spielplatz der Kindertagesstätte „Marienkrone“ in Stralsund. Er klatscht und singt fröhlich mit. Orte kirchlichen Lebens stehen auf der Agenda des zweiten Besuchstags. Marienkrone ist die einzige katholische Kita im gesamten Pastoralen Raum. 66 Kinder besuchen die Einrichtung, berichtet die Leiterin Ulrike Peters, während sie durch die modernen Gruppenräume führt. Mit dem katholischen Seniorenzentrum St. Josef der Caritas-Altenhilfe, das sich in der direkten Nachbarschaft befindet, arbeite die Einrichtung eng zusammen. Kinder und Senioren besuchten sich regelmäßig, erklärt Peters.

Bereits am Morgen beschäftigte sich die Delegation aus dem Erzbischöflichen Ordinariat mit dem katholischen Religionsunterricht. Anders als in Berlin und in Brandenburg zählt Religion in Mecklenburg-Vorpommern zu den Wahlpflichtfächern. Sechs Lehrkräfte und Pastorale Mitarbeiter unterrichten rund 150 Schülerinnen und Schüler in 21 Lerngruppen, sowohl in Gemeinderäumen als auch in Schulen, referiert Gemeindereferent Stefan Mark. Er plädiert für Religionsunterricht, der direkt an die Schulen angebunden ist. Positive Erfahrungen sammle man am Gymnasium in Rügen, an dem Pfarrvikar Markus Hartung Schülerinnen und Schüler sogar zum Abitur führt. Es könnten noch mehr Mädchen und Jungen erreicht werden, ist sich Mark sicher, und das Fach Katholische Religion auch zu einer Alternative für konfessionslose Kinder und Jugendliche werden. Allerdings fehle es dazu an Lehrkräften. Umgekehrt zeige der zentrale Unterricht in den Gemeinderäumen in Stralsund, dass Kinder wie Eltern von der größeren Gemeinschaft profitierten und stärker an die Gemeinde angebunden werden können.

Vorbildlich eng vernetzt präsentieren sich Pfarrei und sozial-karitative Initiativen in Stralsund. „Alle sechs Wochen treffen sich die örtlichen Verantwortlichen der Caritasinitiativen, der Kindertagesstätte, des Seniorenzentrums, der Malteser-Werke, der Pfarrei, um sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen“, berichtet Martina Steinfurth, Leitung des Caritas-Regionalzentrum Stralsund. Zahlreiche Ehrenamtliche engagieren sich im ambulanten Hospizdienst, bringen sich im Besuchsdienst im Caritas-Seniorenzentrum ein, helfen in der Begegnungsstätte Caritasse mit, unterstützen die Flüchtlingshilfe, die die Malteser-Werke in Stralsund und Barth leistet. „Die Rückbindung dieser Ehrenamtlichen an die Pfarrei ist uns wichtig“, betont Steinfurth. Ein besonderes Zeichen der Verbundenheit zeigt sich im Pfarrfest. Es findet nicht hinter der Kirche statt, sondern auf der Freifläche zwischen Kindertagesstätte und Caritas-Seniorenzentrum. Alle Einrichtungen und Initiativen sind eingebunden.

Jeder auf seine Weise und doch gemeinsam

„Es ist wirklich erstaunlich, was es in diesem Pastoralem Raum an Aktivitäten, lebendigen Orten und gutem Zusammenwirken gibt, gerade wenn man die Zahl der Katholiken betrachtet“, resümiert Erzbischof Koch am Ende seiner Erkundungsreise. „Dieser Pastorale Raum besitzt ein enormes Potential. Das Erzbistum könnte personell wie finanziell unheimlich viel investieren, um das ehrenamtliche Engagement hier zu unterstützen. Allerdings sind unsere Möglichkeiten personell wie finanziell sehr begrenzt. Leider.“ Wegen der Größe des Pastoralen Raums hat Erzbischof Koch keine Bedenken. Vielmehr brauche die Kirche in dieser Diaspora die Vernetzung vieler bunter kleiner Initiativen. Denn nicht jede kleine Gemeinschaft, nicht jeder kleine Ort könne alle Funktionen, die wichtig sind, und alle potentiellen Herausforderungen alleine angehen. „Pastoraler Raum heißt nicht, dass wir alles auf einen Ort zentrieren sollen, sondern dass wir die vielen Gemeinschaften, Institutionen und Aktivitäten miteinander vernetzen, damit sich jeder auf seine Weise dem gemeinsamen Sendungsauftrag stellen kann.“